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Feste Stundensätze je nach Diagnose: die Raster-Psychotherapie. Das warder Plan von Spahn. Psychotherapeuten und Betroffene sind entsetzt.

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    Nach Protesten: Spahn kippt Pläne für Raster-Psychotherapie

    Mehr Therapieplätze für psychisch Erkrankte: Das war das Ziel von Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Raster-Psychotherapie. Die Stunden sollten vorab festgelegt werden. Psychotherapeuten und Betroffene protestierten – offenbar mit Erfolg.

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Erst war die Aufregung groß bei Psychotherapeuten, Fachverbänden und Betroffenen – jetzt kam die Erleichterung. Der Plan der Raster-Psychotherapie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahns ist vom Tisch. Die Gegner hatten eine Petition gestartet, 196.000 Unterschriften sind zusammengekommen. Die Idee, schon zu Beginn der Therapie die Zahl der Behandlungsstunden je nach Diagnose festzulegen, sei ein Skandal gewesen, kritisieren bayerische Psychotherapeuten.

    Lebensgefahr: Zustand der Erkrankten könnte sich verschlechtern

    Auch Sonja hat sich darüber aufgeregt. Die 29-jährige Fränkin ist depressiv und seit vielen Jahren in Therapie. Sie möchte anonym bleiben. Eine Psychotherapie nach Raster hätte Sonjas Leben noch erschwert. "Das wäre so ein Performancedruck bei mir gewesen: Jetzt in 20 Sitzungen hast Du gefälligst Dein Leben wieder geregelt zu haben." Und sie sagt: Viele psychische Erkrankungen brächten einfach eine Lebensgefahr mit sich. "Das sind Krankheiten, da sterben Leute dran." Dieser Gedanke mache sie traurig und setze ihr zu, so die Fränkin.

    Depressionsliga: „Der Druck auf Spahn ist zu groß geworden.“

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wollte mit dem Raster-Plan mehr Menschen einen Therapieplatz ermöglichen. Das sei aber der völlig falsche Ansatz gewesen, kritisiert Armin Rösl aus Poing von der Deutschen Depressionsliga. "Ich bin natürlich sehr positiv angetan und überrascht, dass Herr Spahn jetzt doch über seinen Schatten gesprungen ist und diesen Vorschlag zurückgenommen hat. Ich denke, auch wenn er es nicht zugeben wird, dass der öffentliche Druck zu groß geworden ist."

    Rösl war selbst schwer depressiv und sagt, alleine hätte er es nicht geschafft. "Man kann bei psychischen Erkrankungen nicht vorhersagen wie zum Beispiel bei einem glatten Beinbruch: Ich gebe Dir einen Gips, das dauert sechs Wochen und dann ist alles wieder verheilt." Die bundesweit aktive Patientenvertretung für an Depressionen erkrankte Menschen hat die Petition gegen Spahns Plan unterstützt.

    Runder Tisch mit Spahn, Politikern, Therapeuten und Betroffenen gefordert

    Die Depressionsliga fordert nun einen runden Tisch mit Bundesgesundheitsminister Spahn, Politikern, Ärzten, Therapeuten und Betroffenen, um das Problem der langen Wartezeiten endlich zu lösen. Außerdem sei die Ausbildung zum Psychotherapeuten einfach zu lang und zu teuer, sagt Armin Rösl von der Selbsthilfeorganisation. "Es heißt immer, die Depression sei eine Volkskrankheit. Dann ist es jetzt wirklich an der Zeit, dass die Politik psychische Erkrankungen auch so behandelt und dafür sorgt, dass genug Therapieplätze zur Verfügung gestellt werden", sagt Rösl.

    594.00 Menschen in Bayern waren 2020 in psychotherapeutischer Behandlung

    Laut Kassenärztliche Vereinigung Bayern waren im vergangenen Jahr knapp 600.000 Patientinnen und Patienten in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung. Die Wartezeit im Freistaat beträgt aktuell im Schnitt 22 Wochen. Vor zwei Jahren waren es noch 17 Wochen.

    Auch Psychotherapeutin Eva-Maria Hesse aus Nürnberg kennt das Problem mit den Wartelisten. Einen festen Stundensatz je nach Diagnose lehnt auch sie ab. "Das Thema ist eigentlich ein anderes: Warum brauchen Menschen immer mehr Unterstützung therapeutischer Art? Was kann man also tun, dass Menschen quasi im Idealfall gar nicht mehr so häufig einen Therapeuten oder eine Therapeutin brauchen?", stellt Eva-Maria Hesse zur Diskussion.

    Sonja aus Franken braucht weiterhin ihren Therapeuten. Die 29-Jährige appelliert an die Politik, die Versorgung nicht weiter zu ökonomisieren. Denn jeder Mensch verdiene es, Hilfe zu bekommen.

    Bundesgesundheitsministerium: Konzentration auf andere Themen

    Auf BR-Anfrage teilt das Gesundheitsministerium in Berlin mit: "Der Antrag zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung wurde als Anregung der Verbände aus dem Anhörungsverfahren in das Änderungspaket zum GVWG (Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz) aufgenommen. Momentan konzentriert sich die Diskussion auf andere Themen. Die abschließende Beratung des Gesamtpakets steht aber noch aus."

    Aus dem zuständigen G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) heißt es, man arbeite gerade an einer eigenen Richtlinie, um eine strukturierte und koordinierte Versorgung für psychisch Erkrankte sicherzustellen. „Wir brauchen mehr Kassensitze für Psychotherapeuten, schreibt Dirk Heidenblut von der SPD-Bundestagsfraktion dem BR. "Das hat das G-BA-eigene Gutachten schon 2018 gezeigt. Es sieht einen Mehrbedarf von 2.400 neuen Sitzen für Kassenpsychotherapeuten vor."

    Dass die Richtlinie noch vor der Sommerpause zustande kommt, ist wohl unrealistisch. Zwei Wochen tagt der Bundestag noch, dann geht´s in die Sommerpause. Somit muss sich wohl die neue Regierung damit auseinandersetzen.

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