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Ein Gebäude des Klinikums rechts der Isar - hier hat der angeklagte Pfleger gearbeitet.

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"Todespfleger" gesteht Morde und beschreibt Klinik-Versäumnisse

Ein Krankenpfleger, der im Münchner Klinikum rechts der Isar zwei Patienten getötet und drei weitere in Lebensgefahr gebracht haben soll, legte zum Prozessbeginn ein Geständnis ab. Darin beschreibt er auch Versäumnisse des Klinikums.

Mord - so lautet der Tatvorwurf gegen einen ehemaligen Krankenpfleger des Münchner Klinikums rechts der Isar. Er soll zwei Patienten im Alter von 80 und 89 Jahren getötet und noch drei weitere dem Tod nahegebracht haben. Weil er es bei zwei dieser Patienten mehrfach versuchte, zählt die Anklagebehörde insgesamt sechs Mordversuche. Gleich zum Prozessbeginn am Dienstag hatte der Angeklagte ein Geständnis abgelegt. Die Vorwürfe in der Anklageschrift seien zutreffend, sagte er. Er habe die Patienten allerdings nur ruhigstellen wollen.

Altenpfleger bereut seine Taten

Er bereue jeden Tag aufs Neue, was er getan an, so der 26-Jährige, der sich bei den Angehörigen und Klinik-Mitarbeitenden entschuldigt hat. "Ich hab da einen großen Fehler gemacht", sagte der Angeklagte am Dienstag. "Mir fehlen manchmal selber die Worte." Es sei nicht seine Absicht gewesen, dass jemand stirbt.

Angeklagt ist der 26-Jährige wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Im Jahr 2020 soll das passiert sein in der Wachstation, in der Patienten zum Beispiel nach einer Operation besonders überwacht werden. Laut Anklage schob der Mann dort regelmäßig Dienst als Krankenpfleger und war in einem der Räume allein für vier Patienten zuständig.

Pfleger hat im Dienst meist geschlafen und war betrunken

Der Krankenpfleger beschreibt in seinem Geständnis auch Versäumnisse des Klinikums Rechts der Isar. Der Medikamentenbestand sei nicht immer so genau kontrolliert worden, sagte er. Nach seinen Angaben hat er auch Medikamente für sich selbst bestellt und mit nach Hause genommen.

Im Dienst sei er meist betrunken gewesen und habe kurz nach Dienstantritt in der Wachstation geschlafen. Konsequenzen seien ihm aber durch Vorgesetzte nicht angedroht worden, sagte er auf Nachfrage des Richters. Ihm sei nur gesagt worden, dass er "nicht schon mit Fahne zum Dienst kommen soll".

Die Staatsanwältin spricht von einem "von Eigensucht getriebenen und nur auf sein eigenes Wohlbefinden konzentrierten Angeklagten". Er habe schlafen oder sich mit seinem Handy beschäftigen wollen.

"Totenpfleger" beschreibt seinen Alltag im Krankenhaus

Der Angeklagte bestreitet das nicht und gibt unumwunden zu: "Salopp gesagt habe ich einen Kater gehabt." Er sei "selber gestresst" gewesen. "Ich hatte mit mir zu tun." Zwar habe er nie vorgehabt, die Menschen in Lebensgefahr oder gar umzubringen, sagt der 26-Jährige immer wieder. In Kauf genommen, dass das passieren könne, habe er aber schon.

Der 26-Jährige habe nie vorgehabt, die Menschen in Lebensgefahr zu bringen oder gar umzubringen. In Kauf genommen, dass das passieren könne, habe er aber schon."Wenn ich gearbeitet hab, hab ich zum größten Teil nichts gemacht", sagt er. Entgegen seinen Aufgaben habe er die Patienten nicht gewaschen oder mit ihnen gesprochen, wenn sie unruhig wurden.

Werte, die er in der Nacht messen sollte, habe er gefälscht. Erst am Morgen habe er die Patienten aufgesetzt - zur Visite. In ihren Rollstühlen habe er sie dann zur Wand gedreht. "Dann sind die Patienten ruhiger. Wenn die im Blickkontakt mit den anderen sind, können die sich ja unterhalten."

Er genoss seine Machtposition

Er habe aber nicht nur seine Ruhe gewollt, sondern es auch genossen, dass die Ärzte ratlos waren, wenn es den Patienten, von denen einige auf dem Weg der Besserung waren, plötzlich wieder so schlecht ging, heißt es in der Anklage. Diese "Machtposition" habe er genossen. Wenn er den Patienten Medikamente gab, die nicht für sie gedacht waren, habe er es genossen Arzt zu spielen.

Einer Frau, die nach einer Kopfoperation eine Kopfdrainage hatte, gab er laut Anklage 25.000 Einheiten des Blutverdünnungsmittels Heparin. Er habe "nicht gewusst, dass 25.000 Einheiten so viel sind", sagt der Angeklagte. Das kann auch daran liegen, dass er gar kein Krankenpfleger ist, obwohl er im Münchner Klinikum Rechts der Isar als solcher arbeitete, sondern Altenpfleger.

Angeklagter schildert massiven Alkoholmissbrauch

Eine Zeitarbeitsfirma aus Österreich hatte ihn an das Krankenhaus vermittelt, in Österreich habe er damals nicht arbeiten dürfen, weil er dort wegen Diebstahls vorbestraft war. Und so mietete er sich in München im Hotel ein und ließ sich jeden Abend mit dem Taxi zur Nachtschicht in die Klinik fahren - weil er zu betrunken für die U-Bahn war und jede Sekunde im Hotel ausnutzen wollte, so sagt er es.

In den vier Monaten, die er in dem Münchner Krankenhaus arbeitete, will er jeden Tag getrunken haben - und zwar so massiv, dass nicht nur Richter Norbert Riedmann, sondern auch ein medizinischer Gutachter im Saal Zweifel an den Schilderungen haben. Von mindestens 30 Stamperln Jägermeister am Wochenende, wenn Gladbach spielte, ist die Rede - plus acht Bier. "Da kam der Ruhrpott durch: Vor die Kneipe uriniert, schlecht benommen."

Elf, zwölf Flaschen Bier habe er schon morgens an der Tankstelle nach der Nachtschicht getrunken. Dass er das aushielt, erklärt er mit Gewohnheit und seiner Körpermasse: "Zwei Meter, 120 Kilo."

Auch heftige Beruhigungsmittel will er regelmäßig genommen haben - abgezweigt aus von ihm selbst aufgegebenen Bestellungen für das Klinikum Rechts der Isar."«Im Krankenhaus wird da nicht so drauf geachtet." So erklärte er, dass es ihm möglich war, die Medikamente für sich und die angeklagten Morde und Mordversuche zu entnehmen ohne dass es jemand merkte.

Klinikum bestürzt von den Vorwürfen

Das Münchner Klinikum zeigte sich "bestürzt" über die Vorwürfe. "Am Universitätsklinikum rechts der Isar gibt es strenge Verfahrensanweisungen zu Medikamenten", sagt eine Sprecherin der Klinik auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. In der Regel dürften nur Ärzte und Ärztinnen in der hauseigenen Apotheke Medikamente bestellen. "Pflegekräfte können lediglich in Ausnahmefällen dazu autorisiert werden." Ob für den angeklagten Pfleger eine solche Ausnahmeregelung galt, blieb zunächst offen.

"Im Universitätsklinikum rechts der Isar herrscht eine Null-Toleranz-Grenze bei Alkohol im Dienst. Mitarbeitende, die alkoholisiert zur Arbeit erscheinen, werden umgehend von den Vorgesetzten nach Hause geschickt und müssen auch mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Dies galt auch für den Beschuldigten", sagt die Kliniksprecherin.

Seit Bekanntwerden der Fälle, die von einem aufmerksamen Assistenzarzt der Klinik aufgedeckt wurden, habe das Krankenhaus seine "internen Sicherheitsregularien und Kontrollmechanismen noch einmal verschärft".

Pfleger: "Nur die eine Option: Sie ruhigzustellen"

Beim Dienst in der Wachstation wollte er den Ermittlungen zufolge seine Ruhe haben, um sich vom Alkoholkonsum der Vorabende zu erholen oder sich mit seinem Handy zu beschäftigen. Dies bestätigte er auch bei seinem Geständnis am Dienstag: Weil er oft vor seiner Schicht Alkohol getrunken und dann einen Kater gehabt habe, habe er einfach nur seine Ruhe haben wollen. "Da ich alkoholisiert war, gab es für mich nur die eine Option: Sie ruhigzustellen", sagt der 26-Jährige und betont jetzt: "Es tut mir von Herzen leid."

Laut Anklage testete er Medikamente an Patienten

So habe er unruhige Patienten ohne entsprechende Verordnung mit sedierenden Medikamenten ruhiggestellt, aber auch die Wirkung von aufputschenden Medikamenten an ihnen getestet. Wenn sich der Zustand der Patienten dann verschlechtert habe, habe er es genossen, dass die Ärzte, von denen er sich herablassend behandelt gefühlt habe, ratlos gewesen seien. Den Tod der Patienten habe der 26-Jährige dabei in Kauf genommen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Sie macht den Angeklagten dafür verantwortlich, dass zwei betagte Patienten im Altern von 89 und 90 Jahren gestorben sind.

Hans Magnus Enzensberger unter den "Überlebenden"

Zu den drei anderen, die zumindest in Lebensgefahr gerieten, gehörte nach Angaben der Anklagebehörde auch der bekannte Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der damals 90 Jahre alt war. Der Pfleger soll sich um das Schicksal der Patienten dann nicht weiter gekümmert haben und einfach in die Pause gegangen sein.

Oberarzt schöpfte Verdacht, als es Patienten plötzlich viel schlechter ging

Ein aufmerksamer Oberarzt am Klinikum rechts der Isar wurde schließlich stutzig, weil sich der Zustand von zwei Patienten plötzlich und unerklärlich verschlechtert hatte. Interne Ermittlungen ergaben Hinweise auf einen ähnlichen Fall, bei dem ebenfalls der 26-Jährige Dienst gehabt hatte. Die Klinik zeigte ihn darauf an. Für den Prozess sind Termine bis Mitte Mai angesetzt.

Ähnliche Fälle mit Urteilen gegen Pfleger und Hebammen

2020 hatte das Landgericht München I einen Hilfspfleger wegen Mordes an drei Patienten zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Mann aus Polen hatte alten Menschen Insulin gespritzt, das in Überdosierung tödlich wirken kann. 2016 verurteilte das Gericht eine Hebamme des Klinikums Großhadern wegen siebenfachen Mordversuches zu 15 Jahren Haft. Nach Überzeugung des Gerichts hatte die Frau Patientinnen bei Kaiserschnitt-Geburten heimlich Blutverdünner gegeben. Ohne Notoperationen wären sie gestorben.

Für bundesweite Schlagzeilen sorgte auch der Fall des sogenannten "Todespflegers", der in Oldenburg 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nach Überzeugung des zuständigen Gerichts hatte er Patienten medizinisch nicht indizierte Medikamente verabreicht.

Mit Informationen von dpa

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