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Corona-Strategie von Polen,Portugal, Dänemark und Großbritannien - Thema des Tages, Klaus Stöhr (Virologe)

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Raus aus der Pandemie: drei Länder zeigen, wie es geht

Lockdown, Notbremse, Hygiene, Reise-, Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen und kein Licht am Ende des Tunnels. Setzt Deutschland auf die falschen Strategien im Kampf gegen Corona und steigende Inzidenzen? Wie haben es andere Länder geschafft?

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Von
  • Jörn Sawatzki

Deutschland befindet sich, was die Corona-Neuinfektionen angeht, im exponentiellen Wachstum. Der Inzidenzwert steigt täglich. Während sich die britische Mutation immer stärker ausbreitet, verzeichnet Bayern schon die ersten nachgewiesenen Fälle der brasilianischen Corona-Mutante.

Beinahe täglich sind dieselben Forderungen von Politik, Wissenschaft und Medizin zu hören: Alles Leben herunterfahren! Wieder einmal. Ist das der einzige Weg, Corona und die aktuelle britische Variante in den Griff zu bekommen? Wie haben es Portugal, Dänemark und Großbritannien geschafft, ihre Inzidenzwerte zu senken?

Portugal

Portugal war vor zwei Monaten noch der Corona-Hotspot der Welt mit einer 7-Tage-Inzidenz von 840 (pro 100.000 Einwohner). Jetzt liegt sie bei 29. Grund für diese Entwicklung ist ein strikter Lockdown. Die Menschen dürfen ihre Wohnungen nur noch aus dringendem Anlass verlassen, etwa für den Weg zur Arbeit, zum Arzt oder zur Schule. Wer von zu Hause aus arbeiten kann, hat eine Homeoffice-Pflicht. Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, wahrscheinlich noch bis Mitte April. Die Portugiesen dürfen solange auch nicht den Landkreis verlassen, in dem sie gemeldet sind. Die Polizei kontrolliert das. Kritik an diesem harten Lockdown gibt es kaum. Die allermeisten Portugiesen halten sich im Alltag an die Vorgaben der Regierung.

Dänemark

In Dänemark dürfen Kinder ihre Großeltern in Altenheimen wieder besuchen und umarmen. Außerdem will das Land schrittweise aufmachen, und bereits Ende Mai soll ein fast normales Leben möglich sein. Dann sind nämlich laut nationalem Impf-Plan alle über 50 geimpft. Zusätzlich soll der sogenannte Corona-Pass bereit stehen: Diese App ist wie eine Art Eintrittskarte für Frisöre und Restaurants und zeigt an, ob die dazugehörige Person geimpft ist, kürzlich negativ getestet wurde oder Antikörper hat. Seit Beginn der Pandemie hat Dänemark sehr konsequent durchgegriffen. Schulen wurden schnell geschlossen, Grenzen dichtgemacht und es wurde von Anfang an ausführlich getestet und nachverfolgt. Das gilt auch heute noch. Derzeit hat Dänemark eine der geringsten Sterberaten in ganz Europa.

Großbritannien

In Großbritannien ist der Rückgang der Infektionszahlen vor allem auf den strengen Lockdown zurückzuführen. Anfang Januar lag der Inzidenzwert landesweit bei 640, jetzt ist er bei 56. Strenger Lockdown in Großbritannien heißt: Schulen und Geschäfte sind geschlossen, arbeiten von zu Hause, wo immer das möglich ist, private Treffen höchstens mit einer Person aus einem anderen Haushalt und das auch nur draußen. Keine Reisen, nicht einmal in die umliegende Region, geschweige denn ins Ausland, wenn dies nicht unbedingt erforderlich ist. In diesen Tagen nun kehrt schrittweise das öffentliche Leben ins Vereinigte Königreich zurück. Vor drei Wochen wurden die Schulen wieder geöffnet. Seit gestern können sich auch bis zu sechs Personen treffen, allerdings immer noch nur draußen. Und Premierminister Boris Johnson wird nicht müde zu warnen: Mit jedem Schritt werden auch die Infektionszahlen wieder steigen.

Wegen Mangel an Strategie: Von Lockdown zu Lockdown

Rückblickend kann man feststellen, dass aber auch diese Länder Fehler gemacht haben. Das sagt der Virologe und Epidemiologen Klaus Stöhr, der früher bei der WHO das SARS-Forschungsprogramm koordiniert hat, im Thema des Tages auf B5 aktuell. Doch der Mangel an einem Stufenplan und das Fehlen einer großen Forschungsagenda seien in Deutschland die größten Versäumisse gewesen, kritisiert der Virologe. So habe es in Portugal beispielsweise ein Rockfestival gegeben, das mit einem wissenschaftlichen Projekt verbunden war.

Eine weiterer großer Fehler sei gewesen, selbst im Winter noch "auf Sicht" gefahren zu sein, stellt Stöhr im B5-Interview fest und "von Lockdown zu Lockdown gestolpert" zu sein. Dabei hätte man mit Blick auf die Corona-Entwicklung mehr auf die regionalen Entwicklungen achten müssen. Der Stuhl brauche vier Beine, um zu stehen, so der Epidemiologe: "Öffnen, Testen, Disziplin und Eigenverantwortung".

Die aktuelle Entwicklung gebe aber Hoffnung, macht der Virologe Stöhr Mut. Denn die Sterberate sei in etwa so niedrig, wie Anfang November und die Intensivstationen seien insgesamt nicht so stark betroffen, wie sie es schon einmal waren. Würde der Blick stärker auf Sterberate und Intensivbetten-Belegung gerichtet, dann käme Deutschland mit Öffnen, Testen, Disziplin und Eigenverantwortung innerhalb der nächsten sechs bis acht Wochen gut aus der aktuell angespannten Lage heraus, ist sich Stöhr sicher und fordert abschließend "mehr Positivität".

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