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"Pullinger Karibik": Erholung unter Flugzeugturbinen | BR24

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Karibisches Flair in Freising: Am Pullinger Weiher relaxen Sonnenhungrige - unter donnerndem Motorenlärm. Der kleine Badesee liegt in der Einflugschneise des Münchner Flughafens. Ein Besuch vor Ort.

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"Pullinger Karibik": Erholung unter Flugzeugturbinen

Im Süden des Freisinger Gemeindeteils Pulling ist vor einigen Jahren ein Badeerholungsgebiet entstanden. Direkt neben dem alten Kieswerk - und unter donnerndem Motorenlärm. Denn der Weiher liegt unter den Einflugschneisen des Münchner Flughafens.

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Graue Berge aus Kies, stillgelegte Förderbänder, ein altes Kieswerk aus den 50er-Jahren. Kaum etwas deutet hier im Süden von Pulling auf ein Erholungsgebiet hin. Doch nur wenige Meter weiter, direkt neben dem Kieswerkgelände, tummeln sie sich auf einer Liegewiese – die Erholungssuchenden. Ur-Pullinger und Zuagroaste, Pärchen, Jugendliche und ältere Menschen, Familien mit Kindern. Der Duft von Sonnencreme liegt in der Luft. Die einen bräunen sich in der Sonne, die anderen spielen unter den Bäumen Badminton oder planschen im Wasser.

Strand mit Kieswerk-Blick

Einen echten Sandstrand gibt es auch am Pullinger Weiher. Entlang des Ufers: Bäume und Kies-Förderbänder. Direkt neben dem kleinen Weiher ragt der Turm des alten Kieswerks in die Höhe. "Sicher gibt es Schöneres", sagt eine Frau, die es sich auf der Liegewiese gemütlich gemacht hat. "Natürlich könnte ich auch zum Starnberger See fahren, aber der Pullinger Weiher liegt auf dem Weg, es ist hier sehr familiär und mir gefällt’s einfach."

Schon seit einigen Jahren ist die ehemalige Kiesgrube offiziell Erholungsgebiet – mit angelegtem Strand, einer Wiese mit Bäumen und sogar einem kleinen Biergarten. Der Anblick des Kieswerks nebenan scheint hier niemanden zu stören. Die Förderbänder sind ohnehin schon längst verstummt. Eine Oase der Ruhe? Nicht ganz!

Unter den Turbinen

Der Pullinger Weiher liegt genau unter zwei Einflugschneisen des Münchner Flughafens. Im Fünf-Minuten-Takt donnern die Maschinen im Tiefflug über das Erholungsgebiet. Die Pullinger nehmen es mit Humor: "Ein Badeerholungsgebiet unter der Einflugschneise – ist doch mal was Besonderes", sagt einer der Badegäste aus der Hollertau auf dem Weg ins Wasser.

Eine Frau aus Pulling schüttelt den Kopf – alles halb so schlimm: "Man gewöhnt sich an alles. Wenn man hier sitzt und sich unterhält, sagt man irgendwann: Heute waren noch gar keine Flugzeuge da. Es fällt also gar nicht so sehr auf." Eine andere gibt zwar zu, dass der Lärm in gewisser Weise stört. "Aber wenn man hier in der Früh schwimmt, ist es traumhaft schön, den roten Bauch der Flugzeuge anzuschauen, wenn die Sonne sie von oben anstrahlt."

Karibik-Flair in Pulling

Fast scheint es so, als könne den Pullingern gar nichts ihr kleines Urlaubsparadies madig machen. Denn in einer Sache sind sich alle hier am Strand einig: Das Wasser ist das schönste Wasser weit und breit – und das schon seit eh und je. Auch wenn sich rundherum vieles verändert hat: Wer in Pulling aufgewachsen ist, kennt den Weiher seit seiner Kindheit oder Jugend.

Der Lärm ist geblieben

Eine Frau, die seit mehr als 40 Jahren an den Pullinger Weiher kommt, erklärt: "Am Anfang war das alles nur Kies – ganze Berge, wie eine Mondlandschaft. Das war auch super. Damals hat man halt einen Schirm mitgebracht, wenn’s zu heiß war." Eine andere erinnert sich: "Da sind die Förderbänder noch gelaufen und es war laut. Jetzt haben wir halt den Fluglärm. Der Lärm ist also geblieben, auch wenn es jetzt ein anderer ist."

Dass es idyllischere Orte zum Entspannen gibt, war den Pullingern schon damals herzlich egal. Einige schauen sogar mit regelrechter Wehmut auf die gute Zeit an ihrem alten Kiesweiher zurück. Bevor der Biergarten kam, gab es nur einen kleinen Kioskwagen. Aber dort habe man auch alles bekommen, was man zum Überleben braucht, hört man von einigen Älteren hier. Und gemütlicher sei es damals noch gewesen. Die angelegte Wiese hätten nicht alle gebraucht.

Erholungsgebiet verpflichtet

Party machen, surfen, nackt baden oder im Kies übernachten – das alles konnte man hier früher noch tun und lassen. Heute regelt die Erholungsgebiet-Satzung genau, was erlaubt ist und was nicht am Pullinger See – wie der Weiher jetzt offiziell heißt: keine Feuerstellen, keine Hunde, keine Übernachtungen, keine Musik aus Lautsprechern - auch wenn sich gerade an den letzten Punkt nicht alle so streng halten.

Auch Surfer und Taucher müssen inzwischen draußen bleiben. Früher kamen noch Tauchschulen aus der Umgebung zum Üben an den Pullinger Weiher. "Das war allerdings auch ein bisschen gruselig", erinnert sich eine Frau am Strand, die den Weiher seit ihrer Studienzeit kennt. "Wenn man geschwommen ist und unter einem die Luftblasen hochgeblubbert sind oder irgendwo die schwarzen Neoprenmännchen aus dem Wasser gestiegen sind – das waren nette Szenen."

Erholung gibt's auch nebenan

Auch nebenan, am größeren Pullinger Weiher ist in den letzten Jahren ein Erholungsgebiet entstanden. Hier scheint alles ein bisschen weiter und schicker zu sein: Die größere Liegewiese, der größere Biergarten und sogar ein Beach-Volleyball-Feld gibt es dort. Das Kieswerk und die Flugzeuge sind von hier aus ein gutes Stück weiter weg. Die Leute auf der Kieswerk-Seite bleiben trotzdem lieber an ihrem kleinen Weiher. Es sei einfach familiärer und das Wasser ist hier ja sowieso am allerschönsten.

Wer es sich mal hier am kleinen Weiher gemütlich gemacht hat, den Blick auf das kristallklare Wasser gerichtet, und dazu ein kühles Getränk vom Biergarten genießt, der kann die echte Pullinger Karibik in sich aufsaugen und vielleicht auch ein bisschen Ruhe tanken. Zumindest für fünf Minuten – bis die nächste Maschine Kurs auf den Münchner Flughafen nimmt.