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Die Gesundheit der Tiere hängt auch von der psychischen Gesundheit der Landwirte ab

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    Psychische Not: Bayerns Bauern an der Belastungsgrenze

    Vor knapp zwei Wochen fand die Polizei 150 tote Rinder in einem Stall bei Ansbach. Die verwahrlosten Tiere waren längere Zeit nicht versorgt worden. Tierärzte und Beratungsstellen machen aber auch auf die psychische Not vieler Landwirte aufmerksam.

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    Von
    • Rebecca Reinhard

    Der Fall sorgte für Schlagzeilen: 150 tote Rinder in einem Stall bei Ansbach, zuvor offenbar verwahrlost und länger nicht gepflegt. Die Empörung war groß, doch Experten lenken nun auch den Blick auf die Lage der Bauern. Bei vielen landwirtschaftlichen Betrieben sei die psychische und physische Belastungsgrenze erreicht, sagte Iris Fuchs von der Landestierärztekammer dem BR.

    Die meist im Familienbetrieb tätigen Landwirtinnen und Landwirte arbeiteten sieben Tage die Woche im Stall, dazu kämen Dokumentationen, Anträge und steigende Auflagen. Für Iris Fuchs Politikversagen.

    "Wachsen oder Weichen": psychologischer Druck für Landwirte

    "Die Tierärzte weisen seit Jahren darauf hin, dass das Motto 'Wachsen oder Weichen' der falsche Ansatz ist", so Fuchs. Landwirtinnen und Landwirten sei von Seiten der Politik zu lange zu Stallvergrößerungen geraten worden – immer mehr Tiere bedeute immer mehr Arbeit. Im Fall der Landwirtschaft meist bei gleichbleibendem Personal, nämlich der Familie.

    Auch Heidi Perzl, psychologische Beraterin der landwirtschaftlichen Sozialversicherung SVLFG, macht auf die hohe psychische Belastung von Landwirtinnen und Landwirten aufmerksam. Sie ist erste Ansprechpartnerin für Landwirtinnen und Landwirte in Not. Zwanzig bis dreißig Anrufe gingen wöchentlich bei der zentralen Krisenhotline ein, sagt die erfahrene Beraterin.

    Schlechtes Image der Landwirtschaft belastet Bauern

    Oft sind Generationenkonflikte um die Hofnachfolge, Eheprobleme sowie Überforderung wegen hoher Auflagen und Dokumentationspflichten die Ursache für psychische Probleme. Und, so Perzl: "Gerade kämpfen sie natürlich auch mit der Imageproblematik, weil die Landwirte in der Gesellschaft heute nicht sehr angesehen sind. Auch das belastet unsere Landwirte sehr. Und wenn dann zu der vielen Arbeit auch noch eine Krankheit dazukommt, dann wird es halt schon schwer." Die Folge: Ein höheres Risiko, an Burnout oder Depressionen zu erkranken – bis hin zum Suizid.

    Viele Landwirte leiden unter Burnout

    Tatsächlich sind laut einer Schweizer Studie rund zwölf Prozent der Landwirtinnen und Landwirte Burnout-gefährdet. Zum Vergleich: In der Allgemeinbevölkerung sind es nur rund sechs Prozent.

    Eine vom Bundesinformationszentrum Landwirtschaft zitierte Studie aus Frankreich kommt gar zum Urteil, dass die Selbstmordrate unter Landwirtinnen und Landwirten rund 20 Prozent höher liegt als im Durchschnitt. Und eine finnische Studie soll belegen, dass knapp die Hälfte aller Burnout-Patientinnen und Patienten des Landes in der Landwirtschaft arbeiten.

    Abstumpfung als Selbstschutz

    Eine mögliche Folge von Depressionen und Burnout, so weitere Studien: Vernachlässigung der Tiere. Eine Beraterin für Landwirte in Notlagen, die anonym bleiben möchte, berichtet dem BR: "Es entstehen Reaktionsketten wie das Abstumpfen als Selbstschutzprozess, das Ausblenden, um überhaupt noch handlungsfähig zu sein angesichts der Versagensängste."

    Wirkungszusammenhänge, die auch Beraterin Heidi Perzl von der landwirtschaftlichen Sozialversicherung SVLFG kennt. "Wenn man sagt, ein Landwirt würde seine Tiere nicht gut behandeln, dann steckt da meist ein menschliches Schicksal dahinter."

    Hinter Tierschutzskandalen stecken oft menschliche Tragödien

    Tatsächlich sind laut internationaler Studien meist zwischenmenschliche Konflikte, Geldprobleme oder die wachsende Sorge vieler Nutztierhalterinnen und -halter vor staatlicher Kontrolle Auslöser von Tiervernachlässigung.

    Deshalb sei das persönliche Umfeld sowie Tierärztinnen und Tierärzte wichtig, um einen Kontrollverlust im Stall frühzeitig zu erkennen und an Beratungsstellen zu verwiesen.

    Tierärztin: "In Zukunft weitere Opfer bei Tier und Mensch"

    Für Heidi Perzl liegt aber genau hier das Problem: Nur wer sich aktiv darum bemühe, dem könne sicher geholfen werden. Viele Landwirte täten sich aber schwer, Schambarrieren zu überwinden und sich Hilfe zu suchen. Im schlimmsten Fall blieben unversorgte Tiere unbemerkt. Wie im Fall von den nunmehr 200 toten Rindern in Mittelfranken. Hier waren die Beamten erst eingetroffen, nachdem einige Tiere bereits verwest waren. Tierärztin Iris Fuchs: "Ich bin sicher, dass wir auch in Zukunft weitere Opfer bei Tier und Mensch haben werden."

    Tierärztinnen, Tierärzte und Beratungsstellen fordern nun ein flächendeckenderes Beratungsnetz für Landwirtinnen und Landwirte. Ihnen soll dann schnell und unbürokratisch geholfen werden können. Es gelte, einen Kontrollverlust des Menschen am lebenden Tier frühzeitig zu erkennen.

    Neue EU-Verordnung schreibt mehr Tierarztbesuche vor

    Laut dem jüngst in Kraft getretenem EU-Tiergesundheitsrecht müssen Tierärztinnen und Tierärzte nun regelmäßig auf Bauernhöfen sogenannte Tiergesundheitsbesuche durchführen. So sollen Krankheiten früh erkannt und das Tierwohl verbessert werden.

    Sind auch Sie in der Landwirtschaft tätig und in akuter seelischer Not? Unter der Krisenhotline Tel.: 0561 785 – 10101 stehen Ihnen rund um die Uhr, auch in der Nacht, Psychologinnen und Psychologen, auch anonym, zur Seite. Bei anderen sozialen, psychischen und finanziellen Sorgen können Sie sich an das Team um Heidi Perzl unter der Nummer 0561 785 – 10512 wenden.

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