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Psychologe erklärt: Darum ist Maske-Tragen so wichtig | BR24

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Bamberger Psychologie-Professor Claus-Christian Carbon

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Psychologe erklärt: Darum ist Maske-Tragen so wichtig

Der Bamberger Psychologie-Professor Claus-Christian Carbon forscht zur Akzeptanz der Maskenpflicht in der Corona-Zeit. Im BR-Interview spricht er über den Umgang mit Maskenverweigerern und was uns droht, wenn mehr Menschen auf sie verzichten.

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Von
  • Constanze Schulze

Das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen trägt dazu bei, die Ausbreitung des Coronavirus zu vermindern - als Teil der wichtigsten Hygienemaßnahmen: AHA, also Abstand, Händewaschen, Alltagsmaske. Trotzdem sieht man immer wieder Menschen, die die Maske nur unterm Kinn hängen haben oder gar keine tragen, teils aus Versehen, teils mit Absicht. Was dahintersteckt und welche Gefahren - abgesehen von den gesundheitlichen - das birgt, erklärt der Bamberger Psychologie-Professor Claus-Christian Carbon.

Viele Menschen kritisieren die angeordneten Maßnahmen zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Wie erklären Sie sich, dass es weiterhin eine ganz klare Abwehrhaltung gibt?

Also erstmal ist es so, dass wir alle unter den Masken leiden. Auch die Personen, die für Masken werben, sehen natürlich, dass sie Einschränkungen bringen. Aber auf dieser Basis, dass wir einen unglaublich guten Schutz für andere erreichen können, ist es wichtig. Das Virus begleitet uns schon seit einer langen Zeit. Irgendwann kommt es dann eben zu einer Erosion: Das heißt, die Leute kriegen keine direkte Rückmeldung, dass tatsächlich eine Krankheit eintritt – und dann beginnt man natürlich zu verhandeln. Man versucht ein bisschen mehr Freiheiten zu kriegen. Das ist eigentlich etwas sehr, sehr Natürliches, aber eben etwas Brandgefährliches.

Der Großteil der Menschen befolgt ja diese Regelungen. Es gibt aber auch Menschen, die da ganz rigoros dagegen sind. Womit hat das zu tun?

Es gibt natürlich einen großen Unterschied zwischen nicht beachten, ganz bewusst ausziehen und aggressiv handeln, wenn jemand eine Maske aufhat, und ihn zu beleidigen. Die letztere Gruppe ist problematisch, weil sie nicht einsehen will, dass es eine wahnsinnig wichtige Maßnahme ist. Und diese Maßnahme betrifft ja immer die anderen. Es geht ja nicht um den eigenen Schutz. Ich habe ja selber keinen großen Schutz, aber ich schütze Sie. Und das ist das, was wir versuchen, immer wieder zu kommunizieren.

Sind diesen Menschen die anderen und deren Gesundheit egal?

Sie wollen auf jeden Fall für sich beanspruchen, dass sie diese Freiheit ausleben dürfen. Und erstmal kann ich es verstehen, wenn jemand seine Freiheiten ausleben will. Aber wir müssen einfach aufpassen: Das ist ein bisschen wie beim Passivrauchen. Natürlich können Sie noch selber rauchen und vielleicht ist das mittlerweile besteuert, weil das dem Gesetzgeber nicht so gefällt, aber es schädigt ja auch andere. Und deswegen wurde ja ein Verbot eingeführt.

Wie kann man Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben und regelrechte Hasstiraden gegen die Maskenpflicht verbreiten, davon überzeugen, dass das eigentlich richtig ist?

Bei Leuten, die zwar glauben, dass Covid vorhanden ist, aber eben nicht glauben, dass die Masken helfen, da muss man eine gemeinsame Kommunikationsbasis finden. Indem man klarmacht, dass es einem nicht darum geht, dass man Masken aufsetzen muss, sondern dass das Virus schnell wieder aus unserer Gesellschaft verschwindet.

Die zweite Gruppe, die leugnet, dass Covid existiert, ist schwerer zu erreichen. Das ist schon ein bisschen problematisch, weil es eine erschreckende starke Evidenzlage gibt, dass Covid-19 tatsächlich aktiv ist. Wir dürfen eines nicht vergessen: Es gibt unglaublich viele Staaten, die betroffen sind. Das sind ganz unterschiedliche Regime, die nichts miteinander zu tun haben und trotzdem ist Covid-19 überall. Es ist eine merkwürdige Theorie, zu glauben, dass die alle zusammen Covid-19 als eine Lüge in die Welt gesetzt haben.

Aber rein psychologisch, wie kommt man diesen Menschen bei, die sich da so hartnäckig dagegen wehren?

Wenn sie völlig irrational argumentieren und handeln, dann ist das sehr, sehr schwer. Man muss im Prinzip darauf warten, dass sie persönlich eine Erfahrung machen, dass tatsächlich mal etwas passiert – eine bekannte Persönlichkeit, ein Freund oder Bekannter hat sich angesteckt und kann das wirklich authentisch sagen. Manchmal ist dieses Authentische, das Direkt-Zurückgemeldet-Kriegen doch die beste Informationsquelle. Man vertraut ja leider in vielen Kreisen mittlerweile nicht mehr auf die anerkannte Presse. Und dann ist es eben schwierig: Wir sehen den Virus nicht, wir können ihn nicht schmecken und hören und so weiter. Wir können ihn nicht wahrnehmen, und deswegen ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, dass so eine Person tatsächlich so eine Krankheit auch mal live erlebt oder eine Person erlebt, die authentisch berichten kann.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, bräuchte man also mehr Coronafälle oder mehr prominente Fälle?

Also Gott bewahre, das will ich natürlich auf keinen Fall. Auch kein einziger Demonstrant soll krank werden – aber in der Psychologie des Lernens – dass man versteht, was da tatsächlich passiert – würde es definitiv helfen. Wir Menschen werden eben irgendwann misstrauisch, wenn wir keine Rückmeldung kriegen, dass ein gewisser Effekt überhaupt vorhanden ist.

Wenn Ihnen immer gesagt werden würde, dass eine bestimmte Sache anzulangen schädlich ist, aber Sie haben es nie ausprobiert, dann werden Sie das irgendwann doch ausprobieren und fassen die heiße Tasse an oder die heiße Herdplatte und verbrennen sich dann. Das ist eine schwierige Sache. Ich wünsche aber niemandem, dass er erkrankt. Denn das ist ja auch eine wissenschaftliche Tatsache: Sehr, sehr viele Menschen, die wieder gesunden, werden nie wieder richtig gesund.

Erwarten Sie, dass die Ablehnung der Maßnahmen noch weiter in Frage gestellt wird?

Unsere Forschung zeigt, dass, sobald Menschen anfangen, die Masken nicht mehr so strikt zu tragen, dass es dann zu einer regelrechten Erosion kommt, weil man sich mit Maske schlichtweg komisch vorkommt. So lange viele Menschen Masken tragen, soziale Distanz wahren und andere Hygienemaßnahmen einhalten, wird uns nicht ganz so viel passieren. Denn es sind Einzelpersonen, die das nicht machen. Die sind in einer so geringen Anzahl, dass wir derzeit keine solche Erosion erleben. Aber wenn es tatsächlich dazu kommt, dass mehr Leute die Regelungen nicht mehr beachten, dann werden wir doch relativ verheerende Zustände bekommen – weil wir dann mit einer sehr, sehr starken zweiten Welle zu rechnen haben.

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Der Bamberger Psychologie-Professor Claus-Christian Carbon forscht zur Akzeptanz der Maskenpflicht in der Corona-Zeit. Im BR-Interview spricht er über den Umgang mit Maskenverweigerern und was uns droht, wenn mehr Menschen auf sie verzichten.

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