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Politische Konflikte an Schulen: "Wir sind ein Melting Pot" | BR24

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Aggressionen unter Schülern, religiöse Konflikte - und die Lehrer sollen es richten. Was an vielen bayerischen Schulen abläuft, ist eine Herausforderung. Wie viel Weltpolitik hat Platz auf dem Schulhof?

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Politische Konflikte an Schulen: "Wir sind ein Melting Pot"

Hakenkreuzschmierereien, Aggressionen unter Schülern, religiöse Streitigkeiten: Die Konflikte der Weltpolitik werden auch auf den Schulhöfen ausgetragen - und die Lehrer sollen es richten. Eine Herausforderung.

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"Wir sind ein Meltingpot", sagt der Rektor einer Mittelschule in einer Kreisstadt in Bayern, und da kann es sein, dass vereinzelt unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen.

"Ich höre, dass vielleicht ein Türke oder ein Russlanddeutscher sagt, jetzt sind Syrer da. Das sind Ausländer. Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Die nehmen uns Wohnraum weg." Rektor einer Mittelschule

Aus der Erzählung wird klar: Es hat nicht nur mit Einstellungen oder Kultur zu tun, auch soziale Aspekte können eine Rolle spielen, wenn es zu Konflikten kommt. Und jeder Fall ist ein bisschen anders gelagert. "Ich glaube die Vielfalt ist krasser geworden, sodass Schule sich immer mehr mit unterschiedlichen politischen Kulturen beschäftigen muss", sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

Islamwissenschaftler: Lehrer müssen geschult werden

Ein Beispiel sind religiöse Konflikte. Hierbei geht es in aller Regel nicht um Gewalt, sagen Experten wie der Islam- und Sozialwissenschaftler Götz Nordbruch. Aus seiner Sicht "geht es vor allem um Konflikte, die sich beispielsweise am Umgang mit Religion und Religiosität im Alltag festmachen". Nordbruch ist überzeugt, dass Lehrer für den Umgang mit politischen und religiösen Konflikten geschult werden müssen.

"Sie finden sehr viele Verschwörungstheorien. Sie finden sehr rigide Religionsverständnisse", sagt Nordbruch. Er ist Mitbegründer von ufuq.de - ein Verein, der verhindern möchte, dass sich junge Menschen radikalisieren und beispielsweise Islamisten werden. Der Verein, der in Augsburg eine landesweite Fachstelle zur Prävention von Radikalisierung unterhält, versteht sich als Berater und Fortbilder von Fachkräften in Schulen, Bildungseinrichtungen, Verwaltungen und Verbänden.

Konflikt um christliche Symbolik

In einer Mittelschule in einer bayerischen Kleinstadt. In jedem Klassenzimmer hängt ein Kreuz. Ein muslimisches Mädchen erzählt, ein Mitschüler habe zu ihr gesagt, sie dürfe da nicht hinschauen, das sei "haram". Der Begriff steht für all das, was Muslimen verboten ist.

Dabei ist die Schule stolz darauf, ein Ort zu sein, an dem unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. Vergangenen Dezember feierte die Schule ein multikulturelles Weihnachtsfest. Dabei rief ein muslimischer Schüler "haram" und er meint damit das Schulfest.

Die ablehnende Haltung teilen bei weitem nicht alle muslimischen Schüler. Eine Muslimin sagt, sie finde es schade, wenn sich Mitschüler so wenig tolerant verhalten.

"Wenn unsere Schule sogar so tolerant ist, dass sie uns an muslimischen Feiertagen frei gibt, wieso können wir uns an diesem einen Tag nicht zusammenreißen und Weihnachten mitfeiern?" Muslimische Schülerin

Schüler malen Hakenkreuz und ziehen Messer

Aber auch Schüler ohne Migrationshintergrund sind Teil von Konflikten. Treffen mit Diana Schubert. Sie leitet das Büro für Kommunale Prävention der Stadt Augsburg und erzählt von einem Vorfall im Winter an einer Schule im Raum Augsburg. Jugendliche malten ein Hakenkreuz in den Schnee.

"Ein Schüler wollte da dazwischen gehen, wollte sich couragiert zeigen. Er ist dann von den Jugendlichen bedroht worden mit einem Messer. Das hat die Schule dann dazu bewegt, diesen Fall anzuzeigen." Diana Schubert, Kommunale Prävention Augsburg

Verwickelt waren vier Jugendliche um die 16 Jahre. Die Schüler wurden verurteilt mehrere Stunden lang eine Maßnahme zu absolvieren - bei der Brücke Augsburg, einem Verein, der Gewaltprävention für Kinder und Jugendliche anbietet. Unter pädagogischer Anleitung lasen die Schüler Bücher und sahen Filme, die sich kritisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen.

In einem anderen Fall hatte die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr Anklage gegen drei Gymnasiasten aus München erhoben. Sie hatten in einer Whatsapp-Gruppe ihrer Jahrgangsstufe unter anderem den Holocaust geleugnet.

Das Verfahren gegen die deutschen Schüler wurde schließlich eingestellt. Dafür mussten sie Sozialstunden ableisten.

Schule soll Demokratieverständnis fördern

Schule hat einen Erziehungs- und einen Bildungsauftrag. Es gehe auch darum, das Demokratieverständnis der Schüler zu fördern und die Toleranz, so Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV).

"Ich glaube, dass Kinder, die sehr radikal auftreten, ein dringendes Bedürfnis haben danach, dass man sie sieht, dass man sie hört. Und dass man mit ihnen redet." Simone Fleischmann, BLLV-Präsidentin

Aber: Lehrer dürfen Schülern laut Kultusministerium nicht ihre politische Meinung aufdrücken.

Lehrer wollen mehr Zeit für politische Bildung im Unterricht

Lehrer können zum Beispiel Diskussionen über politische Parteien anregen, in die dann unterschiedliche Sichtweisen einfließen. Der Bayerische Lehrer und Lehrerinnenverband fordert, dass politische Bildung in den Lehrplänen im Freistaat einen größeren Raum einnimmt als bisher.

Bayern habe deutschlandweit mit die wenigsten Stunden für politische Bildung, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

"Mir macht schon ein bisschen Angst, wenn die Radikalisierung zunimmt und wenn es immer mehr Menschen gibt, die sich da an die Ränder stellen, dass wir in Schule damit auch mehr zu kämpfen haben." Simone Fleischmann, BLLV-Präsidentin

Kultusministerium verweist auf Projekte gegen Rassismus

Das Bayerische Kultusministerium glaubt, dass es den Schulen genug Raum für politische Bildung lässt. Auf Anfrage nennt es Beispiele wie den Besuch von Gedenkstätten und Erinnerungsorten, die Teilnahme an Wettbewerben der historisch-politischen Bildung, Wahlkurse wie zum Beispiel Politik und Zeitgeschichte.

Das Kultusministerium verweist auf Projekte gegen Rassismus und auf das im Schuljahr 2017/2018 erschienene Gesamtkonzept für die politische Bildung an bayerischen Schulen. Dieses unterstützt laut Ministerium Schulen und Lehrkräfte aller Fachbereiche mit praxisorientierten Hinweisen.

Umfrage: Ein Drittel der Schüler kennt kulturelle Konflikte

Mit der zunehmenden kulturellen Vielfalt an Schulen befasst sich auch das Programm Integration und Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung. Der Leiter des Programms Ulrich Kober weist darauf hin, dass es bisher wenig zahlengestützte Studien gibt zum Thema kulturelle Konflikte in Schulen.

Eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass 64 Prozent der Befragten in Deutschland glauben, Zuwanderung führe zu Problemen in Schulen. Von den Schülern selbst sagen das weniger, nämlich 37 Prozent. Ulrich Kober sagt, dass mehr als ein Drittel der Schüler kulturelle Konflikte kennen, sei nicht überraschend. Er sieht in der Auseinandersetzung damit auch eine Chance.

"Eine Einwanderungsgesellschaft ist eine Konfliktgesellschaft, weil hier unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinanderprallen. Und gerade in dieser konstruktiven Aufarbeitung der Konflikte geschieht Integration." Ulrich Kober, Bertelsmann-Stiftung

Migrationsanteil an Schulen in Bayern steigt

Die Zahlen der allgemeinbildenden Schulen in Bayern, etwa Gymnasien sowie Mittel- und Realschulen, zeigen: In den vergangenen zehn Jahren stieg der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund von elf auf mehr als 20 Prozent – im Durchschnitt. Deutschlandweit hat laut Ulrich Kober von der Bertelsmann-Stiftung ein Drittel der Schüler einen Migrationshintergrund, aber nicht einmal zehn Prozent der Lehrkräfte.

Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund und kultureller Kompetenz, das wünscht sich auch Lehrerverbandspräsidentin Simone Fleischmann: "Die Welt so wie sie jetzt draußen ist, so wie sie sich in der Schule spiegelt, muss von uns Lehrerinnen und Lehrern anders trainiert werden, wir müssen der anders begegnen und Kompetenzen haben wir da im Studium sehr wenige dazu."