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Pooling gegen die Corona-Pandemie

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Corona-Pooltesting in Bayern: Eine Initiative macht mobil

Bayern setzt neben Impfungen vor allem auf Testung. Je mehr Menschen als infiziert erkannt werden, desto besser lässt sich die Pandemie eindämmen. Ein Unternehmer aus Erlangen hilft mit einer Initiative: unkonventionell, schnell und preisgünstig.

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Von
  • Claudia Grimmer

Der Erlanger Unternehmer Thomas Wagner hat sich dem Thema Corona verschrieben. Spricht man mit ihm, dann legt er Studien aus der ganzen Welt vor. Er kennt die neuesten wissenschaftlichen Arbeiten, argumentiert fachbezogen und hat nur ein Ziel vor Augen: Preisgünstige Testungen, die schnell und unkompliziert bei vielen Menschen gemacht werden können.

Studien belegen: Viele Testungen sorgen für Sicherheit

Und schon zückt er eine der neuesten Grafiken aus der Fachzeitschrift "Science Advances" von amerikanischen Wissenschaftlern. Die haben den Verlauf der Ausbreitung von Corona untersucht anhand von regelmäßigen Testungen. Resultat: Je öfter getestet wird, desto mehr geht die Infektionskurve zurück. Das unterstreicht auch die These des Erlanger Unternehmers.

Seine Berechnungen: "In Erlangen müssten 50.000 Menschen einmal pro Woche gurgeln, um einen echten Rückgang der Zahlen zu erreichen. Die könnte man in Pools von zehn bis 30 Personen auswerten. Dann wären das nur 1.700 Tests pro Woche. Testet man 75 Prozent der Personen zweimal in der Woche, lassen sich die Infektionszahlen sogar um mehr als 85 Prozent senken."

Beteiligt an der angeführten Studie waren unter anderem die University of Colorado und die Harvard University.

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Thomas Wagner, Intego GmbH Erlangen

Ein Unternehmer ergreift Eigeninitiative

Wagner vertreibt weder die Gurgeltests noch verdient er etwas an der Auswertung. Er will selbst etwas tun und als Unternehmer Sicherheit für seine 60 Mitarbeiter in der Firma haben, die optische Prüf-und Messanlagen herstellt. Homeoffice ist da einfach nicht möglich.

Der Ingenieur las viel, telefonierte viel und kam zum Ergebnis: Es gibt eine kostengünstige, sichere und schnelle Testung. Und zwar durch Pooling. Zweimal in der Woche geben jetzt seine Mitarbeiter sogenannte Spucktests ab. Sie gurgeln zuhause 30 Sekunden mit normalem Leitungswasser, füllen das Sputum in zwei verschiedene Röhrchen und nehmen diese mit zur Arbeit.

Beim sogenannten Pooling werden fünf, zehn oder sogar 30 Proben in einer zusammengenommen und untersucht. Ist der Pool negativ, dann wurden mit einem Schlag 30 Personen getestet. Ist der Test positiv, kommt das zweite abgegebene Röhrchen der Mitarbeiter zum Einsatz. Dann wird der Pool aufgelöst und jede einzelne Probe noch einmal einzeln untersucht. Das passiert innerhalb von wenigen Stunden.

"Dadurch, dass wir für bis zu 30 Leute nur einen einzigen PCR-Test für die Auswertung brauchen, haben wir nur ein Dreißigstel der Kosten. Die Kosten von einem normalen medizinischen Verfahren liegen schnell bei 20, 40, 60 Euro pro einzelnen Test oder mehr. Wir müssen für einen Pool von 20 bis 30 Personen nur ein bis zwei Euro zahlen." Thomas Wagner, Intego GmbH Erlangen

Pooling ist Win-win-Situation für alle

Für Thomas Wagner ist Pooling eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Der Arbeitgeber weiß schnell, ob ein Mitarbeiter infiziert ist, dann können sofort Kontaktpersonen ausfindig gemacht und in Quarantäne geschickt werden. Mitarbeiter können auch von Angehörigen Proben mitbringen, denn das verringert das Risiko einer Ausbreitung im Betrieb noch einmal. Vom Pooling und vom Gurgeltest ist Wagner überzeugt und so nahm er Kontakt mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg auf.

Prof. Michael Kabesch hat bereits Erfahrung mit dem Gurgeltest durch eine Studie mit den Regensburger Domspatzen. Ihn konnte Wagner sofort für die Idee gewinnen. Gleichzeitig knüpfte der Erlanger Unternehmer Kontakte zum biochemischen Labor der Uni Erlangen.

Dort konnte er den Mikrobiologen Prof. Andreas Burkovski von der Idee überzeugen, der jetzt ein Labor nur für die PCR-Analyse der Gurgeltests zur Verfügung stellt. Das ist kein medizinisches Labor, aber es kann PCR-Analysen mit den entsprechenden hochwertigen Geräten durchführen und zwar kostengünstiger, schnell und im Ergebnis ähnlich im Vergleich zu privaten, medizinischen Laboren.

Der Gurgeltest wird derzeit nur als PCR-Analyse angeboten. Sie ist der Goldstandard im Gegensatz zu Schnelltests. Gegenüber einer Entnahme mittels Rachen- oder Nasenabstrich hat der Gurgeltest den Vorteil, dass er angenehmer für die Testperson ist.

Es wird immer mehr gegurgelt

Nicht nur in Erlangen setzt man darauf. Auch die Stadt Köln lässt immer mehr gurgeln. Das Gesundheitsamt dort hat bereits mehrere Zehntausend Proben genommen, in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen. Ein Grund war, dass das Pflegepersonal die regelmäßigen Abstriche zunehmend als unangenehm empfand und die Bereitschaft zur Testung sank.

Der Gurgeltest ist sicher und einfach

Eine aufwendige Testentnahme von geschultem Personal in Schutzkleidung, wie beim Nasen,- oder Rachenabstrich entfällt beim Spucktest. Dabei ist der Gurgeltest genauso zuverlässig. Das haben unter anderem auch interne Studien des Synlab-Labors in Weiden gezeigt. Aber auch die Uni Regensburg und die Uni Magdeburg arbeiten seit langem mit Gurgeltests. In Wien wird er standardmäßig angeboten. Auch einzelne Gesundheitsämter in Bayern arbeiten damit. Entwickelt wurde der Gurgeltest in Österreich im Verbund mit 21 Wiener Forschungsinstituten.

"Wir haben anhand von vergleichenden Untersuchungen, die wir natürlich im Vorfeld durchgeführt haben, zeigen können, dass der Abstrich und das Gurgeln absolut vergleichbare Ergebnisse ergeben. Einen Abstrich kann man auch dramatisch falsch machen und dann ist der wenig aussagekräftig." Prof. Michael Wagner, Zentrum für Mikrobiologie und Umweltwissenschaften

Die Initiative will Klarheit für Schulen schaffen

Der Regensburger Chefarzt und Klinikleiter der pädiatrischen Pneumologie und Kinderarzt, Prof. Michael Kabesch sah in der Erlanger Initiative auch eine Chance für Pooling an Schulen. Statt nur Mutmaßungen anzustellen über eventuelle Verbreitungen des Coronavirus in Bildungseinrichtungen, könnte hier eine Studie erstellt werden, die die Infektionen in Schulen nachvollzieht, so seine Idee. Innerhalb weniger Tagen erarbeitete er ein Protokoll für den Ablauf und stellte einen Forschungsantrag beim Kultur- und Gesundheitsministerium. Das Wissenschaftsministerium hat bereits die Zusage für seine sogenannte Stecado-Testung gegeben. Jetzt wartet er auf Antwort aus den anderen Behörden.

Schon in den nächsten Tagen sollen die Pooltestungen in Regensburger Abschlussklassen beginnen. Prof. Kabesch stieß dabei auf große Resonanz bei den Schulleitern, die sofort grünes Licht für dafür gaben.

Um Forschungsmittel in Gang zu setzen, müssen die Mediziner in Vorleistung gehen, zeigen, dass eine Studie wichtig ist. Das tun nun die Regensburger Mediziner des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, indem sie anfangen, Daten zu sammeln von Gurgeltests im Pooling-Verfahren. Sie hoffen, damit die Ministerien überzeugen zu können, denn nur so, könne die Studie auch mittelfristig finanziert werden.

"Wir haben ein neues Protokoll für PCR-Testungen, das erlaubt, ganz viele Personen ganz schnell zu testen und damit können wir auch in Schulen gehen, ganze Klassen gemeinsam testen, um so in einer Art Umweltscreening auch zu sehen, wo sich dieses Coronavirus in Schulen auch befindet, bevor es überhaupt zum Ausbruch kommt." Prof. Michael Kabesch, Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Die Mediziner könnten so erstmals Daten dazu liefern, wie hoch die Infektionszahlen an Schulen überhaupt seien. Sie könnten nachverfolgen, inwieweit Wechsel- oder Präsenzunterricht die Infektionszahlen erhöhen.

Und der Unternehmer will mehr

Ein Ingenieur ist ein Analytiker. Viel Emotionen lässt er im Normalfall nicht zu. Thomas Wagner lächelt. Er argumentiert wie immer sachlich, aber stolz, dass er etwas beitragen kann in einer Zeit, die viel von seinen Mitarbeitern, von jedem einzelnen abverlangt.

"Jeder einzelne kann was tun. Das ist der große Charme einer offenen Gesellschaft. Jedem ist Denken erlaubt. Jeder kann mitwirken und wir versuchen, ein kleiner Stein zu sein, um insgesamt unsere Stadt und im besten Fall sogar noch andere Städte in Bayern sicherer zu machen." Thomas Wagner, Unternehmer aus Erlangen

Und er will noch mehr Landesbehörden, städtische Behörden, Kindergärten, Unis, Labore, Mediziner, Feuerwehren, Busfahrer oder Schulen in ganz Bayern für Pooling, für die Mitarbeit als Labor, als Forschungsträger begeistern.

"Wir werden mit der Stadt sprechen und die Stadt fragen, an welchen Stellen könnt ihr das am besten einsetzen: bei Busfahrern, bei der Feuerwehr, in der Kinderbetreuung, in der offenen Bürgerarbeit oder Verwaltung, wo man Kundenkontakt hat. Und jede Institution kann für sich eine Prioritätenliste erstellen, wo sie diese Tests einsetzen will. Und durch die Skalierung können wir das Verfahren schnell hochskalieren." Thomas Wagner, Erlanger Unternehmer

Pandemie schweißt zusammen

Was Thomas Wagner initiiert, ist genau das, was die Bevölkerung jetzt braucht. Statt negativer Meldungen über fehlenden Impfstoff, will er einen Weg aufzeigen, wie die Pandemie gemeinsam bekämpft werden kann. Er will ein Zeichen setzen, dass eine Gesellschaft viel gemeinsam erreichen kann.

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