Patientenverfügung. (Symbolbild)
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Patientenverfügung. (Symbolbild): Sie soll zum Wohl der Patientinnen und Patienten und als klare Hilfe für Ärztinnen und Ärzte klarer werden.

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Pilotprojekt in Nürnberg für eindeutigere Patientenverfügung

Eine Patientenverfügung klärt, wie ein Patient behandeln werden soll, wenn er seinen Willen dazu nicht mehr selbst äußern kann. Ein Nürnberger Pilotprojekt soll die Patientenverfügungen neu regeln, weil die bisherigen teils nicht zu gebrauchen waren.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Über den eigenen Tod nachdenken – das tun die wenigsten gern. Aber es ist wichtig. Schließlich haben viele Menschen doch eine klare Vorstellung davon, was sie im Alter nicht wollen: zum Beispiel von Maschinen künstlich am Leben gehalten werden. Damit Ärztinnen und Ärzte den Patientenwillen bestmöglich umsetzen können, braucht es eine sogenannte Patientenverfügung. Doch mit der bisherigen Regelung zur Patientenverfügung bleiben viele Fragen offen. Ein Pilotprojekt aus Nürnberg soll die Handhabung neu regeln.

Bisherige Patientenverfügungen sind nicht ausreichend

Was dürfen oder sollen Ärzte tun, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen zu artikulieren? Eigentlich hat sich der Gesetzgeber dieses Problems längst angenommen. Seit 2009 gibt es die Patientenverfügung. Doch in der Praxis sind Aussagen oder Formulierungen wie "keine lebenserhaltenden Maßnahmen" nicht ausreichend. So hat es 2016 der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. Stattdessen sollen die Anweisungen zu Themen wie künstlicher Ernährung, Organspende, Wiederbelebung oder Schmerzbehandlung möglichst konkret sein. Um den eigenen Willen nachvollziehbarer zu machen, sollten auch persönliche Ausführungen zur eigenen Situation zu Papier gebracht werden.

300 Vordrucke – aber keine Klarheit

In der Praxis gebe es derzeit bundesweit rund 300 Vordrucke für Patientenverfügungen, sagt Berend Feddersen, Sprecher eines Expertenkreises, der das Bayerische Gesundheitsministerium bei der Umsetzung der Neuregelung der Patientenverfügung berät. Man könne seinen Willen auch ohne ein Formular zum Ausdruck bringen. Mit der derzeitigen Regelung sei es aber für Ärzte "sehr, sehr schwierig, das umzusetzen", so Feddersen, der am Klinikum Großhadern in München arbeitet.

Ein Problem sei zum Beispiel, dass viele Menschen Voraussetzungen für bestimmte Behandlungsmethoden formulierten. In der Praxis sei aber oft aus medizinischer Sicht gar nicht klar, ob diese Voraussetzungen tatsächlich erfüllt seien. Selbst bei Vordrucken zur Patientenverfügung sei es teils möglich, dass widersprüchliche Angaben gemacht werden. Etwa dass ein Patient im Notfall zwar eine Reanimation wünscht, eine Behandlung auf der Intensivstation aber ausschließt. Das eine sei in der Praxis ohne das andere aber gar nicht möglich, so Feddersen. In der Folge gingen einige Ärzte deshalb soweit, dass sie sagen, dass sie mit einer "Patientenverfügung im klassischen Sinne" nichts anfangen können.

Nürnberger Pilotprojekt: "Gesprächsbegleiter" helfen auszufüllen

Tatsächlich seien die meisten Menschen beim Ausfüllen oder Erstellen einer Patientenverfügung "in der guten Hoffnung, dass sie wissen, was sie da ankreuzen", sagt Marcus Hecke, der das Pilotprojekt in Nürnberg leitet. Und fügt hinzu: "Meine Erfahrung sagt aber: Sie wissen es nicht." Deshalb sind auch sogenannte "Gesprächsbegleiter" der wesentliche Bestandteil des Nürnberger Pilotprojekts. Speziell geschultes Personal soll dabei vor allem in Alten- und Pflegeheimen mit Bewohnerinnen und Bewohnern und deren Angehörigen beim Ausfüllen der Patientenversorgung helfen. "Die Grundidee ist, dass der Wille (…) viel präziser erfasst wird", so Hecke.

Was ist eine "lebensverlängernde Maßnahme"? Was ein Pflegefall?

Die Idee eines Gesprächsbegleiters ist nicht komplett neu. Im Zuge des Pilotprojekts soll er allerdings zunächst in Nürnberg zum Regelfall werden. Jürgen Schnierstein, der bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie als Gesprächsbegleiter für die Caritas gearbeitet hat, hat dabei immer wieder potenziell folgenschwere Missverständnisse ausgemacht. Ein klassisches Beispiel sei die Frage nach "lebensverlängernden Maßnahmen", die viele Menschen im Alter zunächst ablehnen. Dabei wüssten viele gar nicht, dass bereits die Verabreichung eines Medikaments eine solche lebensverlängernde Maßnahme sein könne, etwa ein Antibiotikum im Falle einer Lungenentzündung, sagt Schnierstein.

Auch bei der Frage, was ein Pflegefall ist, stelle man immer wieder sehr unterschiedliche individuelle Sichtweisen fest, sagt Expertenkreis-Sprecher Berend Feddersen. Manche würden sich bereits als Pflegefall betrachten, wenn sie sich "nicht mehr allein die Schuhe binden" können. Andere dagegen sehen einen Pflegefall erst gegeben, wenn sie bettlägerig seien und Familienangehörige nicht mehr erkennen würden. "Das ist ein riesen Spektrum", so Feddersen.

Notfallbogen mit allen Infos auf einen Blick

Geht es nach dem Nürnberger Pilotprojekt, besteht eine Patientenverfügung künftig aus zwei Teilen. Der mit dem Gesprächsbegleiter erstellten "Einstellungserklärung", in der zum Beispiel auch gefragt wird: "Wie gerne leben Sie?"

Der zweite Teil ist ein einseitiger Notfallbogen mit einer Art Ampelsystem. Er umfasst sechs Punkte – wie etwa die Frage, ob eine Herz-Lungen-Wiederbelebung erfolgen soll. Damit bekämen Ärzte eine klare Aussage über die gewünschten Behandlungen. Das sei vor allem bei Unfällen wichtig. Da habe man "nicht die Zeit, etwas durchzulesen". Außerdem sei der Notfallbogen so aufgebaut, dass es keine Widersprüche geben könne.

Nürnberger Pilotprojekt als Blaupause für Bayern?

Das Pilotprojekt zur Neuregelung der Patientenverfügung inklusive des Notfallbogens ist zunächst für zwei Jahre angelegt. Die Kosten für die Gesprächsbegleiter werden dabei von den Krankenkassen übernommen. Eine Studie soll das Pilotprojekt begleiten und evaluieren. Dann wird Bilanz gezogen. Im besten Fall soll die Vorgehensweise dann eine "Blaupause" sein – für Bayern, möglicherweise sogar für Deutschland.

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