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Radioaktiver Austritt in Garching: Grüne fordern Konsequenzen | BR24

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Der Forschungsreaktor der TU München in Garching hat bereits jetzt den Jahresgrenzwert für den Ausstoß des radioaktiven C-14 überschritten. Die Landtagsgrünen fordern deshalb, dass der Reaktor nicht mehr in Betrieb geht.

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Radioaktiver Austritt in Garching: Grüne fordern Konsequenzen

Nach dem Austritt von radioaktivem C-14 am Forschungsreaktor FRM II in Garching fordern die Grünen einen Betriebsstopp mindestens bis Jahresende. Auch SPD und Bund Naturschutz zeigen sich besorgt. Laut Umweltministerium bestand aber keine Gefahr.

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Die Grünen im Bayerischen Landtag fordern erneut einen Betriebsstopp für den Garchinger Forschungsreaktor FRM II. Grund ist der Austritt von Spuren radioaktiven Materials.

Der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann, sagte: "Mit Überschreitung des Jahresgrenzwerts für den C-14-Ausstoß darf der Reaktor in diesem Jahr nicht mehr angefahren werden." Es dürfe keine zusätzliche radioaktive Belastung der Menschen in der Nähe des Meilers geben. "Wir müssen jetzt eine grundlegende Debatte über den Forschungsreaktor führen."

Ministerium und Betreiber: Keine Gefahr für Mensch und Umwelt

Die Technische Universität München (TUM) als Betreiberin des Reaktors in Garching sowie das bayerische Umweltministerium als atomrechtliche Aufsichtsbehörde betonten, für Mensch und Umwelt habe zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden.

"Ein individuelles Verhalten führte im Ergebnis zu dieser geringfügigen Überschreitung" des Wertes für die Abgabe des Nuklids C-14 in die Luft, heißt es in einer Erklärung des Umweltministeriums auf Anfrage des BR. Dieser Wert liege weit unterhalb des gesetzlich vorgegebenen Grenzwertes in der Strahlenschutzverordnung des Bundes. Die Ursache dafür wurde den Angaben zufolge unverzüglich abgestellt.

Weiter heißt es: Das Ereignis wurde nach der internationalen Bewertungsskala (INES) in Stufe 0 eingeordnet ("keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung").

FRM-II-Sprecherin Anke Görg erklärte, der Jahresgrenzwert sei um rund 15 Prozent überschritten worden. Bei einer Ausschöpfung des Grenzwertes liege die theoretische Belastung der Bevölkerung bei maximal 3 Mikrosievert, so Görg. Das sei weniger als der Wert, dem ein Patient bei einer Röntgenaufnahme beim Zahnarzt ausgesetzt sei.

Bericht vom Betreiber angefordert

Das Umweltministerium hat vom Betreiber des Forschungsreaktors einen aktuellen Bericht zum Ereignis, dessen Ursachen und deren Abstellung angefordert.

"Der Betreiber hat im Benehmen mit der Aufsichtsbehörde den Betrieb des Forschungsreaktors eingestellt. Der Forschungsreaktor wird nur mit Zustimmung des Umweltministeriums wieder anfahren." Erklärung des Umweltministeriums auf BR24-Anfrage

Wegen der Corona-Beschränkungen ist der Betrieb des Reaktors ohnehin seit 17. März ausgesetzt.

Trocknungs-Einrichtung fehlerhaft montiert

Die Emissionen fanden bereits vom 20. bis 26. März sowie vom 2. bis 7. April statt. Bei der kontinuierlichen Reinigung des Wassers wird unter anderem auch das radioaktive C-14 in Ionenaustauscher-Harzen gebunden. Zur Weiterbehandlung müssen dann diese Harze getrocknet werden. Ein individueller Fehler bei der Montage der dafür eingesetzten mobilen Trocknungs-Einrichtung habe dann den Austritt verursacht, teilte die TU am Samstag mit. Nach Feststellung der Emissionswerte habe man unverzüglich alle Trocknungsvorgänge eingestellt.

Der erhöhte Wert war den Angaben zufolge bei der routinemäßigen Überprüfung durch das Bundesamt für Strahlenschutz und das eigene Labor des FRM II im April aufgefallen. Der Wert habe aber zunächst noch unter dem in der Betriebsgenehmigung festgelegten Grenzwert gelegen. Am vergangenen Donnerstag dann habe eine Gesamtauswertung den überhöhten Wert erbracht. Aus Wetterdaten der Tage mit C-14-Emissionen sei berechnet worden, dass der Niederschlag auf dem Betriebsgelände des FRM II oder in unmittelbarer Umgebung stattgefunden haben müsse.

Die Mitteilung des meldepflichtigen Ereignisses an das Umweltministerium als zuständige Aufsichtsbehörde erfolgte dann am Freitag.

Auch SPD und Bund Naturschutz besorgt

SPD-Umweltexperte Florian von Brunn forderte, die Staatsregierung müsse den Zwischenfall aufklären. "Konsequenzen müssen folgen, denn jeder Austritt von radioaktiven Materialien ist einer zu viel", sagte von Brunn. Zudem müsse die Bevölkerung in Zukunft rechtzeitig über Probleme beim Forschungsreaktor informiert werden.

Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, äußerte sich "sehr besorgt" und forderte erneut eine Stilllegung des FRM II. Der Betrieb sei derzeit wegen der Nutzung von hochangereichertem Uran ohnehin nicht mehr durch die Betriebsgenehmigung gedeckt. Ähnlich äußerte sich auch Ludwig Hartmann.

Schon 2012 war in geringerer Menge radioaktives C-14 ausgetreten. Die neue Panne zeige, dass die Betreiber den Reaktor nicht im Griff hätten, sagte Hartmann, das sei bei einem Atommeiler nicht hinnehmbar.

350 geplante Experimente für zwei Monate

In den zwei Monaten nach Start des Reaktors Mitte Januar waren laut TUM rund 350 wissenschaftliche Experimente geplant. Kunden aus der Industrie produzierten zum Beispiel wieder Radioisotope und Radiopharmaka für die Krebsdiagnostik und -behandlung. Wann diese Dienstleistungen weitergehen können ist völlig unklar.

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