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Die Angeklagte Susanne G. wird von einem Justizbeamten in den Sitzungssaal gefuehrt.

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Plante Heilpraktikerin aus Franken Anschläge auf Politiker?

Morddrohungen und Anschlagspläne gegen Politiker, Muslime und Flüchtlingshelfer: Mit der Verlesung der Anklage hat in München der Prozess gegen eine 55-jährige Heilpraktikerin aus dem Nürnberger Land begonnen.

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Von
  • Thies Marsen
  • Sophia Fürmann

Mit der Verlesung der Anklageschrift begann am Oberlandesgericht in München der Prozess gegen eine mutmaßliche Rechtsextremistin aus Franken. Die 55-Jährige soll Lokalpolitiker, Muslime und Flüchtlingshelfer mit dem Tode bedroht und auch schon konkret Anschläge vorbereitet haben.

Auf der Anklagebank sitzt eine unscheinbare, nicht besonders große Frau mit halblangen grauen Haaren und grauem Pullover. In der Haft hat die gelernte Heilpraktikerin, die zuletzt in Leinburg im Nürnberger Land wohnte, stark abgenommen. So stak, dass ihr die Kleider, die sie ins Gefängnis mitnehmen durfte, inzwischen nicht mehr passen, wie ihre Verteidiger monieren. Doch mag die Frau auch unscheinbar wirken, ungefährlich war sie nicht – jedenfalls wenn stimmt, was die Bundesanwaltschaft ihr vorwirft. "Sie soll einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag geplant haben, bei dem sie Amtsträger oder Menschen muslimischen Glaubens töten wollte", so Staatsanwalt David Rademacher, der die Anklage vertritt. "Darüber hinaus legen wir der Angeklagten zur Last, schon vor den Anschlagsvorbereitungen insgesamt sechs anonyme Drohbriefe versandt zu haben."

Morddrohungen an Politiker, Muslime und Ehrenamtliche

Die Morddrohungen wurden ab Dezember 2019 verschickt und gingen unter anderem an den ersten Bürgermeister von Schnaittach, Frank Pitterlein (CSU), sowie den Landrat des Landkreises Nürnberger Land, Armin Kroder (FW). Dessen Anwalt kann bislang nur spekulieren, warum sein Mandant ins Visier der Rechtsextremistin gekommen sein könnte: "Ein Aspekt ist sicherlich, dass mein Mandant sich schon seit langem als Politiker in der Flüchtlingshilfe engagiert und diesbezüglich einen sehr christlichen Ansatz hat. Und dass er sich im Vorstand des jüdischen Museums engagiert", so Anwalt Harald Straßner. "Scheinbar ist die Zeit und die Welt inzwischen so, dass es schon ausreichend Angriffspunkte mit sich bringt, wenn man sich menschlich und demokratisch zeigt." Neben den beiden Lokalpolitikern erhielten auch eine muslimische Gemeinde in Röthenbach an der Pegnitz und ein Verein, der sich für Flüchtlinge engagiert, Drohbriefe mit Gewehrpatronen und aufgedruckten Schweineköpfen.

Den Worten sollten Taten folgen

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Morddrohungen von der Angeklagte verschickt worden sind und dass sie es nicht bei Drohungen belassen wollte, sondern ihren Worten schon bald Taten folgen sollten. "Zu diesem Zweck soll die Angeklagte sich insbesondere Literatur sowie verschiedene Materialien für den Bau von Brandsätzen verschafft haben", sagt Staatsanwalt Rademacher. "Außerdem soll sie Recherchen zu potenziellen Opfern angestellt und diese ausspioniert haben." Laut Anklage hatte die 55-Jährige schon mehrere Objekte ausgekundschaftet und fotografiert - so etwa die Polizeistation und zwei Flüchtlingsunterkünfte in Lauf an der Pegnitz und das jüdische Museum in Schnaittach.

Ein Auto voll mit Material zum Bombenbau

Als die Polizei ihr im vergangenen Sommer wegen der Drohbriefe auf die Spur kam, soll die Angeklagte Ende August schließlich untergetaucht sein. Verhaftet wurde sie am 7. September 2020 in einem Fürther Hotel. In ihrem auf dem Hotelparkplatz abgestellten Fahrzeug fanden die Ermittler nicht nur eine schusssichere Weste sowie Waffen wie ein Messer und einen Schlagring, sondern auch Zündschnüre, Chemikalien und weiteres Material zum Bombenbauen.

Für Maximilian Bär, der als Nebenklageanwalt den Schnaittacher Bürgermeister Frank Pitterlein vertritt, stellt sich die Frage, ob die 55-Jährige tatsächlich allein handelte: "Mein Mandant hat ein Interesse, dass das Oberlandesgericht hier alle Straftaten, die im Raum stehen, umfassend aufgeklärt, insbesondere auch etwaige Verwicklungen und Verstrickungen zum Nationalsozialistischen Untergrund, zur Partei 'Dritter Weg' und zur Gefangenenhilfe."

Enge Kontakte zur Neonaziszene

Sicher ist: Die Angeklagte war schon lange vor ihrer Verhaftung regelmäßig an Aufmärschen der Neonazi-Partei "Dritter Weg" beteiligt, sie engagierte sich für eine extrem rechte Gefangenenhilfe und stand in Briefkontakt mit zwei maßgeblichen Unterstützern der Terrorgruppe NSU: André E. und Ralf Wohlleben. Sie hat auch die selben Verteidiger wie Wohlleben engagiert: Die Szene-Anwälte Nicole Schneiders und Wolfram Nahrath. Letzterer war jahrelang Anführer der verbotenen Neonazi-Organisation Wiking Jugend.

Zum Prozessauftakt kamen auch einige Rechtsextremisten als Zuschauer in den Hochsicherheitssaal in der Münchner JVA Stadelheim: Hochrangige Figuren der deutschen Neonaziszene, die teils aus Sachsen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen angereist waren. Sie erhoben sich, als die Angeklagte von Wachleuten in den Saal geführt wurde.

Am ersten Verhandlungstag wurde lediglich die achtseitige Anklageschrift verlesen, nach nicht einmal einer Stunde unterbrach der vorsitzende Richter des 7. Strafsenats, Michael Höhne, die Verhandlung. Weiter geht es erst wieder am kommenden Donnerstag. Dann sollen neben anderen Zeugen die bedrohten Lokalpolitiker befragt werden.

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Am Oberlandesgericht in München muss sich eine Frau aus Franken wegen geplanter Terroranschläge verantworten. Die 55-Jährige gilt als rechtsextrem und soll Brandanschläge auf Amtsträger und muslimische Einrichtungen vorbereitet haben.

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