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© BR/Judith Zacher
Bildrechte: pa/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Vor dem Augsburger Landgericht wurden die Plädoyers im Prozess um den toten Dreijährigen aus Dillingen gehalten. Die Staatsanwaltschaft forderte 11 Jahre Haft, die Verteidigung einen Freispruch.

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Prozess um toten Dreijährigen: elf Jahre Haft oder Freispruch?

Die Staatsanwaltschaft hat im Prozess um den toten Dreijährigen aus Dillingen elf Jahre Haft für den Angeklagten gefordert. Die Verteidiger plädierten dagegen auf Freispruch. Beide Seiten halten unterschiedliche Tathergänge für plausibel.

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Von
  • Judith Zacher
  • Beate Mangold

Hat der 24-jährige Angeklagte vor dem Augsburger Landgericht den Sohn seiner früheren Lebensgefährtin brutal geschlagen oder war alles ein unglücklicher Unfall? Wie das Gericht diese Frage beantwortet, wird wohl entscheidend sein für das zu erwartende Urteil. Denn Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben in ihren Plädoyers gegensätzliche Ansichten vertreten.

Verteidigung hält Unfall für plausibel

Alle drei Verteidiger des Angeklagten haben vor dem Augsburger Landgericht auf Freispruch plädiert. Sie halten die Aussage des Angeklagten vor Gericht, er sei gestolpert und mit dem Knie auf dem am Boden liegenden dreijährigen Ben gelandet, für die plausibelste Erklärung für die inneren Verletzungen, an denen der Junge letztendlich starb. Staatsanwalt Michael Nißl hält genau diese Erklärung dagegen für "erstunken und erlogen".

Staatsanwaltschaft geht von Faustschlägen aus

Nißl forderte in seinem Plädoyer elf Jahre Haft für den Angeklagten. Für die Staatsanwaltschaft kommt die Aussage, die der 24-Jährige gegenüber Kripobeamten auf der Fahrt in die Untersuchungshaft gemacht hat, der Wahrheit am nächsten. Damals sagte der Angeklagte, ihm sei der Geduldsfaden gerissen und er habe dem Jungen "die Faust in den Bauch gehaut". Drei Polizisten hatten diese Aussage vor Gericht bestätigt.

Gutachten für Staatsanwaltschaft entscheidend

Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Einschätzung vor allem auf ein Gutachten, das im Rahmen der Obduktion des Dreijährigen erstellt wurde. Dies lasse keinen anderen Schluss zu, so Nißl, als dass der kleine Ben durch Einwirkung stumpfer Gewalt gestorben sei. Weil der Angeklagte an dem Tag mit dem Jungen allein zuhause gewesen sei, komme nur er als Täter infrage. Ein oder mehrere massive Faustschläge in den Bauch seien laut dem Gutachten der Grund für die inneren Verletzungen des Jungen.

Kein Vorsatz bei der Tat nachweisbar

Allerdings sei nicht nachweisbar, dass der Angeklagte den Jungen hatte töten wollen. Staatsanwalt Nißl plädierte deshalb auf Körperverletzung mit Todesfolge, nicht auf Totschlag. Eine Verringerung der Schuldfähigkeit komme laut der Untersuchung eines Psychiaters nicht infrage. Dieser stützte sich in seinen Ausführungen allein auf seine Wahrnehmung des Angeklagten vor Gericht und die Zeugenaussagen. Der Anklagte habe sich nicht untersuchen lassen, so Nißl.

Verteidiger stellen Gutachten in Frage

Das Gutachten, dass die Staatsanwaltschaft so hoch bewertet, stellen die Verteidiger in ihre Plädoyers allerdings in Frage, bezeichnen es in Teilen sogar als "Fantasieerzählung". Für die festgestellten Blutungen um die Augen gebe es beispielsweise eine nachvollziehbare Erklärung: Diese könnten beim Reanimierungsversuch entstanden sein.

Bei der Vorstellung des Gutachtens vor Gericht hatte der Rechtsmediziner betont, es seien Hinweise auf Misshandlungen, bei denen bei ihm und seinen Kollegen "alle Alarmglocken schellten". Die dazu befragten Sachverständigen hatten aber nicht ausgeschlossen, dass die Version mit dem Unfall möglich sei.

Geständnis vor Polizisten laut Verteidigung "Schwachsinn"

Das Geständnis im Polizeiauto bezeichnete Verteidiger Felix Dimpfl als "Schwachsinn". Dieses habe der Angeklagte nur abgegeben, weil ihm von der Polizei gesagt worden sei, ein Geständnis würde sich strafmildernd auswirken. Höher bewertet die Verteidigung dagegen die Aussagen vieler Zeugen, die den 24-Jährigen als ruhigen und besonnenen Mann schilderten, der die Kinder seiner damaligen Lebensgefährtin wie seine eigenen geliebt habe.

Urteil soll am Freitag fallen

Dass der Angeklagte den Unfall erst so spät vor Gericht erwähnt habe, erklärte Dimpfl damit, dass der Vorfall für ihn keine Bedeutung gehabt habe, da in Haushalten mit Kindern immer wieder Stürze passierten. Möglicherweise habe er auch eine gewisse Scham verspürt, nachdem er verstanden habe, dass dieser Sturz zum Tod des Jungen geführt habe. Das Urteil in dem Prozess soll am Freitag (26.03.21) vor dem Augsburger Landgericht gesprochen werden.

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