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Recycling-Anlage bei München: Ein Gesundheitsrisiko? | BR24

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Recycling-Anlage in Garching-Hochbrück

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Recycling-Anlage bei München: Ein Gesundheitsrisiko?

Seit Jahren haben Anwohner einer Recycling-Anlage im Münchner Norden die Befürchtung, dass dort etwas nicht stimmt. Ein Gutachten bestätigt ihre Zweifel. Das Landratsamt München zieht nun eine Stilllegung in Betracht.

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Von außen sieht man nicht viel von der Recycling-Anlage in Garching-Hochbrück. Auf einer Seite ist ein Zaun mit Sichtschutz. Durch die Löcher sieht man Berge von Altholz oder Bauschutt. Aus der Ferne ist das schwer zu erkennen. Schaut man durch den Einlassbereich, entdeckt man mehrere Hallen. Ununterbrochen brausen Lastwagen heran. Was sie geladen haben, ist nicht zu erkennen.

Auf dem Betrieb, der sich "Die Umweltmeister" nennt, werden Gewerbemüll, Bauschutt und Sperrmüll verarbeitet und recycelt. Zu den Kunden zählt zum Beispiel der Landkreis München. Dieser liefert unter anderem den auf seinen Wertstoffhöfen abgegeben Elektroschrott, Sperrmüll und Altholzabfälle auf der Recycling-Anlage ab. Der Abfallwirtschaftsbetrieb der Stadt München bringt nicht verbrannten Müll aus seinem Heizkraftwerk auf die Recycling-Anlage.

Landratsamt: Keine Genehmigung für viele der Anlagen

Das Landratsamt München ist jedoch gleichzeitig die überwachende Behörde des Betriebes. Und als solche stellt sie nun in einem Schreiben fest, dass der Recyclingbetrieb "Die Umweltmeister" für viele der dort betriebenen Anlagen keine Genehmigung besitzt. Demnach entsprechen die Aufbereitungsanlagen für Sperrmüll, Altholz und Gewerbemüll nicht den vom Landratsamt genehmigten Auflagen.

Auch die Anlage zur Behandlung gefährlicher mineralischer Abfälle wie zum Beispiel Asbest wird, so heißt es in dem Schreiben, in nicht genehmigten Umfang betrieben. Außerdem wurde auf dem Recyclingbetrieb offenbar brennbares Material gelagert, was nach den Brandschutz-Auflagen ebenfalls nicht erlaubt ist. Deswegen stelle sich die Frage nach der Stilllegung für diese Anlagen, so das Landratsamt München.

Erleichterung bei den Anwohnern

Für die Anwohner im angrenzenden Lohhof-Süd bedeutet diese Feststellung eine Erleichterung. In dem Unterschleißheimer Stadtteil Lohhof im Norden von München gibt es viele Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften. Man kann sich gut vorstellen, wie im Sommer in den Vorgärten gegrillt wird, sich Nachbarn über den Zaun unterhalten und Kinder über die Spielplätze sausen.

Jetzt, im Übergang von Herbst auf den Winter, ist das schwer vorstellbar: Zu grau, zu kalt ist es draußen. Doch glaubt man den Worten von Anwohner Andreas Erbenich, ist es selbst bei sommerlichen Temperaturen unangenehm in manchen Vorgärten in Lohhof – besonders bei Ostwind. Dann, sagt Erbenich, stinke es wechselweise nach Müll, Plastikmüll, Chemie und verfaulenden Abfällen.

Staub auf krebserregende Stoffe untersucht

Die Anwohner vermuten, dass aus der Anlage nicht nur Gestank, sondern auch belasteter Staub in die Vorgärten und auf Spielplätze gelangt. Deswegen hat sich vor einigen Jahren das "Aktionsbündnis Lohhof-Süd gegen Gestank und Krach" gegründet. Im Vorstand sitzen Andreas Erbenich, Thomas Spott, Anneliese Szegö und Eckhard Kirchner.

Vor einiger Zeit hat das Aktionsbündnis Staubproben auf dem Gelände der Anlage genommen und analysieren lassen. Der Staub enthielt laut Aussage von Eckhard Kirchner erhöhte Mengen an krebserregenden Substanzen wie zum Beispiel polychlorierte Biphenyle, kurz PCB. Dieser Stoff ist so giftig, dass er seit 2001 weltweit verboten ist.

Um zu überprüfen, ob und welche Gefahren von der Recycling-Anlage ausgehen, haben die Mitglieder des Aktionsbündnisses Akteneinsicht beantragt; die Akten reichen zurück bis in Jahr 1983. Rund 2.300 Seiten haben die Mitglieder des Aktionsbündnisses abfotografiert und dann einem Sachverständigen zur Durchsicht übergeben. Das Gutachten wurde von der Stadt Unterschleißheim mit rund 30.000 Euro mitfinanziert.

Gutachten spricht von "dringendem Sanierungsbedarf"

Der Sachverständige kommt zu dem Schluss, dass zum Beispiel nahezu alle Abfälle im Freien zwischengelagert werden. So könne Staub ungefiltert in die Luft gelangen. Grundsätzlich wird festgehalten, dass nahezu auf der gesamten Anlage ein "dringender Sanierungsbedarf" bestehe. Die sogenannte Aufbereitungshalle weise eine Reihe von undichten Stellen auf, aus denen Staub nach außen dringen könne.

Was die Auskünfte vom Landratsamt betrifft, so wird der Behörde auf Seite zwei des Gutachtens ein zögerliches Verhalten vorgeworfen. Die Vorstandsmitglieder des Aktionsbündnisses bestätigen diese Aussage. So seien ihnen bei einer ersten Akteneinsicht nur 45 Seiten zur Verfügung gestellt worden. Erst durch Nachhaken seien dann mehrere tausend Seiten bereitgestellt worden.

Landratsamt: Mängel erkannt und geahndet

Das Landratsamt hingegen sagt, der erste Antrag der Bürgerinitiative sei zu unbestimmt formuliert gewesen. Deswegen hätte man die Unterlagen zur Verfügung gestellt, die aus Sicht des Landratsamtes am hilfreichsten gewesen seien. Erst als detaillierte Anfragen durch das Aktionsbündnis gestellt wurden, hätte man weitere Unterlagen aushändigen können.

Weiter heißt es, dass die Anlage wie vorgeschrieben kontrolliert worden sei. Das Landratsamt bestätigt, dass dabei auch Mängel erkannt und geahndet wurden. Bezogen auf die undichte Halle wird festgehalten, dass eine komplett dichte Halle nicht in der Baugenehmigung von 1993 vorgeschrieben sei.

Neuer Betreiber verspricht Verbesserungen

Seit Mai 2017 hat die Anlage einen neuen Betreiber. Dieser betont, dass sich das Gutachten auf Ereignisse beziehe, die überwiegend vor seiner Zeit stattgefunden hätten. In einer Stellungnahme an den Bayerischen Rundfunk heißt es: "Tatsache ist, dass wir zum Zeitpunkt der Aufnahme unserer Geschäftstätigkeit am Standort Garching-Hochbrück einen Recyclingbetrieb in desolatem Zustand vorgefunden haben." Weiter: "[...] Diese Abweichungen wurden und werden [...] in enger Abstimmung mit den Behörden schnellstmöglich beseitigt."

Doch ob die Abweichungen bei den betroffenen Anlagen tatsächlich beseitigt werden können, ist fraglich. Das Landratsamt gibt dem Betreiber die Chance, sich zu den festgestellten Mängeln bis Mitte Dezember zu äußern. Dem Bayerischen Rundfunk sagte der neue Betreiber in einer Stellungnahme, dass Abfälle nun so gelagert würden, dass nichts nach außen dringen könne. Sie würden in speziellen Boxen gelagert und durch Planen geschützt. Die Emissionen aus den Hallen lägen im Rahmen der zulässigen Grenzwerte. Außerdem habe man in Anlagen zur Staubminderung investiert.

Bezogen auf die PCB-haltige Probe, die von dem Aktionsbündnis Lohhof-Süd entnommen wurde, wird darauf verwiesen, dass das Entsorgen von PCB-haltigem Abfall in gewisser Menge erlaubt sei. Das bestätigt auch das Landratsamt. Zudem, so das Landratsamt, lasse die vom Aktionsbündnis genommene Staubprobe keinerlei Rückschlüsse auf die Luftbelastung in Lohof-Süd zu. Es werde aber an einem Messkonzept gearbeitet, um Staubimmissionen in der Umgebung der Anlage zu messen.

2017: Tonnen belasteter Schlamm auf Nachbargrundstück versickert

Im Juli deckte der "Münchner Merkur" auf, dass der neue Betreiber im Sommer 2017 mehrere Tonnen belasteten Schlamm auf einem Nachbargrundstück versickern habe lassen. Vonseiten des Betreibers heißt es hierzu, dass es sich um den Fehler eines einzelnen Mitarbeiters bei der Zwischenlagerung des Schlamms gehandelt habe. Es seien alle notwendigen Maßnahmen ergriffen worden, und es sei keinerlei Schaden entstanden.

Auf die Frage, ob und wann das Landratsamt über den Vorfall informiert worden sei, entgegnet der Betreiber in seiner schriftlichen Stellungnahme, dass der Vorfall vorschriftsmäßig im Betriebstagebuch vermerkt wurde, das für die überwachende Behörde jederzeit einsehbar sei. Das Landratsamt entgegnet seinerseits, dass es über den Vorfall durch den "Münchner Merkur" informiert worden sei und daraufhin die Polizei eingeschaltet habe.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts einer Umweltstraftat

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts einer Umweltstraftat. Anfang September haben die Mitglieder des Aktionsbündnisses beim Landratsamt beantragt, die Recycling-Anlage stillzulegen. Mit dem neuen Schreiben des Landratsamtes München, sind sie der Umsetzung nun einen Schritt näher.