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Rechtsextreme Kampfsportler: Problem-Studio in Augsburg? | BR24

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Kampfsport wie Kickboxen oder Mixed Martial Arts sind populär, besonders unter Rechtsextremen. Experten kritisieren seit Jahren, dass die Kampfsportszene das duldet und nicht gegensteuert. Das zeigt auch ein Beispiel aus Augsburg.

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Rechtsextreme Kampfsportler: Problem-Studio in Augsburg?

Kampfsport wie Kickboxen oder Mixed Martial Arts sind populär, besonders unter Rechtsextremen. Experten kritisieren seit Jahren, dass die Kampfsportszene das duldet und nicht gegensteuert. Das zeigt auch ein Beispiel aus Augsburg.

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Es ist ein unauffälliges Boxstudio: Die Tigers Arena an einer Ausfallstraße im Osten Augsburgs. Innen ist alles typisch für ein Box-Gym: Sandsäcke hängen von der Decke, ein Box-Ring ist aufgebaut, die Wände sind komplett verspiegelt, überall sind Pokale und Medaillen zu sehen. Betreiber des Studios ist Guido Fiedler, mehrfacher Deutscher Meister, mehrfacher Weltmeister und das sowohl im Boxen als auch im Kickboxen. Seit 2018 ist er Bundestrainer im Kickboxen.

Kindertraining statt Schlägertypen?

Fiedler ist damit eine Ausnahme im Boxsport, auch weil er mit Mitte 40 noch Profisportler ist. Doch sein Fokus habe sich in den letzten Jahren verändert, sagt Fiedler. Heute trainiere er eher Frauen und Kinder. Früher habe er das Image als "böser Kampfsportler" gepflegt. Inzwischen sei das anders. Heute könne er nichts mit "irgendwelchen massiven Schlägern" anfangen. Er wolle vor allem Kindern vermitteln, worauf es beim Kampfsport ankomme: Auf körperliches Training, aber auch auf gegenseitigen Respekt, auf Rücksichtnahme, auf Selbstbewusstsein.

Fiedler betont: Er kenne "jedes Mitglied einzeln, persönlich". Und er habe in den 22 Jahren, die er das Studio betreibt, noch nie jemanden rausgeworfen. Angesprochen auf Rechtsextreme sagt Fiedler: "Die Leute können in ihrer Freizeit machen, was sie wollen". Bisher habe er jedenfalls keine Probleme mit ihnen gehabt.

BR-Recherchen: Rechte trainieren wohl bei Fiedler

Recherchen des Bayerischen Rundfunks legen nun nahe, dass in den letzten Jahren mehrere Menschen aus der rechtsextremen Szene bei Guido Fiedler trainiert haben.

Soldiers of Odin - Rechtsextreme Bürgerwehr

Wir zeigen Guido Fiedler Fotos, die uns zugespielt wurden und die in seinem Studio aufgenommen wurden. Fiedler erkennt sofort Personen darauf. Unter anderem Personen mit "grenzwertigem Denken", wie er sagt. Auf Nachfrage konkretisiert Fiedler: "So ein bisschen rechte Szene und die Frau daneben glaube ich auch - oder Punk, keine Ahnung, so etwas in der Richtung."

Nach BR-Recherchen handelt es sich bei den beiden Personen um Anhänger der sogenannten Soldiers of Odin, einer vom bayerischen Innenminister Ende 2017 als rechtsextrem eingestuften Bürgerwehr. Fiedler sagt, dass die Personen nicht mehr bei ihm trainierten.

Voice of Anger - "Größte Skinhead-Gruppierung in Bayern"

Einen weiteren Kämpfer erkennt Fiedler ebenfalls sofort. Es handelt sich um eine Person, die Voice of Anger angehört, der "größten Skinhead Gruppierung in Bayern", wie der Verfassungsschutz 2019 schreibt. Diese Person ist unter anderem im April 2018 auf Fotos zu sehen, aufgenommen in der sächsischen Kleinstadt Ostritz. Er war auf dem Weg zum sogenannten "Schild und Schwert"-Festival, einer europaweit bekannten Rechtsrockveranstaltung. In Ostritz findet seit 2018 auch die rechte Kampfsportveranstaltung "Kampf der Nibelungen" mit ausschließlich rechten Kämpfern und rechtem Publikum statt. Anfang Oktober verbot die Stadt das diesjährige Kampfsportevent, da "die Veranstaltung keinen Sportcharakter" habe, sondern "der rechtsextremen Kampfertüchtigung und damit der Vorbereitung eines politischen Kampfes" diene.

Guido Fiedler zeigt sich von den BR-Recherchen aufgewühlt. Er werde mit dem Mitglied in seiner Schule reden müssen, so Fiedler.

Reichskriegsflagge im Studio

Darüber hinaus zeigen wir Fiedler ein Bild seines Studios, in dem die Reichskriegsflagge aufgehängt ist. Die habe er selbst vor einigen Jahren aufgehängt, als Deko und um zu provozieren. Mittlerweile sei die Flagge, die nicht verboten, aber in der rechten Szene verbreitet ist, nicht mehr in seinem Studio.

Bereits vor einigen Jahren hatte Guido Fiedler für Diskussionen gesorgt, weil er den rechtsextremen Rapper und Kampfsportler Chris Ares bei einem seiner Titelkämpfe auftreten ließ. Ares wird seit 2016 vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Im Jahr danach drehte er ein Video in der Kampfsportschule von Guido Fiedler.

Fiedler gibt sich nachdenklich

Brisant außerdem: Aufgrund seiner Vorstrafen hat das Schulamt in Augsburg Guido Fiedler 2016 untersagt, in Schulen Kampfsport zu unterrichten. Recherchen der Augsburger Allgemeinen Zeitung, die ihm eine Nähe zu Rockergruppen unterstellten, hätten sein Image als "böser Kampfsportler" geschürt, wie er sagt. Darauf und auf die Rechercheergebnisse des BR angesprochen, gibt sich Fiedler nachdenklich. Er sagt, er müsse das Interview zuerst einmal sacken lassen, wolle sich aber nach einigen Tagen bei uns melden, um mitzuteilen, wie er mit Rechten in seinem Studio umgehen will.

Experten kritisieren seit Jahren, dass die Kampfsportszene auf Rechte in den eigenen Reihen nicht reagiere, sondern diese dulde. Eine aktuelle Studie der beiden Rechtsextremismus- und Fanforscher Robert Claus und Olaf Zajonc kommt zu einem entsprechenden Ergebnis.

Wenige Tage nachdem wir Guido Fiedler die Ergebnisse unserer Recherchen gezeigt haben, telefonieren wir mit ihm. Er habe nachgedacht und wolle uns mitteilen, dass er jetzt für das Thema sensibilisiert sei.

Dennoch sehe Fiedler "kein Gefährder-Potenzial" in seinem Gym. Entsprechend wolle er niemanden ausschließen, oder zur Rede stellen, da das seiner Meinung nach "zu noch mehr Radikalisierung" führe.

© BR

Der Verfassungsschutz ist alarmiert: Auch in Bayern stählen Rechtsextreme ihre Körper in speziellen Gyms. Dabei geht es nicht nur um Kampfsport, sondern in letzter Konsequenz um den politischen Kampf. Sie trainieren für den Tag X.