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Kein Katastrophenszenario, aber dennoch: im Landkreis Neu-Ulm stehen Rüben- und Getreidefelder unter Wasser. Die Landwirte sehen als Ursache nicht nur den Klimawandel, sondern auch die Flächenversiegelung.

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Regen-Sommer 2021: Fällt jetzt die Ernte ins Wasser?

Die Landwirte fürchten um ihre Ernte: Von Trockenheit und Hitze ist diesen Sommer wenig zu spüren, stattdessen stehen vielerorts in Schwaben die Felder unter Wasser. Ursache dafür ist wohl nicht nur der Klimawandel.

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Von
  • Peter Allgaier
  • Anna Klein
  • Matthias Lauer

Seit einigen Wochen kommt in Schwaben so viel Regen vom Himmel wie selten zuvor. Die Wassermassen sorgen nicht nur für Hochwasser, sondern bereiten auch der Landwirtschaft große Probleme. Im Landkreis Neu-Ulm fürchten die Bäuerinnen und Bauern sogar um ihre Ernte.

Wassermassen lassen Früchte verfaulen

Martin Säckler baut in Attenhofen Futterrüben an – wie viele er davon dieses Jahr ernten kann, ist allerdings fraglich, denn seine Felder stehen seit Tagen unter Wasser. Die Wassermassen haben die Rüben sogar auf einen benachbarten Acker geschwemmt. Mit einem Kompressor versucht der Landwirt deshalb, das Wasser abzupumpen.

Doch um zu retten, was noch zu retten ist, muss nicht nur der Boden trocknen. Auch die verfaulten Rüben müssen aussortiert werden, damit die Fäule nicht auf die anderen Früchte übergeht.

Zeitpunkt der Getreideernte unklar

Andere Landwirte wagen sich derzeit ebenfalls nur mit Gummistiefeln auf ihr Feld. So mancher fragt sich, wie er sein Getreide einfahren soll. Landwirt Anton Glogger-Hönle aus Attenhofen: "Wenn man mit einem normalen Mähdrescher auf ein zu nasses Feld fährt, dann kann das den Boden beschädigen.” Im schlimmsten Fall bleibt das gut 20 Tonnen schwere Gerät stecken. Dabei wäre jetzt Erntezeit, zum Beispiel für die Wintergerste. “Doch stehen die Wurzeln tagelang im Wasser und bekommen keinen Sauerstoff mehr, dann stirbt die Pflanze irgendwann ab”, sagt Glogger-Hönle, der auch als Pflanzenbauberater arbeitet.

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Das Feld mit Braugerste ähnelt einer Moorlandschaft

Warum kam so viel Wasser nach Attenhofen?

Eigentlich können die Böden ein gutes Dutzend Liter Wasser aufnehmen, doch dieses Maß überschreiten die jüngsten Wassermassen deutlich. In Attenhofen stand das Wasser mancherorts bis zu den Ähren.

Josephine Glogger-Hönle betreut eigentlich eine Initiative, die Kindern und Jugendlichen Wissen über die Landwirtschaft vermittelt. Doch sie investiert auch viel Arbeit in die Pflege der Ackerböden des elterlichen Hofs. "Mir fällt es schwer, wenn man so viel Herzblut reinsteckt und dann den eigenen Früchten beim Verfaulen zuschauen muss.“

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Die Böden können kein Wasser mehr aufnehmen. Alles ist überflutet.

Glück im Unglück im Vergleich zu Landwirten im Norden

Eine Ursache der Unwetter ist wahrscheinlich der Klimawandel, da sind sich viele Landwirte in Attenhofen einig. Neben den Ernteeinbußen bedeutet das wandelnde Klima auch ideelle Verluste: So hat ein Sturm die gut 150 Jahre alte Linde in Attenhofen, den sogenannten Kugelbaum, einfach umgeweht. Hier hatte sich das halbe Dorf getroffen, um gemeinsam nach gelungener Ernte zu feiern.

Doch einige Landwirte sagen auch, dass sie noch Glück im Unglück hatten. Gerade im Vergleich zu vielen Landwirten in nördlicheren Bundesländern. “Wir haben einen Hilferuf aus Nordrhein-Westfalen erhalten, dass sie zu wenig Futter für ihre Tiere haben," sagt Andreas Harder aus Wullenstetten. Also spendete er mit seinem Pferdehof 50 Heuballen und brachte sie aus Schwaben in den Norden.

Wald und Getreidefelder verwüstet

Wie stark die Landwirte von den Unwettern getroffen wurden, ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Bei Christian Hartmann in Bergenstetten bei Illertissen hatte es nicht nur einige Getreidefelder verhagelt. Ein Sturm drückte auch gut ein Drittel seines Waldes um. “So ein schweres Unwetter habe ich noch nicht erlebt”, sagt Hartmann: “Der Sturm hat den 35-jährigen Bestand einfach niedergemacht.” Der Landwirt steht inmitten vieler Stämme, die bald abtransportiert werden. Im Wald klappt nun ein großes Loch. “Das ist jetzt alles offen. Da können wir warten, bis der nächste schwere Sturm kommt, dann drückt es weitere Bäume um.” Und auch Hartmann zeigt bei einer kleinen Rundfahrt mit seinem Geländewagen immer wieder auf nasse Felder.

Versiegelte Flächen leiten das Wasser um

Dass die Ackerböden immer stärker volllaufen, hat nach Meinung der Landwirte noch eine Ursache. Für die Gewerbegebiete im Umland wurden in den vergangenen Jahren zunehmend Bodenflächen versiegelt. Dort kann kein Wasser mehr versickern. "Wir hatten eigentlich null Niederschlag in Attenhofen, doch durch die versiegelten Flächen kommt das Wasser schneller zu uns – und das wird schon extremer", erklärt Landwirt Thomas Purr. Zum Glück gibt es ja auch noch die moderne Technik.

Thomas Treu aus Witzighausen fährt mit einem besonderen Mähdrescher aus seiner Halle. Er hat statt Vorderrädern eine Art Gummikette wie ein Panzer. “Damit wird der Druck auf die Fläche geringer und man kann auch auf nasseren Feldern fahren, aber wenn noch das Wasser steht, geht es auch nicht," sagt Treu. Viele Landwirte im Kreis Neu-Ulm hoffen, dass es weiterhin so trocken wie in den vergangenen Tagen bleibt. Damit sie ihre Ernte doch noch einholen können.

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