Der Angeklagte im Gerichtssaal
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Der Angeklagte im Gerichtssaal

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Prozess um Babyraub: War Missbrauch das Motiv?

Ein junger Mann sucht auf YouTube nach Videos, in denen Babys vergewaltigt werden. Jahre später versucht er, das Gesehene in die Tat umzusetzen und raubt einer Frau ihr Baby. So bewertet die Anklage das Geschehen. Die Verteidiger bezweifeln das.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

Ein 23-jähriger Mann betritt den Saal 180 des Augsburger Landgerichts. Würde man sein Alter nicht wissen, könnte man ihn wegen seines jugendlichen Aussehens auch auf 17 schätzen. Immer wieder zieht er den Kopf zwischen die Schultern, als er auf der Anklagebank Platz nimmt. Sein Kinn vergräbt er in seinem Kapuzenpulli – vor allem, als der Staatsanwalt die Anklage verlesen hat.

Der Fall beginnt im Jahr 2020. Damals soll der junge Mann auf YouTube nach Kinderpornos gesucht haben. Zuerst sucht er nach "baby vergewaltigt". Tags darauf tippt er erst "baby vergewaltigt usa" in die Tastatur, einige Minuten später "baby porno". Dann passiert erstmal nichts mehr, so die Anklage. Bis zum 14. Februar 2022.

Angeklagter attackiert Mutter und raubt ihr Kind

An diesem Tag schiebt in Mering eine junge Frau ihr Baby im Kinderwagen spazieren. Was sie nicht ahnt: Der Angeklagte hat sie schon Wochen zuvor beobachtet und nähert sich nun der Frau. So schildert es die Anklage. Dann stößt er die Frau gewaltsam beiseite, läuft mit dem Kinderwagen davon, um das Baby zu entführen.

Doch die Mutter hat sich inzwischen wieder aufgerappelt und läuft dem mutmaßlichen Täter hinterher. Bald holt sie ihn ein, da der junge Mann es nicht schafft, dass kleine Mädchen im Kinderwagen abzuschnallen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er das - damals sieben Wochen alte - Mädchen sexuell missbrauchen wollte – und die Anklage schließt es nicht aus, dass er das Baby anschließend auch töten wollte.

Anwälte bezweifeln die Anklage

Die beiden Anwälte des Angeklagten haben Zweifel an der Sicht der Anklage. Sie stellen nicht den Tathergang an sich in Frage. Und sie bezweifeln auch nicht, dass der Angeklagte auf YouTube nach Kinderpornos gesucht haben soll. Was sie bezweifeln, ist das Motiv und die zumindest nicht ausgeschlossene Tötungsabsicht.

Der Angeklagte sei nicht sehr intelligent, berichten die Verteidiger. Der junge Mann sei leicht zu manipulieren, er sei ein Außenseiter, der in der Schule gemobbt worden sei. Daher halten sie es für möglich, dass der Angeklagte lediglich aus einem skurrilen Interesse heraus nach den Videos gesucht hat, und nicht, weil er wirklich pädophil sei. Es gebe schließlich etliche Leute, die im Internet auch nach brutalen Gewaltvideos suchen würden, sagt einer der beiden Anwälte.

Eltern des Angeklagten verfolgen den Prozess

Dass auf Handy und Laptop des Angeklagten keine weiteren Kinderpornos gefunden worden seien, stützte ihre These, so die Anwälte weiter. Zudem sei YouTube keine Plattform, auf der man solche Videos finden würde. Und auch die psychiatrische Bewertung des Angeklagten stützte keinesfalls die These vom pädophil veranlagten Täter.

Was die beiden Anwälte jedoch nicht erklären können: Warum der junge Mann dann versucht haben soll, das Baby zu rauben. Die Eltern des jungen Mannes wollen sich nicht dazu äußern. Sie haben zu Prozessbeginn in der ersten Reihe der Besucher Platz genommen. Sie haben sich dazu entschieden, ihrem Sohn - trotz der schweren Vorwürfe - beizustehen. Ihre Seelenqualen werden im Verfahren jedoch nur eine Nebenrolle spielen.

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