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Rechte Hetze in Klassenchats | BR24

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Im November 2019 tauchten Hakenkreuze und Gaskammersprüche in Klassenchats am Grafinger Gymnasium auf. Die Polizei wurde eingeschaltet. Der Direktor der Schule ging offensiv damit um und erhielt dafür viel Lob. Doch seine Schule ist kein Einzelfall.

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Rechte Hetze in Klassenchats

Im November 2019 tauchten Hakenkreuze und Gaskammersprüche in Klassenchats am Grafinger Gymnasium auf. Die Polizei wurde eingeschaltet. Der Direktor der Schule ging offensiv damit um und erhielt dafür viel Lob. Doch seine Schule ist kein Einzelfall.

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In einem Klassenchat einer neunten Klasse des Gymnasiums Grafing tauchte im November rechtsextreme Hetze auf. Schulleiter Paul Schötz war entsetzt, als er die Chats las:

"Es war auf Anhieb klar, dass es sich um strafwürdige Dinge handelt. Das war antisemitisch. Ein abscheuliches Gedicht gegen Juden, das zum Töten auffordert. Und verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze und Sticker, von denen man weiß, dass sie alle in den rechtsradikalen Bereich gehören." Paul Schötz, Schulleiter des Gymnasiums Grafing

Naivität oder rechte Hetze?

Einige Schüler und Eltern hatten dem Schulleiter die Klassenchats gezeigt: "Heil! Heil Hitler!" Sogar das Neonazi –"Blutlied" ging rum: "Wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik! Wir sind zu jedem Massenmord bereit."

Die Jugendlichen, die das verschickt hatten, wollen nicht mit uns reden. Aber wir treffen Schüler, die sie kennen. Einer sagt: "Die sind jung und naiv, bisschen dumm." Schulleiter Paul Schötz sieht das anders:

"Wenn verbreitet wird: 'Wetzt die Messer am Bürgersteig, lasst sie flutschen in den Judenleib, Blut muss fließen knüppeldick‘, da ist eine Grenze überschritten, hier muss man einschreiten. Da kann ich nicht mehr sagen, das ist eine Kleinigkeit oder eine kleine Verfehlung." Paul Schötz, Schulleiter des Gymnasiums Grafing

Direktor macht den Fall öffentlich

Der Schulleiter ging in die Offensive, schrieb einen Brief an alle Eltern und nahm in Kauf, dass die rechte Hetze an seiner Schule öffentlich bekannt wurde: "Es war tatsächlich so, dass sich auf den Elternbrief hin viele bedankt haben mit Mails oder sogar vorbeigekommen sind. Dafür, dass man das mit Mut angeht und nicht vertuscht."

Viele Schüler hatten schon mehrfach rechte Bildchen aufs Handy bekommen. Ihre Eltern, auf die die Verträge laufen, ahnten davon meist nichts.

Rechtsextreme Hetze in Chats: immer mehr Schulen betroffen

Es ist ein Trend geworden: Mit Apps lassen sich Fotos oder verbotene Symbole ganz einfach mit einem vermeintlich witzigen oder provokanten Text kombinieren und verschicken. Weil der Direktor vom Grafinger Gymnasium die Polizei informierte, stellten die Beamten die Handys der Schüler sicher. Die Chats wurden mittlerweile ausgewertet. Florian Kraku von der Polizei Ebersberg sagt:

"Im Rahmen der Ermittlungen konnten drei Beschuldigte im Alter von 14 bis 16 Jahren festgestellt werden. Ihnen werden unter anderem die Tatbestände der Volksverhetzung sowie das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vorgeworfen." Florian Kraku, Polizei Ebersberg

Der Haupthetzer beim Klassenchat des Grafinger Gymnasiums kommt aus einer anderen Schule in Ebersberg. Er war zum Chat eingeladen worden. Der dortige Schuldirektor äußert sich auf Anfrage nicht. Wie viele andere Schulleiter in solchen Situationen geht er auf Tauchstation, ist nicht zu sprechen.

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Rechte Hetzparolen tauchen an vielen Schulen auf. Aber erst wenn die Polizei auftaucht, realisieren viele Schüler, dass Liken und Sharen dieser Inhalte nicht lustig, sondern oft strafbar ist. Was können Lehrer, Eltern und wir alle tun?

Verbindung zur rechten Szene?

Die Polizei ermittelt noch weiter. Es geht in solchen Fällen auch immer um die Frage, ob noch mehr dahintersteckt: Gibt es Verbindungen zu Rechtsextremisten? Beobachter der Szene berichten, dass es in der Gegend rechte Sympathisanten gibt. Mitarbeiter des Kreisjugendrings dokumentieren, dass Jugendliche immer wieder ausländerfeindliche Sticker und Plakate aufhängen. Es gibt offensichtlich eine Verbindung zur rechtsextremen identitären Bewegung.

Beratungsstellen kennen das Problem mit der digitalen Hetze an Schulen. Viele Jugendliche wissen oft nicht einmal, dass solche Postings strafbar sind, sagt Nicole Hieke vom Bayerischen Kreisjugendring:

"Wir nehmen schon seit Herbst 2018 wahr, dass immer mehr Anfragen kommen, auch in der Elternberatung. Ich kann das nicht in Zahlen ausdrücken. Ich kann nur sagen, das kommt aus ganz Bayern, aus Niederbayern, der Oberpfalz, dem fränkischem Raum. Und jetzt eben auch in Oberbayern. Der Unterschied ist nur, dass das Grafinger Gymasium das öffentlich gemacht hat, während es an anderen Schulen nicht öffentlich wird." Nicole Hieke, Bayerischer Kreisjugendring

Der Grafinger Schuldirektor hat kürzlich gegen drei Schüler den Disziplinarausschuss eingeschaltet. Weil die 14- bis 16-jährigen Reue zeigten, kamen sie nochmal davon und flogen nicht von der Schule.

Der Fall ist kein Einzelproblem des Grafinger Gymnasiums. Immer mehr Schulen haben sich wegen seines offenen Umgangs mit dem Fall beim Direktor gemeldet und ihn um Hilfe gebeten.

Auch das Kultusministerium hat das Problem erkannt und einen Handlungsleitfaden für Lehrer herausgegeben. Zusätzlich wurde mit dem Justizministerium eine Arbeitsgruppe mit Lehrern und Eltern gegründet.

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