Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Psychische Gewalt an Kindern: in Bayerns Kitas keine Seltenheit | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Eine Mutter berichtet anonym davon, was ihr Kind und andere aus der Gruppe in einer kleinen bayerischen Kita erleiden mussten.

22
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Psychische Gewalt an Kindern: in Bayerns Kitas keine Seltenheit

"Wenn du nicht leise bist, schneide ich dir die Zunge ab." In bayerischen Kitas sollen Erzieherinnen und Erzieher regelmäßig gegenüber Kindern psychische Gewalt anwenden. Eltern und Erzieherinnen berichten von drastischen Fällen.

22
Per Mail sharen
Teilen

Die sechsjährige Laura* und ihre Mutter Hannah Herl* aus einem Vorort von München spielen zusammen im Kinderzimmer. Dieses Jahr kam Laura in die Schule. An den Kindergarten hat sie schlechte Erinnerungen. Sie versucht, sie zu beschreiben, sagt aber dann an ihre Mutter gewandt: "Ich kann’s nicht sagen. Bitte sag' du es."

*Namen von der Redaktion geändert

Wegschicken statt trösten

Hannah Herl sagt, ihre Tochter sei traurig gewesen, weil sie ihr Kuscheltier nicht gefunden habe. Statt sie zu trösten habe eine der Erzieherinnen sie alleine auf den Flur geschickt. Auf dem Nachhauseweg erzählte Laura die Geschichte ihrer Mutter, die sich daraufhin an die Kitaleitung wandte. Die Leitung entschuldigte sich. Mit der beteiligten Erzieherin wurde ein klärendes Gespräch geführt.

© BR24

"Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!" "Du stellst dich in die Ecke!" Viele sind mit solchen Aufforderungen aufgewachsen. Auch in einigen Kitas werden Kinder so "erzogen". Noch normale Erziehungsmethode oder psychische Gewalt?

Erzieherin erzählt von regelmäßiger Gewalt an Kindern

Nergiz Esin, Erzieherin, 38, kennt ähnliche Situationen. Viele Jahre hat sie in einer Kindertagesstätte gearbeitet, hat dabei so viel beobachtet, dass es ihr zu viel wurde. Nun hat sie gekündigt und den Arbeitgeber gewechselt. Nergiz Esin erhebt harte Vorwürfe: Regelmäßig hätten Krippenkinder bis drei Jahre zwei Stunden lang wach im dunklen Schlafraum liegen müssen, obwohl sie nicht müde gewesen seien.

In dieser Zeit hätten die Erzieherinnen Pause gemacht. Andere Kinder hätten Essen bis zum Würgereiz probieren müssen, obwohl bekannt gewesen sei, dass das Kind das Essen nicht mag. Letztlich seien die Vorgaben des bayerischen Erziehungsplans immer wieder ignoriert worden.

Gewalt in jeder Kita - fast jeden Tag

Fallschilderungen wie von Nergiz Esin laufen bei Anke Ballmann zusammen. Sie leitet ein Institut für kindgerechte Pädagogik und bildet seit vielen Jahren Erzieherinnen aus. Auch in den Kitas vor Ort prüft sie pädagogisches Fachpersonal. Sie hat mehr als 500 Kitas in Bayern besucht und mit mehr als 9.000 Erziehern und Erzieherinnen gearbeitet.

Dabei hat sie viel über psychische Gewalt erfahren und erlebt und ein Buch darüber geschrieben. Sie sagt:

"Gewalt in Kitas kommt sehr häufig vor, in jeder Kita fast jeden Tag, in unterschiedlichen Ausprägungen, es gibt psychische und physische Gewalt, meistens ist es psychische Gewalt. Nicht von allen Erzieherinnen, immer nur von wenigen, aber die wenigen sind schon zu viel." Anke Ballmann, Institut für kindgerechte Pädagogik
© BR/Reinhard Weber

Birgit Parnklip, Leiterin des Kitaland e.V. in Erding, hat selbst Erzieherinnen erlebt, die sich Kindern gegenüber falsch verhalten haben.

Bayerisches Sozialministerium spricht von Einzelfällen

Das Bayerische Sozialministerium antwortet auf die Frage, ob die Fälle von Gewalt bekannt seien und was man dagegen unternehme, so: "Wir wissen, dass negative Praxis in Form von physischen und psychischen Grenzüberschreitungen vorkommt." Meistens handele es sich um einzelne Personen.

Regelmäßige Fortbildung, um Gewalt vorzubeugen

In der polizeilichen Kriminalstatistik würden Erzieherinnen und Erzieher als Tatverdächtige nicht explizit erfasst. Um Gewalt vorzubeugen, fördere die bayerische Staatsregierung die Regelfortbildung für das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen über eine eigene Förderrichtlinie. Ein Schwerpunktthema 2019 sei das Thema "Kinderschutzkonzept in der Kita".

Anke Ballmann vom Institut für kindgerechte Pädagogik fordert nicht nur mehr Fortbildung, sondern auch eine finanzielle Aufwertung des Berufes. Dann gebe es mehr Interessierte und schon bei der Ausbildung könnten strengere Auswahlkriterien eingeführt werden. Bis 2023 fehlen in Bayern laut Staatsregierung etwa 30.000 Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten. Wissenschaftler der Bertelsmann-Stiftung empfehlen, dass in Kinderkrippen ein Erzieher höchstens drei Kinder betreuen sollte, in Kindergärten sollte das Betreuungsverhältnis 1:7,5 sein.

Gewerkschaft: Überlastung und Personalnot führt zu Stress bei Erziehern

"Davon sind wir in Bayern sehr weit entfernt", sagt Elke Hahn von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Bayern, die auch die Belange der Erzieherinnen und Erzieher vertritt.

Der Personalmangel führe zu Arbeitsverdichtung und Stress, so Elke Hahn: "Dass mangelnde Zeit zu Fehlern führen kann, ist bekannt und keine Weisheit." Oft blieben die Beschäftigten mit diesem Druck allein. "Sicher liegen die Nerven auch mal blank, wenn Arbeitsüberlastung länger anhält und keine Abhilfe zu sehen ist. Das rechtfertigt aber natürlich nicht, Druck oder Stress an den Kindern auszulassen. Das darf nicht geschehen", sagt Elke Hahn.

Peter Jansen vom Berufsverband für Lehrkräfte und Pädagogen KEG sieht das ähnlich: "Arbeitsüberlastung ist keine Ausrede. Dann muss man sich Hilfe holen, durch eine Überlastungsanzeige, die jeder Erzieher machen kann."

Gespräch, Abmahnung, Kündigung

Auch Birgit Parnklip, die Leiterin der Kita des Kinderland e.V. in Erding war schon ab und an mit Erzieherinnen konfrontiert, die sich falsch verhalten haben: "Das sind dann oft so Floskeln, die die Kollegen loslassen, wie zum Beispiel: Wenn du jetzt nicht leise bist, schneide ich dir die Zunge ab. Wenn die Mama nicht kommt, dann nehme ich dich mit nach Hause."

Birgit Parnklip hat da kein Nachsehen, für sie steht das Kindeswohl an höchster Stelle. Erst gebe es ein Gespräch, helfe das nicht, gebe es eine mündliche Abmahnung, dann eine schriftliche und wenn es gar nicht passe, trenne sie sich auch von Personal.