Jugendliche vor dem "KOMM"
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Das Nürnberger Kulturzentrum "KOMM"

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Radikal, wild, kreativ – BR-Doku über das Nürnberger "KOMM"

Eine radikale Idee, die bundesweit für Aufsehen sorgte: ein Kultur- und Kommunikationszentrum - selbstverwaltet, basisdemokratisch - das "KOMM". Es existierte von 1973 bis 1996 in Nürnberg. Eine BR-Doku beleuchtet die Geschichte des Kulturortes.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau am .

Anfang der 70er Jahre - Zwischen Bauboom und Biederkeit suchen immer mehr junge Menschen nach einem neuen Selbstverständnis. Statt: "Was bin ich?" interessiert sie "In welcher Welt will ich leben?". Die Nürnbergerin Jutta Küppers war damals 18 Jahre alt: Sie wollte die Welt verändern, sagt sie heute, alles sollte gerechter, sozialer, offener, liberaler werden.

KOMM als Ort für Visionen und Jugendkultur

Das KOMM in Nürnberg sollte zum Ort für diese Visionen junger Menschen werden. Hermann Glaser, von 1964 bis 1990 Kulturreferent in Nürnberg, und Michael Popp, Mitglied einer Gruppe engagierter Kunstpädagogen überzeugen den Stadtrat, das alte Künstlerhaus in ein "Kommunikationszentrum" umzuwandeln. Im Sommer 1973 geht das KOMM im Probelauf an den Start.

"Radikal an der Basis"

BR-Redakteurin Kerstin Dornbach beleuchtet die Geschichte des einzigartigen Kulturortes erstmals ausführlich in einer TV-Dokumentation. "Radikal an der Basis – das Nürnberger KOMM" ist in der Sendereihe DokThema am 17.05.2023 im BR Fernsehen zu sehen und ab da jederzeit abrufbar in der ARD Mediathek. Die Doku zeigt Filmaufnahmen, die die Jugendbewegung der 70er, 80er und 90er Jahre aufleben lassen. Die Besucher des Probelaufs im Sommer 1973 sind von dem Konzept so begeistert, dass sie schnell den dauerhaften Betrieb des KOMMs fordern. Mehr noch: Sie wollen ein "freies KOMM in Selbstverwaltung". Regeln ja, aber keine Vorgaben "von oben".

Einzigartiges Experiment

Die damals SPD geführte Stadt geht auf das Experiment ein. Mehr noch: Sie übernimmt die Trägerschaft für das KOMM, also die Haftung, zahlt den Unterhalt des Gebäudes, überlässt aber den "Kommlern" nahezu unbegrenzte Freiheit. Das KOMM entwickelte sich in Bayern und auch bundesweit zu einem Vorreiter für einen Kulturwandel: Ein Ort zum Ausprobieren, debattieren, selbst aktiv werden - oder einfach abhängen.

"Basisdemokratisch wie es basisdemokratischer nicht geht" Hans Well, ehemals Biermösl Blosn

Oberstes Beschlussorgan im KOMM wird eine Vollversammlung, bei der jeder abstimmen darf. Egal, ab Besucher oder Aktivist. Welche Gruppen dürfen ins Haus, wie wird das städtische Budget verteilt, welche Hausregeln gelten – all das entscheiden die KOMM-Aktiven selbst. An die 50 Räume erschließen sich die "Kommler" nach und nach in dem vom Krieg geschädigten Künstlerhaus. Im KOMM entstehen Zeitungen, Werkstätten. Eine Landkommune eröffnet ein Chaihaus, der erste Seniorentreff der Stadt findet einen Raum, Christen treffen sich zum Gebet und Ehrenamtliche organisieren jährlich rund 100 Konzerte regionaler und überregionaler Bands.

Konservative kritisieren linke Haltung

Die Themen im KOMM machen wie ein Seismograph die gesellschaftlichen Diskussionen und Probleme sichtbar und spiegeln den Zeitgeist. Hier wurde debattiert und ausgetragen, was überall im Land für Herausforderungen sorgte: Drogen, Jugendtrends, Wohnungsnot. Für Konservative dagegen war das KOMM selbst das Problem. Sie wetterten fortwährend über die "Drogenhölle" und den Ort für "linke Radikale" – auch als sich im KOMM Gruppen mit der Hausbesetzerszene sympathisieren. Auf dem Politischen Aschermittwoch am 4. März 1981 in Passau schimpft Franz Josef Strauß über die "großen Lumpen".

Polizei- und Justizskandal

Einen Tag darauf ziehen rund 150 Jugendliche nach einer Veranstaltung im KOMM spontan durch die Nürnberger Innenstadt. Sechs Schaufensterscheiben gehen dabei zu Bruch, Autoantennen werden abgeknickt. Die Polizei greift hart durch und riegelt den Kulturort ab: Alle - egal ob vorher bei der Demo oder nicht - werden verhaftet: 141 Personen, darunter mehr als die Hälfte unter 21 Jahren.

"Das war einer der größten Justizskandale nicht in Nürnberg, sondern in der gesamten Republik." Renate Schmidt, Zeitzeugin und Bundesministerin a.D.

Das KOMM stürzt in eine Krise

Die Massenverhaftung schlägt bundesweit hohe Wellen und macht das KOMM endgültig in der Republik bekannt. Viele neue Nutzer und Jugendbewegungen drängen in das Haus. Punks, Autonome, rechte Skins – sie alle suchen im KOMM "ihre Bühne", immer weniger, um sich zu engagieren. Das KOMM stürzt in eine Krise.

Dialog statt Ausgrenzung

Als sozialer, politischer und kultureller Ort übt sich das KOMM in seinem Selbstverständnis: Dialog statt Ausgrenzung. Die Diskussionen in der Vollversammlung werden mühseliger. Die Kommler der ersten Stunde verlassen das Haus. Viele professionalisieren ihre Erfahrungen in Medien, der Drogenberatung, gründen erfolgreich Firmen, gehen in die Stadtverwaltung oder die freie Kunst- und Musikszene.

Relevanzverlust in den 80ern

Ab Mitte der 80er Jahre kämpft das Haus zunehmend um seine Relevanz. Längst haben sich auch in Nürnberg neue Jugendangebote wie Clubs und Konzertbühnen etabliert. Als 1996 erstmals in der Nürnberger Nachkriegsgeschichte die CSU die Macht im Stadtrat übernimmt, sind die Tage des KOMM angezählt. Die neue Stadtratsmehrheit fordert eine Reform des Hauses. Der Name soll geändert, die Selbstverwaltung beschränkt werden. Das lehnt die Vollversammlungen nach langen Debatten ab. Nach 23 Jahren kündigt daraufhin die Stadt der mittlerweile als Verein geführten Selbstverwaltung. Seit 1997 ist das KOMM Geschichte.

Das KOMM als Schule für Demokratie

Heute gilt das KOMM als eine Schule für Demokratie und Keimzelle für die Kulturlandschaft von heute. Viele Initiativen aus dem ehemaligen KOMM haben ihre Spuren hinterlassen: die vielfach ausgezeichnete Medienwerkstatt, das kommunale Filmhauskino, die Drogenhilfe mudra, das Concertbüro Franken, der Musikverein und viele andere.

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