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Am Sonntag blieb die Lage im Englischen Garten ruhig

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Randale-Lust und Corona-Frust: Brennpunkt Englischer Garten

Eine kleine Schlägerei, die sich zu einem Großeinsatz entwickelte: Die Polizei beklagt verletzte Beamte nach den Randalen am Samstag im Englischen Garten in München. Und es stellen sich viele Fragen nach den Gründen für den Gewaltausbruch.

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Von
  • Erich Wartusch
  • Henning Pfeifer
  • Erik Häußler
  • Kilian Medele

Ein Ventil, die Frustration loszuwerden – so analysiert der Münchener Sozialpsychologe Prof. Dieter Frey das, was am Samstag in Englischen Garten in München passiert ist. Wegen der sexuellen Belästigung eines Mädchens war eine Schlägerei ausgebrochen. Als die Polizei eingreifen wollte, verbündeten sich die Jugendlichen und bewarfen die Beamten mit Flaschen und Steinen.

Bei vielen Jugendlichen haben sich Frustrationen angestaut

Frey erläutert: "Hier muss man die klassische Aggressions-Frustrations-Theorie berücksichtigen. Über 14 Monate haben sich ganz viele Frustrationen vor allem bei den Jugendlichen aufgestaut, nicht zuletzt wegen der Restriktionen durch Corona. Wenn man jetzt feiern und herumtoben möchte, plötzlich die Polizei auftaucht und wieder eine Einschränkung kommt, dann sind die Leute gelinde gesagt nicht erfreut."

Das allein würde aber die hohe Aggressivität noch nicht erklären. Die Dynamik entsteht nach Ansicht des Wissenschaftlers, weil beide Seiten ihr Gesicht nicht verlieren dürften: "Die Polizei muss für Recht und Ordnung einstehen und die Jugendlichen sagen: Jetzt geben wir auch nicht klein bei. Wenn da kein Einzelner von den Jugendlichen die anderen auffordert, sich zurückzunehmen, ist die Gefahr groß, dass es eskaliert in Gewalt."

Polizei sieht "schwierige Gemengelage" im Englischen Garten

Vielen der jungen Menschen sei wohl nicht bewusst gewesen, was der Ausgangspunkt des Polizeieinsatzes war, nämlich ein Sexualdelikt, erläutert Sven Müller vom Polizeipräsidium München. "Wir haben ja schon seit Jahren das Phänomen, dass sich dort im südlichen Englischen Garten Jugendliche aus dem Stadtgebiet treffen. Und da sind schon Leute dabei, die eher auf Randale aus sind. Dazu gibt's schönes Wetter, viel Alkohol – und so entsteht eine schwierige Gemengelage."

Hinzu kämen auch noch die Auswirkungen der seit Monaten andauernden Corona-Einschränkungen, so Müller. Die Münchener Polizei hat gestern bereits reagiert und weitere Beamte in den Englischen Garten geschickt. Unter anderem auch mit einem Videofahrzeug, mit dem Straftäter besser identifiziert werden können.

Corona als Brandbeschleuniger

Die Ausschreitungen nur auf die durch Corona entstandene Situation zu schieben, hält der Sozialpsychologe Prof. Frey für eine verkürzte Wahrheit. Vielmehr wirke Corona noch als Frustrationsverstärker.

"Wir haben ohnehin eine Verwahrlosung von Werten, die die Autorität von Sanitätern oder der Polizei nicht mehr anerkennt." Sozialpsychologe Prof. Dieter Frey, LMU München

Frey meint zu beobachten, dass Täter diese Autoritäten nicht mehr anerkennen, sondern das eigene Ich in den Mittelpunkt stellen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann beklagt in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk eine Stimmungsmache durch die Sozialen Medien, weil Bilder vom Einsatz verbreitet worden seien, "obwohl die Verbreiter überhaupt keine Ahnung hatten, worum es bei dem Einsatz überhaupt geht".

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Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat die Flaschenwürfe im Münchner Englischen Garten auf Polizisten wörtlich als "indiskutabel und unerträglich" bezeichnet. Für solche Gewalttaten habe er überhaupt kein Verständnis.

Aufklärung statt Eskalation

"Wir unterstützen das auf keinen Fall", sagt einer der Administratoren des Accounts "Münchner Gesindel", die ein kurzes Video der Randale auf ihrem Instagram-Kanal bzw. Twitter zeigen. Dass ein solches Video zur Eskalation beitragen könnte, glaubt der Sprecher des Social Media-Accounts nicht: Solche Dinge geschähen völlig aus dem Affekt heraus. Falls es Nachahmer-Aktionen gäbe, könne man das nicht beeinflussen. Jedoch steht nach Angaben des Admins das "Münchner Gesindel" in Kontakt mit der Stadt und der Polizei, um deeskalierend zu wirken. Am wichtigsten sei dem "Münchener Gesindel" zu zeigen und aufzuklären, wie etwas abläuft: "Wir sind beiden Gruppen gegenüber kritisch eingestellt", so der Sprecher.

Gut gelaunt in Münchens größtem Park

Der sonnige Montag sorgte jedenfalls erneut für viele tausend Besucher im Englischen Garten. Die Stimmung war gelassen und freundlich. Einige junge Menschen lobten die Polizeibeamten für ihre höfliche Art, wenn Kontrollen durchgeführt werden. Allerdings – so ein junger Mann auf einer Decke – wirke ein größeres Polizeiaufgebot wie am Sonntag schon eher bedrohlich. Die Laune will sich dadurch hier jedoch niemand verderben lassen.

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