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Piazolo rechtfertigt Wechselunterricht trotz Schülerprotesten | BR24

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Die Münchner Runde am 03.02.2021.

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Piazolo rechtfertigt Wechselunterricht trotz Schülerprotesten

In Nürnberg und Augsburg protestieren Schüler gegen den Wechselunterricht. In der Diskussion mit einem Organisator der Streiks verteidigte Minister Michael Piazolo in der Münchner Runde seinen Kurs. Der Präsenzunterricht müsse durchgeführt werden.

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Von
  • Ferdinand Meyen

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo rechtfertigt den geltenden Wechselunterricht für die Abschlussklassen trotz der Proteste in Augsburg und Nürnberg. Das bekräftigte er am Mittwochabend in der Münchner Runde im BR Fernsehen.

Präsenzunterricht laut Piazolo notwendig für Leistungsnachweis

In Bayern seien viel weniger Kinder im Wechselunterricht als in anderen Bundesländern, so der Politiker von den Freien Wählern. "Es sind 2,4 Prozent. Das sind weniger Kinder, als momentan in Notbetreuung sind", so Piazolo. Der Wechselunterricht müsse durchgeführt werden, damit entsprechende Leistungen erbracht werden könnten.

Außerdem wies der Kultusminister darauf hin, dass Bayern noch viel vorsichtiger sei als die anderen Bundesländer. Die würden den Beschluss der Bundesregierung, die Abschlussklassen in den Wechselunterricht zu schicken, noch härter umsetzen. Minister Piazolo versuchte außerdem zu beruhigen: "Die oberste Priorität haben immer noch der Gesundheitsschutz von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften."

Schüler aus Augsburg widerspricht Kultusminister

Der Augsburger Schüler Jonas Keim, der mit seiner Klasse momentan gegen den Wechselunterricht protestiert, hielt in der Sendung dagegen. Er verstehe nicht, warum er angesichts einer Inzidenz von 103 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern zur Schule gehen müsse. "Wir wehren uns dagegen, unsere Gesundheit aufs Spiel zu setzen, wo der Online-Unterricht perfekt funktioniert", sagte Keim.

"Das einzige Problem, das wir haben, ist der Wechselunterricht", so Keim weiter. Die enormen Belastungen, die dadurch entstehen, habe schon der erste Lockdown gezeigt. Deshalb hätten die Schüler in seiner Klasse kein Verständnis für die Politik des Kultusministers. Auch für die Prüfungen könnten andere Lösungen gefunden werden, so der Gymnasiast. Schriftliche Prüfungen könnte man zum Beispiel in der Turnhalle schreiben - und für die mündlichen Abfragen seien auch die Digitalplattformen ausreichend.

Der Schüler Haram Dar aus Erlangen teilte diese Meinung jedoch nicht. Zu Jonas Keims Standpunkt erklärte er: "Er ist Abiturient und hat ein digitales Endgerät zuhause. Das ist aber nicht bei allen so." Gerade die Kinder, die keine Eltern zuhause hätten, die ihnen die Bildung vermitteln können, bräuchten Präsenz-Unterricht, sagte der Zehntklässler, der eine Mittelschule besucht. Haram Dar plädierte dafür, dass Schüler selbst entscheiden sollten, ob sie in die Schule gehen oder im Online-Unterricht bleiben.

Kritik an Regierung auch von den Grünen

Die Fraktionschefin der Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, pflichtete der Kritik vieler Schüler bei. Der Protest gegen den Wechselunterricht sei als Hilferuf zu verstehen – es sei jetzt an Kultusminister Piazolo, die Schulen sicherer zu machen. "Mein konstruktiver Vorschlag, analog zu Österreich: Gurgeltests", sagte Schulze. Dieses Konzept könnte man am Anfang jedes Schultags durchführen, um Corona-Ansteckungen zu vermeiden. Katharina Schulze: "Wir haben letzte Woche dazu einen Dringlichkeitsantrag gestellt, der wurde von ihrer Regierung abgelehnt."

Außerdem kritisierte die Grünen-Politikerin den Mangel an technischen Geräten und digitalen Möglichkeiten an den Schulen. "In Bayern haben wir nicht Laptop und Lederhosen, sondern Arbeitsblatt und Lederhosen", so die Fraktionschefin. Aber auch hier sei er nicht der alleinige Schuldige, erwiderte Minister Michael Piazolo. "Die Digitalisierung haben wir in Deutschland in den letzten 20 Jahren verschlafen", sagte er. Die Grünen und die SPD seien daran gleichermaßen schuld.

Neurowissenschaftler Spitzer kritisiert Digital-Strategie

Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer kritisierte in der Sendung dagegen, dass die Politik generell zu viel auf Digitalisierung baue. "Je mehr man in Deutschland auf Digitalisierung in den letzten zwanzig Jahren gesetzt hat, desto schlechter sind die Schüler geworden", behauptete Spitzer. Das eigentliche Problem sei, dass wir in einer "Inaktivitätspandemie" stecken, sagte der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Die Kinder würden im Lockdown länger vor dem Fernseher und dem Computer sitzen und sich auch weniger bewegen. Das habe langfristige gesundheitliche Folgen.

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