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Die Sozialpädagogin Jasmin Faulstich berät Matze, der trans ist.

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Die erste ihrer Art: Queere Beratungsstelle in Niederbayern

In Landshut gibt es seit einem halben Jahr die erste queere Beratungsstelle in ganz Niederbayern. Staatlich gefördert und betrieben von den Vereinen "pro familia" und "Queer in Niederbayern". Sie hat an drei Tagen in der Woche geöffnet.

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Philip  KuntschnerPhilip KuntschnerBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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In einem unscheinbaren blauen Gebäude in der Landshuter Grasgasse prangt seit gut einem halben Jahr ein kleines Schild. "Up to you" steht darauf, also: "Du entscheidest!". Zentral gelegen und doch diskret verbirgt sich dahinter die erste queere Beratungsstelle in ganz Niederbayern, staatlich gefördert und betrieben von den Vereinen "pro familia" und "Queer in Niederbayern".

Anlaufstelle für Menschen, die Rat suchen

An drei Tagen in der Woche empfängt Jasmin Faulstich hier Menschen, die Rat suchen. Zum Beispiel Lesben, Schwule, bisexuelle Menschen oder aber auch deren Angehörige. Die mussten früher lange Fahrtwege auf sich nehmen, nach München zum Beispiel, erklärt die Sozialpädagogin: "Ich vermute, genau das hat dann eben dazu geführt, dass die Leute ihre Themen mit sich selbst ausmachen mussten. Obwohl sie eigentlich Unterstützung von außen gebraucht hätten."

So geht es vor einigen Jahren auch Matze. Der 20-Jährige ist Trans – bei der Geburt ordnen ihn die Ärzte dem weiblichen Geschlecht zu. Matze wächst in Niederbayern als Mädchen auf, seiner Identität habe das aber nicht entsprochen, erzählt er. Viele in seinem Umfeld wissen davon bis heute nichts.

Das Gespräch mit dem BR ist sein Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen mit seiner Geschichte: "Alle haben mir quasi gesagt, ich bin ein Mädchen, schließlich steht es so ja auch in meiner Geburtsurkunde." Irgendwann habe er festgestellt, dass er sich unwohl fühlt, erinnert sich Matze – ohne den genauen Grund dafür zu kennen. "Ich habe dann herausgefunden, es liegt daran, dass ich Trans bin. Dann hat meine Transition angefangen und jetzt lebe ich als Mann."

Transition: Die körperliche Angleichung an das gefühlte Geschlecht

Transition, das steht für die körperliche Angleichung an das gefühlte Geschlecht. Nach der Schule lässt sich Matze als erstes die langen Haare abschneiden. Nach unzähligen Arztbesuchen und Gutachten folgen dann weitere Eingriffe: "Bei mir sieht das so aus, dass ich mit Hormonen angefangen habe. Und irgendwann habe ich mich dann auch unters Messer gelegt und mich operieren lassen."

Die notwendigen Informationen, um überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, findet Matze damals nur im Internet. Denn außerhalb der Landeshauptstadt München gibt es noch immer kaum Anlaufstellen. Staatlich geförderte Einrichtungen in den Regionen gibt es – neben der in Landshut – noch in Augsburg und Nürnberg.

Gefahr: Diskriminierung und Gewalt

Der Bedarf gehe aber deutlich darüber hinaus, sagt Jasmin Faulstich und sieht den Grund dafür in den gesellschaftlichen Strukturen: "Queere Menschen brauchen nicht deswegen besondere Hilfe, weil sie queer sind. Es herrscht eine große Diskriminierungsgefahr, es droht Gewalt. Erst durch diese Erfahrungen kommt es zu einem Beratungsbedarf."

Die Sozialpädagogin Jasmin Faulstich berät Matze, der trans ist.

Bildrechte: BR/Patrick Viertl

Ähnliche Erfahrungen hat auch Kathi gemacht. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Julian produziert die Landshuterin den BR-Podcast "Willkommen im Club", der sich mit queeren Themen befasst. Der Mangel an Beratungsstellen wird für Kathi und Julian regelmäßig sichtbar. Etwa dann, wenn sie Zuschriften von Hörerinnen oder Hörern erhalten. "Wir merken da häufig", sagt Julian, "dass wir als Vertrauenspersonen gesehen werden. Das heißt aber: Uns schreiben auch deswegen Menschen, weil sie in dem Moment niemanden haben, an den sie sich wenden können".

"Es gibt Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, die in einem queer-feindlichen oder homophoben Umfeld aufwachsen und sich niemandem anvertrauen können. Und deswegen ist ein Podcast, ein Online-Angebot oder eine Beratungsstelle wahnsinnig gut, das schafft ihnen einen Raum." Kathi, BR-Podcast-Host "Willkommen im Club"

Ob im Netz oder in der Region: Der Zugang zu Informationen und Beratung sei nicht nur ein Angebot, sondern auch ein Aufruf an die Gesellschaft – für mehr gegenseitige Akzeptanz.

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