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Rebellendorf: Wie Ermershausen um Eigenständigkeit kämpfte | BR24

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Nächtliche Polizeieinsätze und Fluchtversuche in die DDR: Ende der 70er-Jahre rebelliert der unterfränkische Ort Ermershausen gegen die Anbindung an den Nachbarort. 15 Jahre dauert es, bis der Konflikt beigelegt ist.

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Rebellendorf: Wie Ermershausen um Eigenständigkeit kämpfte

Nächtliche Polizeieinsätze und Fluchtversuche in die DDR: Ende der 70er-Jahre rebelliert der unterfränkische Ort Ermershausen gegen die Anbindung an den Nachbarort. Vor 25 Jahren wurde Ermershausen wieder selbständig.

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An die Nacht vom 19. Mai 1978 erinnert sich Werner Döhler aus Ermershausen noch genau: "Das Rathaus war von der Polizei abgeriegelt. Da war alles dabei: Polizisten mit Schilden, eine grüne Minna, Krankenwägen." Hundertschaften der Polizei dringen mitten in der Nacht ins Rathaus ein. Sie wollen Akten beschlagnahmen. Zuvor hatten die Ermershäuser das Gebäude verbarrikadiert und die Schlösser mit Blei ausgegossen. Der Einsatz geht als "Polizeiüberfall von Ermershausen" in die Geschichte ein.

Ermershausen verweigert Eingemeindung

Was war passiert? Mit der Gebietsreform vom 1. Mai 1978 soll das fränkische 600-Seelen-Dorf in den Nachbarort Maroldsweisach eingemeindet werden. Die Menschen in Ermershausen wollen sich ihre Eigenständigkeit aber nicht nehmen lassen, allen voran der damalige Bürgermeister Adolf Höhn. Er verweigert die Unterschrift zur Gebietsreform und lässt alle Fristen verstreichen. Als der Freistaat mit einem Polizeieinsatz droht, lässt er Wachposten aufstellen. Bei Gefahr sollen die Kirchenglocken geläutet werden.

Ermershäuser unternehmen Fluchtversuche in die DDR

Dass der Freistaat seine Drohung wahrmacht, befeuert den Trotz der Menschen nur noch weiter. Die Ermershäuserin Lydia Steuter erinnert sich, wie geschockt sie von dem Polizeieinsatz war: "Für mich waren das Eindrücke, die ich nicht mehr loswerde: Dass so etwas in einer Demokratie passieren kann, das hätte ich nie für möglich gehalten."

Eine Gruppe von etwa 50 Bürgern geht noch weiter: Am frühen Morgen nach dem Polizeieinsatz machen sie sich mit Kind und Kegel auf zur deutsch-deutschen Grenze, die nur wenige hundert Meter vor dem Ort liegt. Sie sind so empört, dass sie Ermershausen, Bayern und dem ganzen Land den Rücken kehren und in die DDR auswandern wollen. Nur gutes Zureden von Bürgermeister Adolf Höhn, der der Gruppe hinterhergefahren war, kann sie davon abhalten, die Grenze zu überqueren.

Politischer Widerstand

Aber auch ohne Auswanderung rebellieren die Ermershäuser von da an gegen die Obrigkeit. Sie boykottieren alle Wahlen und schmeißen ihre Wahlbenachrichtigungskarten in ein vor dem Rathaus aufgestelltes Toilettenhäuschen oder lassen sie an Ballons in die Luft steigen. Nachdem sich der bayerische Landtag 1989 mit dem Härtefall befasst, aber gegen eine erneute Ausgliederung entscheidet, ändern die Bürger ihre Strategie. Quasi über Nacht tritt fast der halbe Ort in die CSU ein und stellt auf einmal den größten Ortsverband im Landkreis Haßberge. Bei der Kommunalwahl 1990 gehen die Bürger von Ermershausen erstmals wieder zur Wahl und stellen einige Mitglieder im Marktgemeinderat ihres verhassten Nachbarorts Maroldsweisach. Das erregt Aufmerksamkeit, auch auf höheren politischen Ebenen.

Erfolg nach 15 Jahren Kampf

Immer mehr hochrangige Politiker schlagen sich auf die Seite des rebellischen Ortes. Edmund Stoiber war damals Innenminister. Er bringt die "Lex Ermershausen" auf den Weg - ein Spezialgesetz, durch das das Dorf die Eigenständigkeit wieder zurückbekommen soll. Der Landtag beschließt das Gesetz, und im Herbst 1993 haben die Ermershäuser Gewissheit: Sie haben den jahrelangen Kampf gewonnen. Am 1. Januar 1994 bekommt Ermershausen seinen Gemeindestatus zurück.

Heute erinnern noch ein Gedenkstein und eine Freiheitsglocke in der Ortsmitte und vor dem Rathaus an den langen Weg zur Eigenständigkeit. Das Rebellendorf Ermershausen: ein Symbol für hartnäckigen und am Ende erfolgreichen Widerstand.