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Placebo fürs Volk? Warum Politiker Homöopathie & Co. hofieren | BR24

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Heilpraktiker haben bei der Behandlung großen Spielraum. Dabei ist die Wirksamkeit ihrer Methoden umstritten. Manches kann sogar Patienten gefährden. Kritiker fordern: Weg mit den Heilpraktikern! Ein Teil der Politik hält dagegen.

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Placebo fürs Volk? Warum Politiker Homöopathie & Co. hofieren

Heilpraktiker haben bei der Behandlung großen Spielraum. Dabei ist die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden umstritten. Manches kann sogar Patienten gefährden. Kritiker fordern: Weg mit den Heilpraktikern! Doch ein Teil der Politik hält dagegen.

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Wenn Rainer Kästle beschreibt, wie er Patienten behandelt, klingt er ganz wie ein Arzt. Aber er hat nicht Medizin studiert, sondern eine Ausbildung als Physiotherapeut und Heilpraktiker absolviert.

"Wir machen eine Palpation, eine Diagnostik mit unseren Händen. Nachdem wir eine Anamnese gemacht haben, mit ihm gesprochen haben, und eine Funktionsuntersuchung, fühlen wir den Körper letztendlich ab, was da falsch sein könnte." Rainer Kästle, Heilpraktiker in München

In der Heilpraktiker-Praxis in der Münchner Innenstadt findet sich etliches, was man auch in Arztpraxen sieht: Spritzen und Material für Infusionen etwa. Man sieht aber auch einiges, was wissenschaftsorientierte Ärzte für Hokuspokus halten: Etwa den Apparat zur sogenannten Kirlian-Fotografie.

"Es ist letztendlich eine Fotografie des elektrischen Feldes des Menschen. Und im Zusammenhang mit den Akupunktur-Meridianen kann man da wieder Rückschlüsse ziehen, wo energetische Stauungen sich bei Menschen befinden könnten." Rainer Kästle, Heilpraktiker in München

Mit Hauptschulabschluss zum Heilpraktiker

Kästle weiß, dass viele wissenschaftlich orientierte Mediziner seine Ansätze skeptisch sehen oder ihnen gar mit offener Ablehnung begegnen. Er arbeite aber auch mit einer ganzen Reihe von Ärzten gut zusammen, betont er. Und: Er selbst bilde sich immer wieder fort, sagt Kästle.

Auch seine Ausbildung an einer Heilpraktikerschule habe ihm fundiertes Wissen vermittelt, das er in einer Prüfung belegen musste, erzählt er – und diese Prüfungen seien auch heute noch streng. Da komme nicht jeder durch.

Nicht besonders streng sind allerdings die Zugangsvoraussetzungen: Wer sich zur Heilpraktikerprüfung anmeldet, muss nur nachweisen, dass er einen Hauptschulabschluss hat und mindestens 25 Jahre alt ist.

Kritiker fordern Abschaffung

Die Prüfung hat nach dem einschlägigen Gesetzestext das Ziel, sicherzustellen, dass von Heilpraktikern keine Gefahr für die Volksgesundheit ausgeht. Vielen Gesundheitspolitikern ist das allerdings zu wenig. Sie wollen strengere Regeln für den Heilpraktikerberuf.

Noch weiter geht eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich Münsteraner Kreis nennt. Sie fordert, den Heilpraktikerberuf abzuschaffen oder drastisch einzuschränken. Der Sprecher der Gruppe, der Biologe und Wissenschaftsautor Christian Weymayr, sieht in der Tätigkeit von Heilpraktikern Risiken.

"Dass auf sinnvolle Therapien verzichtet wird, weil man dem Heilpraktiker vertraut, und dass man dadurch Krankheiten verschleppt. Und das lässt sich im Einzelfall so gut wie gar nicht nachweisen. Aber das ist die große Gefahr." Christian Weymayr, Kritiker der Alternativmedizin

Bundesregierung will Heilpraktiker überprüfen

Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben, der Rechtsrahmen für den Heilpraktikerberuf soll überprüft werden – im Sinne der Patientensicherheit. Der Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, Andreas Botzlar, erwartet davon aber keine großen Änderungen. Denn er findet, dass die Gesundheitspolitik in Deutschland mit zweierlei Maß misst.

Auf der einen Seite müssten Ärzte ihre Arbeit immer stärker an wissenschaftlichen Maßstäben ausrichten, so Botzlar. Auf der anderen Seite werde etwa der Heilpraktikerberuf unter besonderen Schutz gestellt.

"Wenn man es genau nimmt, gibt es für Heilpraktiker keine wirkliche Existenzberechtigung."Andreas Botzlar, Bayerische Landesärztekammer

Und er verweist auf Österreich, wo "Kurpfuscherei" verboten und strafbar sei.

Unverständnis für bayerische Homöopathie-Studie

Überraschend findet es der Vizepräsident der Ärztekammer, dass der bayerische Landtag eine Studie in Auftrag gegeben hat, die untersuchen soll, ob homöopathische Präparate helfen können, den Einsatz von Antibiotika zu verringern.

Der gesundheitspolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, Bernhard Seidenath, verteidigt aber die Studie. Sie komme den Wünschen vieler Patienten entgegen, sagt er.

"Die Menschen in Bayern, gerade im Land von Sebastian Kneipp, schwören auf naturheilkundliche Verfahren, auf komplementärmedizinische Verfahren. Mehr als die Hälfte, es sind nach Schätzungen 60 bis 70 Prozent, haben sie schon mal ausprobiert." Bernhard Seidenath (CSU)

Der Vizepräsident der Landesärztekammer, Andreas Botzlar, hält es in medizinischen Fragen für ein zweifelhaftes Argument, dass viele Menschen auf bestimmte Methoden schwören.

Der einzige Maßstab sollte seiner Meinung nach sein, ob etwas nachweislich wirkt. Und bei vielen Methoden der Alternativ- und Komplementärmedizin fehle ein solcher Nachweis. Botzlar bezweifelt aber, dass die Gesundheitspolitik hier zu einer konsequenten Linie findet.

Bayern: Doppelt so viele Heilpraktiker wie Hausärzte

Und die Heilpraktiker fühlen sich durch den Zuspruch der Patienten bestätigt. Nach einer Umfrage des Bundes Deutscher Heilpraktiker gehen jeden Tag rund 130.000 Menschen in eine Heilpraktiker-Praxis. In Bayern gibt es inzwischen doppelt so viele Heilpraktiker wie Hausärzte.

Bei vielen Patienten kommt sogar die Krankenversicherung für die Kosten auf. Es gibt private Krankenversicherungen, die die Behandlungskosten zahlen. Auch bei vielen Beamten übernimmt die staatliche Beihilfe einen Teil der Rechnungen.

Selbst einige gesetzliche Krankenkassen finanzieren Behandlungen beim Heilpraktiker, obwohl das im Leistungskatalog der Krankenkassen nicht vorgesehen ist. So erstatten die IKK Südwest und die IKK Berlin Brandenburg einen Teil der Kosten.