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Piazolo: Kein Regelbetrieb an Schulen bei zweiter Corona-Welle | BR24

© B5 aktuell

Jörg Brandscheid im Gespräch mit Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (FW)

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Piazolo: Kein Regelbetrieb an Schulen bei zweiter Corona-Welle

Regelbetrieb an den Schulen ab September - das ist für Bayerns Kultusminister Piazolo Ziel und Wunsch. Im BR macht er aber klar: Die Alternativen liegen griffbereit. Beim Homeschooling räumt er Defizite ein, nicht aber bei seiner Informationspolitik.

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Bayerns Kultusminister Michael Piazolo hat seinen Fahrplan für die bayerischen Schulen untermauert und zugleich Kritik an seiner Informationspolitik zurückgewiesen. Im Thema des Tages auf B5 aktuell sagte Piazolo, man habe für den Schulbetrieb ab September "ein Szenario A". Das sei der "Regelbetrieb unter besonderen Hygiene-Auflagen". Frei übersetzt heißt das also: Präsenzunterricht für alle Schüler aller Jahrgangsstufen, Montag bis Freitag, ohne Teilung der Klassen.

Die Ungewissheit bleibt

Voraussetzung dafür allerdings sind dem Minister zufolge stabile Infektionszahlen. Folglich wird sich erst in den nächsten Wochen und damit in den Ferien zeigen, ob man mit dem Regelbetrieb wie geplant starten kann.

Und was, wenn nicht? Wenn die Corona-Zahlen - vielleicht auch wegen der Rückkehr von Touristen aus Risikogebieten oder aufgrund einer zunehmenden Rückkehr zur gesellschaftlichen Normalität - vor Schulanfang wieder steigen? Für diese Fälle wurden und werden laut Piazolo Alternativkonzepte erarbeitet.

"Es gibt auch ein Szenario B, C und D, je nach Infektionslage. Bei einzelnen Hotspots kann es Schulschließungen geben und dann auch Distanzunterricht vor Ort. Es kann aber auch - nicht zu unterschützen - eine zweite Welle geben. Dann müssten wir darauf reagieren: Entweder mit einem Lernen im Wechsel oder aber - im schlimmsten Fall, was wir alle nicht hoffen - mit flächendeckenden Schulschließungen." Bayerns Kultusminister Michael Piazolo auf B5 aktuell

Beim Wort "Schulschließungen" dürften nicht nur die 154.000 Lehrkräfte in Bayern sowie die gut 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler hellhörig werden, sondern viele Eltern in Schnappatmung verfallen. Dass die vergangenen Wochen und Monate den Müttern und Vätern viel abverlangt haben, weiß auch Piazolo. Und so betont er, dass Szenario A - also der Regelbetrieb - nicht nur sein Ziel, sondern auch sein Wunsch ist.

© BR

Im BR-Interview äußert sich der Bayerische Kultusminister Michael Piazolo zu den Corona-Maßnahmen im Schulbereich und gibt auch einen Ausblick auf das kommende Schuljahr.

Wie sehen die Notfallpläne konkret aus?

Ungeachtet dessen haben die Schulen in Bayern nach BR-Informationen derzeit den Auftrag, sich konkrete Gedanken über die konkrete Ausgestaltung der Alternativen zu machen. Also darüber, was bei Verdachts- oder Infektionsfällen an einer Schule zu tun ist. Schließlich stellen sich damit für alle Beteiligten zahlreiche praktische Fragen, angefangen vom Schulweg der Kinder über die Pausengestaltung bis hin zur Betreuung am Nachmittag. Unklar ist, ob hierfür so kurz vor den Ferien noch passende Konzepte gefunden werden und inwieweit die Schulen dabei auf sich allein gestellt sind.

Zumal die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl) ihrerseits einen Forderungskatalog an die Politik aufgestellt hat: klare Notfallpläne; nicht zu große Klassen, um im Notfall schnell teilen zu können; vorrangige Corona-Tests für Schüler und Lehrer, um lange Quarantäne-Zeiten zu vermeiden; und bessere Homeschooling-Möglichkeiten für alle Kinder, sollte der Präsenzunterricht wieder wegfallen.

Piazolo: "Lockdown war auch ein Kickoff!"

Zumindest für letzteren Fall sieht Piazolo die Staatsregierung und Schulen besser gerüstet als zu Beginn der Pandemie. Er sagt zwar: Selbstverständlich müsse man mehr Tempo machen bei der Digitalisierung, natürlich habe es zuletzt Defizite beim Lernfortschritt gegeben; schließlich sei die Digitalisierung in Bayern in Vor-Corona-Zeiten immer auf den Präsenzunterricht ausgerichtet gewesen.

Allerdings habe sich zuletzt einiges getan, findet der Minister. Und nennt als Beispiel die "Heranführungskurse", die man zum neuen Schuljahr gerade leistungsschwächeren Kindern und Jugendlichen anbieten wird. Außerdem habe man für ein besseres Lernen zu Hause neue Methoden und Tools entwickelt, sei etwa "Microsoft Teams" nun als Online-Plattform etabliert. Seine Erkenntnis lautet: "Der Lockdown war auch ein Kickoff!"

Mehr als 1.400 Seiten des Ministeriums

Bei der Digitalisierung räumt Piazolo also einen Nachhol- und Verbesserungsbedarf ein. Was seine Kommunikationsstrategie betrifft, sieht er sich jedoch seit Beginn der Pandemie auf dem richtigen Kurs. Dass sich viele Eltern, Lehrkräfte und Schulen klarere Regeln und Ansagen gewünscht hätten, dass laut einer Umfrage des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) drei Viertel der befragten Pädagogen mit seiner Informationspolitik nicht zufrieden sind - all das kann Piazolo nicht nachvollziehen.

"Noch hat es in so kurzer Zeit so viele Standards und Ansagen eines Kultusministers gegeben!" Michael Piazolo im Gespräch mit B5 aktuell

Hunderte Schreiben mit insgesamt mehr als 1.400 Seiten habe sein Ministerium in der Corona-Zeit an die Schulen geschickt. Und überhaupt: Viele Klagen seien entstanden, weil die Schreiben so kurzfristig kamen und weil die Schulen die Beschlüsse schnell umsetzen mussten. Das war Piazolo zufolge jedoch dem Corona-Virus geschuldet. Und das nehme keine Rücksicht auf die Abläufe in der Schule. Generell aber will der Freie-Wähler-Politiker den Lehrkräften auch weiterhin Freiheiten lassen, denn er findet: "Sie sind die Profis".

Lehrer aus Risikogruppen sollen andere Aufgaben übernehmen

Angesprochen auf Kritik von Lehrkräften, wonach Aufgaben im Unterschied zum Lohn gestiegen sind, verweist Piazolo auf die Lage in der freien Wirtschaft. Im Unterschied zu vielen Mitarbeitern in Unternehmen wurden die Lehrkräfte in Bayern (93 Prozent von ihnen sind verbeamtet) regulär weiterbezahlt. Piazolo, der den Ministerposten nach der Landtagswahl im Herbst 2018 von Bernd Sibler (CSU) übernommen hat, betont: Das sei auch gut so gewesen.

Zugleich macht er deutlich: Möglichkeiten für längere Auszeiten wird es im neuen Schuljahr für keine Lehrkraft geben. Auch nicht für Lehrerinnen und Lehrer, die zur sogenannten Corona-Risikogruppe zählen - also etwa chronisch Kranke, Ältere und - wie neueste Studiendaten belegen - wohl auch Schwangere.

Diese Pädagogen müssen zwar im kommenden Schuljahr bei Vorlage eines Attests keinen Präsenzunterricht halten. Dafür sollen sie Korrektur- oder Verwaltungsarbeiten erledigen, sich mit um Video- und Lernplattformen kümmern. Und auch die Option, dass Lehrkräfte mit FFP3-Masken als Schutz im Unterricht erscheinen, schließt Piazolo nicht aus. Denn obgleich er den Anteil der "Risikogruppen"-Lehrkräfte auf unter zehn Prozent beziffert, steht fest: Ausfälle in höherer Zahl würden den bestehenden Personalmangel an bayerischen Schulen weiter verschärfen. Schon jetzt zweifelt man im BLLV daran, dass zum Beispiel für die geplanten Förder- beziehungsweise Heranführungskurse genug qualifiziertes Personal vorhanden ist.

"Die Schulfamilie ist zusammengewachsen!"

Trotz all der Probleme, Risiken und Unwägbarkeiten (und etwa der für viele Schüler wohl enttäuschenden Aussicht, dass Schulfahrten bis Ende Januar 2021 nicht stattfinden werden), will der Kultusminister der Krise auch Positives abgewinnen. Bis jetzt habe man die Pandemie recht gut gemeistert, dank des großen Engagements von Lehrkräften und Eltern sei der Zusammenhalt sogar gestärkt worden.

"Die Schulfamilie ist zusammengewachsen." Kultusminister Piazolo auf B5 aktuell

Online-Hilfestellung für Kinder und Jugendliche

"Corona und Du" - dieses Infoportal im Internet soll psychisch stark machen in Zeiten der Corona-Krise. Hier gibt es leicht umsetzbare Tipps, gezielt für junge Leserinnen und Leser: Wie wirkt sich die Corona-Zeit auf uns aus? Was tun gegen Langeweile oder Stress? Wohin kann man sich mit Sorgen und Problemen wenden? Die Webseite wurde von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU-Klinikums München gestartet und ist hier zu finden.

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Corona hat den Schulalltag massiv verändert: Homeschooling statt Klassengemeinschaft. Der Stoff konnte so noch einigermaßen vermittelt werden, aber eines ist komplett weggefallen: Schule als sozialer Ort.

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