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Rassismusvorwürfe im Ankerzentrum Waldkraiburg | BR24

© BR / Nadine Cibu

Rassismusvorwürfe im Ankerzentrum Waldkraiburg

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Rassismusvorwürfe im Ankerzentrum Waldkraiburg

Ein Sicherheitsdienst des Waldkraiburger Ankerzentrums soll einen Flüchtling aus Westafrika schwer diskriminiert haben. Bewohner beschwerten sich daraufhin. Kurz darauf kam es zu zwei Corona-Fällen - und zu Quarantäne-Maßnahmen, die Fragen aufwerfen.

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Flüchtlinge im Ankerzentrum Waldkraiburg werfen dem Sicherheitsdienst und der Heimleitung Rassismus und Diskriminierung vor. Ein Wachmann soll einen Bewohner massiv beleidigt haben. Daraufhin verfasste der Betroffene gemeinsam mit anderen Bewohnern einen Beschwerdebrief. Dieser ging mitunter an das Landratsamt Mühldorf. Eine weitere Kopie erhielt der Mitarbeiter der Regierung von Oberbayern, der regelmäßig in Waldkraiburg tätig ist. Der Brief wurde bis heute nicht beantwortet.

Ende April mussten dann 49 Flüchtlinge wegen möglicher Kontakte mit Corona-Infizierten in Quarantäne. 43 von ihnen nach Ingolstadt/Manching. Unter ihnen alle, die den Brief verfassten – und andere – aber nur Frauen und Männer aus Afrika südlich der Sahara. Der Grund: Zwei Camp-Bewohner wurden positiv auf Corona getestet. Einige Heimbewohner berichten dem BR, dass sie am Tag der Verlegung nicht wussten, was eigentlich passiere. Bewohner Pierre Kaheto erklärt, dass es lediglich eine Lautsprecherdurchsage im Camp gegeben habe. "Alle Afrikaner aus dem Kongo, Nigeria, Uganda, Sierra Leone und Tansania wurden aufgefordert: Geht runter, die Busse warten auf euch. Ihr geht in Quarantäne."

© Nadine Cibu BR

Ankerzentrum in Waldkraiburg

Einsatzfahrzeuge der Polizei holen Bewohner ab

Ein Großaufgebot der Polizei sei im Einsatz gewesen, erzählt Pierre Kaheto. Beamte hätten die Fahrzeuge bewacht, teilweise auf Pferden, andere mit Hunden.

Für viele fühlte sich dieser Moment wie eine Reise in die Vergangenheit an. Kaheto floh aus der Demokratischen Republik Kongo. "Wir hatten Angst. Es war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass die deutsche Polizei so viele Waffen hat", erzählt Kaheto, "und Hunde – nicht nur einen, sondern einige. Und Pferde. Es war wie im Krieg."

Ein förmlicher Bescheid des Gesundheitsamts Mühldorf ist mit dem 05. Mai 2020 versehen. Dieser informiert die Bewohner schriftlich über die Quarantäne-Anordnung. Der Brief soll jedoch in Ingolstadt/Manching nach Bewohner-Aussagen erst am achten Tag der Quarantäne eingetroffen sein. Auf den Briefen tauchen die Namen "Nathalie" und "Chris" auf. Angeblich die erkrankten Personen, zu denen die Bewohner engen Kontakt hatten. Doch einige kennen die beiden gar nicht. Auch Pierre Kaheto ist verblüfft: Chris sei sein Zimmernachbar im Camp. Und dennoch stehe bei ihm Nathalie als Kontaktperson, wie er dem BR erklärt.

Regierung von Oberbayern weist Vorwürfe zurück

Den Vorwurf einer "willkürlichen und diskriminierenden Vorgehensweise im Rahmen der vorübergehenden Verlegung der Kontaktpersonen ersten Grades" weist die Regierung von Oberbayern zurück. Die Auswahl der Personen, die unter häusliche Quarantäne gestellt wurden, sei durch das Gesundheitsamt Mühldorf unter Einbeziehung der Erkenntnisse der Unterkunftsverwaltung ausschließlich nach infektiologischen Gesichtspunkten erfolgt. So steht es in der Stellungnahme, die dem BR vorliegt.

Das Gesundheitsamt Mühldorf weist die Vorwürfe ebenfalls zurück. Dieses betont in einer schriftlichen Stellungnahme, dass die Entscheidung über die Quarantäne-Maßnahme in Zusammenarbeit mit der Regierung von Oberbayern und der Einrichtungsleitung vor Ort erfolgt sei.

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Pierre Kaheto, Flüchtling im Ankerzentrum Waldkraiburg

Bayerischer Flüchtlingsrat spricht von Diskriminierung

Der Bayerische Flüchtlingsrat begleitet die Vorfälle seit längerer Zeit. Für die Beraterin Jana Weidhaase ist klar:

"Die Auswahl für die Quarantäne der Personen war diskriminierend. In einem Ankerzentrum kann man schwer trennen. Es gibt zum Beispiel Gemeinschaftszimmer oder die Gemeinschaftskantine. Aber auch die Flure und Sanitäranlagen werden von allen BewohnerInnen benutzt. So könnte jeder Erstkontaktperson sein."

Der Flüchtlingsrat verfasste ebenfalls einen offenen Brief, welcher auch an die Verantwortlichen, wie die Regierung von Oberbayern und das Gesundheitsamt Mühldorf, ging. Der Flüchtlingsrat fordert eine Stellungnahme bezüglich der Quarantäne und der Beleidigung durch den Sicherheitschef.

Verlegung als Konsequenz

Seit über einem Monat sind die Bewohner bereits aus der Quarantäne wieder zurück in Waldkraiburg. Doch die Maßnahme hat bei vielen Traumata verursacht. Auch der Sicherheitsmitarbeiter, der die rassistischen Beleidigungen geäußert haben soll, arbeitet nach wie vor im Camp.

Auf Nachfrage bei der Regierung von Oberbayern erklärt Pressesprecherin Gros dazu, keiner der Bewohner habe sagen können, um welchen Mitarbeiter es sich genau handeln würde. Könne jedoch einer der Bewohner den Mitarbeiter benennen, dann würde man "arbeitsrechtliche Maßnahmen ergreifen". Denn bei Fehlverhalten seien bereits in der Vergangenheit entsprechende Mitarbeiter vom Dienst entlassen worden, versichert Verena Gros.

Für den Bewohner des Anker-Zentrums, Pierre Kaheto, und viele weitere ist diese Aussage der Regierung nicht nachvollziehbar. Sie könnten den Mitarbeiter zeigen und seinen vollständigen Namen nennen. Dass bis jetzt dennoch keine Konsequenzen erfolgt sind, wundert Jana Weidhaase vom Bayerischen Flüchtlingsrat nicht. Sie wisse aus Erfahrung, Konflikte würden in Anker-Zentren anders gelöst:

"Die Konflikte werden dann oft aufgelöst. Nicht, indem man Gespräche mit den Leuten führt oder Konsequenzen wie Entlassungen zieht", sagt Weidhaase. Oft würden die Personen die Konsequenzen zu spüren bekommen, die sich eigentlich gegen die ungerechten Behandlungen wehrten. "Es wird dann einfach entschieden, dass diese Bewohner oder Bewohnerinnen verlegt werden."

Pierre Kaheto und die anderen Geflüchteten hoffen weiterhin, dass sich etwas im Anker-Zentrum Waldkraiburg verändert. Ob Kaheto das noch miterlebt, bleibt offen – denn er wurde informiert, dass er verlegt werden soll.

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Jana Weidhaase vom Bayerischen Flüchtlingsrat

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Ein Sicherheitsdienst des Waldkraiburger Ankerzentrums soll einen Flüchtling aus Westafrika schwer diskriminiert haben. Bewohner beschwerten sich daraufhin. Kurz darauf kam es zu zwei Corona-Fällen - und zu Quarantäne-Maßnahmen, die Fragen aufwerfen.

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