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Covid-Pflegerin mahnt: Einsame Patienten, überlastetes Personal | BR24

© picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Krankenpflegerin zieht Schutzkleidung an.

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    Covid-Pflegerin mahnt: Einsame Patienten, überlastetes Personal

    Angst als ständige Begleiterin, zu wenig Zeit für die Patienten und mangelnde Wertschätzung. Die Pflegekräfte in Bayern stehen in der Corona-Krise unter enorm hohem Druck. Ein persönlicher Einblick einer Krankenpflegerin aus dem Bayerischen Wald.

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    Von
    • Franziska Timmer
    • Christian Offenberg

    Gina L. arbeitet in den ARBERLANDKliniken im Bayerischen Wald. Die 23-Jährige ist seit mehreren Monaten auf einer akuten Covid-Station im Einsatz. Ein persönliches Gespräch.

    BR24: Wie ist die Situation momentan bei Ihnen im Krankenhaus?

    Gina L.: Angespannt, sehr angespannt. Wir wissen natürlich auch nicht, wie es weitergeht und wie viele Patienten täglich noch dazukommen. Wir haben jetzt im Haus die zweite reine Covid-Station aufgemacht, dazu kommt noch die Intensivstation. Momentan behandeln wir 35 Covid-Patienten, die Verdachtsfälle nicht mitgerechnet. Wir brauchen insgesamt mehr Personal, da die Pflegerinnen, die für die positiven Fälle zuständig sind, nicht zu den Verdachtsfällen gehen dürfen. Es steckt also auch logistisch viel mehr Arbeit dahinter.

    BR24: Wie schützen Sie sich auf Station?

    Gina L.: Wir ziehen immer zwei Paar Handschuhe und den Schutzkittel an. Dann kommt noch das Face-Shield mit der FFP2- oder FFP3-Maske und dann noch einen Haarschutz. Wir sind permanent so angezogen. Die Frühschicht beginnt um 6 Uhr. Manchmal dauert es bis 10 Uhr, bis man die ganze Schutzkleidung überhaupt mal wieder ausziehen kann. Da schwitzt man natürlich auch ganz schön.

    BR24: Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen momentan aus?

    Gina L.: In der Früh messen wir erst einmal die Vitalwerte, die Atemfrequenz, die Sauerstoffsättigung im Blut, Blutdruck, Puls, Temperatur. Und dann geht es meistens gleich weiter mit den Infusionen. Dann helfen wir den Patienten, wenn nötig, mit der Einnahme der Medikamente. Danach müssen wir sie oft zu zweit im Bett waschen, oder man kann sie ins Bad bringen, was aber eher selten der Fall ist. Und das ist schon sehr anstrengend. Vor allem, weil wir dabei ja permanent die Schutzkleidung tragen müssen.

    BR24: Was bleibt bei Ihrer Arbeit auf der Strecke?

    Gina L.: Die persönliche Betreuung von den Patienten. Dass man ihnen die Angst nehmen oder sagen kann, wie es weitergeht. Sie wollen häufig auch einfach ein bisschen Zuspruch. Und das bleibt komplett auf der Strecke. Da ist keine Zeit dafür. Wir müssen auch noch zusätzliche Untersuchungen machen. Zum Beispiel die EKGs schreiben, da wir die Patienten dafür nicht mehr in die Ambulanz schicken können. Das ist jetzt alles bei uns auf der Station zu erledigen. Die Patienten leiden oft darunter, dass einfach keine Zeit für sie ist. Da leidet man in gewisser Weise auch mit. Das ist eine enorme psychische Belastung für die Patienten. Sie vereinsamen, weil sie gar keinen Besuch empfangen dürfen und in den Zimmern isoliert sind.

    BR24: Haben Sie selbst Angst vor einer Ansteckung?

    Gina L.: Natürlich. Jeder hat Familie zu Hause, vielleicht Oma und Opa im eigenen Haus. Man hat da schon Angst, dass man das Virus mit nach Hause trägt. Die Hygieneauflagen sind zwar sehr hoch und wir bemühen uns auch, dass wir alles einhalten, aber es könnte immer irgendetwas sein. Da hat man schon Angst.

    BR24: Wie versuchen Sie persönlich mit der Situation umzugehen?

    Gina L.: Spazieren gehen. Einfach raus an die frische Luft. Das ist das Einzige, was momentan noch geht. Einfach das, was im Rahmen des Erlaubten ist, noch tun und versuchen, ein normales Leben zu führen.

    BR24: Wie plant Ihr Krankenhaus für die kommenden Wochen?

    Gina L.: Ich habe am Rande mitbekommen, dass eine dritte Station eröffnet werden soll. Auf der Akutstation lässt sich der Platz vergleichsweise leicht erweitern, aber auf der Intensivstation ist das schwer. Da muss man dann schauen, ob man die Patienten in nahegelegene Krankenhäuser verlegen kann. Unsere Intensivstation ist, soweit ich weiß, so gut wie voll. Hinzu kommt, dass viele meiner Kolleginnen selbst in Quarantäne sind. Und wenn das Personal ausgeht, dann hilft auch kein Beatmungsgerät mehr.

    BR24: Was wünschen Sie sich von der Politik?

    Gina L.: Ich und meine Kollegen wünschen uns, dass dieser Beruf wieder attraktiver gestaltet wird. Mehr Freizeit, mehr Lohn. Man muss sich die Verantwortung bewusstmachen, die auf unseren Schultern liegt. Wir arbeiten ja mit Menschenleben. Viele sagen, diese Verantwortung steht in keinem Verhältnis zu der Schichtarbeit, dem Gehalt und den wenigen freien Tagen. Wenn sich das nicht ändert, kommt auch kein Nachwuchs mehr. Durch Corona hat sich diese Situation noch bemerkbarer gemacht. Die Lage hat sich verschlimmert.

    BR24: Müssen Sie an Weihnachten arbeiten?

    Gina L.: Ich habe voraussichtlich den ersten Weihnachtsfeiertag frei. Voraussichtlich. Mal schauen, wie die Lage sich verändert. Falls noch mehr Kollegen in Quarantäne müssen oder selbst positiv werden, muss man schauen, wie man das dann löst. Also, ich bleibe an Weihnachten nicht um jeden Preis zu Hause. So denkt gerade jeder von uns im Personal: Zusammenhalten und wenn es nicht anders geht, lieber einspringen, bevor das totale Chaos ausbricht.

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