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Datenanalyse: Puls der Innenstädte kommt langsam zurück | BR24

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Puls der bayerischen Innenstädte kommt langsam zurück

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    Datenanalyse: Puls der Innenstädte kommt langsam zurück

    Seit Montag dürfen Geschäfte in Bayern unter Auflagen wieder öffnen. Die Menschen kehren zögerlich zurück. Eine Datenanalyse zeigt, wie schwach der Puls von Bayerns Innenstädten noch schlägt. In Erlangen und Passau gibt es Überraschungen.

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    Bilder vom vollgepackten Isarstrand ließen am Wochenende Zweifel aufkommen, ob die Lockerungen der Corona-Maßnahmen das richtige Signal an die Bevölkerung sind. Bayerns Innenstädte aber zeigen ein anderes Bild.

    Kein Ansturm auf Bayerns Geschäfte

    BR24 hat sich Daten des Hamburger Unternehmens Hystreet angeschaut. Dieses nimmt mit Hilfe von Laserscannern Messungen der Passantenzahlen in einigen Einkaufsstraßen im Freistaat vor. Ergebnis: Die schrittweise Wiedereröffnung der Geschäfte hat einen leichten Anstieg verursacht, aber keineswegs den mancherorts befürchteten Ansturm.

    Wie der Puls eines Menschen kennt auch der Puls einer Innenstadt Aktiv- und Ruhephasen. Die Anzahl der gezählten Passanten pro Tag folgt einem zackigen Muster, mit den Spitzen immer samstags und den niedrigsten Werten am Sonntag. Wie drastisch der bayernweite Lockdown und die Ausgangsbeschränkungen auf diesen Puls gewirkt haben, zeigt folgende Grafik:

    Bereits Mitte März weniger Menschen auf Shoppingtour

    Nachdem die Besucherzahlen erwartungsmäßig im Februar Richtung Frühling gehend immer weiter gestiegen sind, erfolgte die Trendwende in allen Städten bereits in den ersten Märzwochen. Den ersten großen Bruch stellt das zweite Märzwochenende dar – nachdem Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag die Schließung der Schulen verkündet hatte. Am Samstag, den 15. März, einem wolkenverhangenen, aber trockenen Tag, besuchten gerade einmal 69.504 Menschen die Neuhauser Straße in München – am 22. Februar waren es bei ähnlicher Wetterlage, aber Temperaturen unter null Grad, noch 141.472 gewesen. In Würzburg und Erlangen ging die Zahl der Passanten zwischen diesen beiden Samstagen um ein gutes Drittel zurück.

    Die wirkliche Pulsstörung beginnt am Wochenende darauf. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung in Nahaufnahme:

    Nach Einkaufen stand den Menschen schon sehr bald nicht mehr der Sinn

    Obwohl der Lockdown erst am Montag offiziell begann, war nach Ausruf des Katastrophenfalls, Appell der Kanzlerin und Verhängung der Ausgangsbeschränkungen offenbar niemandem im Freistaat mehr nach Einkaufen zumute. Einige Städte erlebten den Tiefpunkt am Sonntag, den 22. März. In München, Nürnberg und Augsburg sind die Innenstädte aber schon am Samstag wie ausgestorben – völlig entgegen des normalen Zyklus.

    Die Krise relativiert auch die Größe der Städte: In der Passauer Ludwigsstraße waren am Donnerstag noch insgesamt 6.676 Passanten unterwegs, am Samstag dann nur noch 1.345.

    München, mit 28-mal so vielen Einwohnern wie Passau, stürzte von 12.254 Passanten auf 1.533 ab – durch die Neuhauser Straße sind an diesem Tag innerhalb einer Stunde nie mehr als 194 Personen durchgelaufen. Der Höchstwert von Samstag, den 23. März 2019, lag bei 16.154 Passanten pro Stunde – ein Minus von rund 99 Prozent.

    Zahlen steigen nach den Lockerungen nur zögerlich

    Seitdem stottert sich der Passantenpuls von Bayerns Innenstädten zumindest in sein normales Muster zurück, nicht ohne einige kuriose Momente zu erzeugen: So war etwa im April an drei aufeinanderfolgenden Tagen auf Erlangens Hauptstraße mehr los als in München. Überhaupt scheinen sich die Einkaufsstraßen der kleinen Städte Erlangen und Passau besser zu erholen als etwa die Breite Gasse in Nürnberg. Die schrittweisen Lockerungen der Ladenöffnungsbeschränkungen am 20. und 27. April sind zwar jeweils durch einen Anstieg der Besucherzahlen markiert – ein Ansturm oder gar Menschenmassen sind das jedoch nicht. Blickt man in den Februar zurück, wird klar, wie fehl am Platz sogar das Wort "Normalität" wäre.

    Ein noch besseres Gespür dafür, wie sehr die Corona-Krise auf Bayerns Innenstädte gewirkt hat, welche Tage sich schon wieder im Rahmen bewegten und wie weit wir noch von der Normalität entfernt sind, bringt der Vergleich mit den Daten aus 2019, die für fünf bayerische Standorte vorliegen:

    Die Menschen nehmen die Corona-Regeln sehr ernst

    Im Gegensatz zu den Bildern des vollgestopften Isarufers lässt dies den Rückschluss zu, dass die Menschen in Bayern die neuen Vorsichtsmaßnahmen und die weiterhin geltenden Ausgangsbeschränkungen doch ernst nehmen. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie der Anstieg weitergeht, jetzt wo viele Läden wieder regelmäßig geöffnet haben. In Hamburg etwa führte dies vergangene Woche tatsächlich zu einem enormen Anstieg der Passantenzahlen – und damit auch wieder des Infektionsrisikos. Am 20. April waren gut viermal so viele Menschen auf der Spitalerstraße unterwegs als am vorangegangenen Samstag.

    Nach herben Einbußen hoffen Händler nun auf Umsatz

    Einzelhändler und Geschäftsinhaber hoffen trotz allem auf eine stetige Rückkehr zur Einkaufsnormalität – und nehmen dafür die Auflagen der Politik gern in Kauf. Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern erklärt, dass viele aufgrund der Einbußen der letzten Wochen mit dem Rücken zur Wand stehen. "Da sollten dann schon auch unter der Woche ein paar Tage dabei sein dürfen, die wie ein guter Samstag ausfallen", sagt Ohlmann.

    In den größeren Städten wie Nürnberg, die es nach den Ergebnissen unserer Datenanalyse härter getroffen hat, könnte die Öffnung der größeren Märkte ab Dienstag auch einen Vorteil bringen: Sie wirken laut dem Handelsverband als Kundenmagnet. Bei allem Geschäftsenthusiasmus seien die Händler aber sehr gut aufgestellt und achten penibel auf die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. "Nur wenn wir der Staatsregierung in dieser Woche zeigen, dass das bei uns gut läuft, hat der Ministerpräsident Argumente für weitere Lockerungen", so Ohlmann.

    Über die Daten

    Der Hamburger Datenanbieter Hystreet ist darauf spezialisiert, Passantenströme in Innenstädten mithilfe von fest installierten Laserscannern zu erfassen. An 118 Standorten in Einkaufsstraßen deutscher Städte werden so die vorbeigehenden Menschen gezählt. In Bayern sind es 14 Messstellen in insgesamt 8 Städten.

    Für diese Analyse wurde bei einer Auswahl von mehreren Messstationen, etwa in Nürnberg und München, die Station mit der längsten Zeitreihe gewählt, um die historischen Vergleiche anstellen zu können. Die Daten vom Grünen Markt in Bamberg konnten leider nicht verwertet werden, da der dortige Laser seit 21. April defekt ist. Für Augsburg gibt es eine Messlücke zwischen dem 10. und 12. April.

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