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Die Not in der Pflegebranche ist groß. Immer noch gibt es zu wenig Personal und eine zu geringe Bezahlung. Beim Deutschen Pflegetag in Berlin wurde klar: Es braucht ein Gesamtkonzept, um die ganze Branche fit zu machen.

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Pflegenotstand spitzt sich immer weiter zu

Es herrscht Pflegenotstand in Bayern. Wegen fehlenden Personals können Betten nicht belegt und OP-Säle nicht betrieben werden. Große Krankenhäuser priorisieren Eingriffe und verteilen Fälle ins weitere Umland. Pflege-Experten schlagen Alarm.

Von
Anna DanneckerAnna DanneckerStefanie WagnerStefanie Wagner
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Pflegeberufe sind wichtig und wertvoll für unsere Gesellschaft. Doch die Arbeitsbedingungen sind hart: Den ganzen Tag für kranke oder alte Menschen da sein, in Schichten und mit Zeitdruck arbeiten und dafür vergleichsweise wenig Lohn bekommen. Die Arbeitsüberlastung in den Einrichtungen ist auch eine Folge der vielen fehlenden Fachkräfte, die besetzten Stellen müssen umso mehr arbeiten.

Das erlebt auch Seija Knorr-Köning. Sie ist Intensivkrankenschwester im Münchner Klinikum Rechts der Isar und Beirätin der Vereinigung der Pflegenden in Bayern. Sie schafft es nur in Teilzeit zu arbeiten– wie etwa 43 Prozent der Pflegekräfte im Krankenhaus.

"Vollzeit arbeiten bedeutet eben nicht nur 38,5 Stunden pro Woche, sondern auch mal 10 Tage am Stück zu arbeiten und die letzten 4 Nächte davon am Stück als Nachtschicht. Und das ist eine enorme Belastung." Seija Knorr-Köning, Intensivkrankenschwester

Der Markt für Pflegekräfte ist leergefegt

Ja, die Belastung ist hoch, und die Not ist groß, meint auch Professor Michael Beyer, ärztlicher Direktor des Uniklinikums Augsburg, auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks. Entsprechend große Probleme gebe es bei der Suche nach Fachkräften: "Es ist de facto so, dass der Markt für Pflegekräfte praktisch leer gefegt ist", sagt Beyer.

Und dieser Personalmangel in der Pflege hat schwerwiegende Folgen, auch an der Uniklinik in Augsburg:

"Das geht schon los bei den Betten: Wir haben hier im Haupthaus 1.400 Betten und können da 200-250 Betten nicht betreiben!" Michael Beyer, Uniklinikum Augsburg

Diese Betten seien "gesperrt", weil es keine Pflegekräfte gibt, die sie betreuen könnten. Aber nicht nur das, sagt der ärztliche Direktor in Augsburg: "Wir haben im Bereich der Anästhesie-Pflege und im Bereich der Schwestern, die am OP-Tisch stehen, einen erheblichen Mangel und können von unseren 26 OP Sälen derzeit vielleicht 18 betreiben."

Kleinere Eingriffe werden ausgelagert

Weil das Augsburger Uniklinikum ein Grundversorger ist und eine große Notaufnahme hat, darf es keine Patienten ablehnen. Um trotzdem ihrem Versorgungsanspruch gerecht zu werden, verhandelt das Augsburger Klinikum deswegen derzeit mit umliegenden Krankenhäusern, dass kleinere Eingriffe dort gemacht werden. Denn schwere Krankheitsfälle nehmen wegen Corona gerade jetzt nochmal zu.

"Wir sehen eine drastische Zunahme auch von 10-20 Prozent der Patienten die hier schwer bis schwerstkrank eingeliefert werden. Die wiederbelebt werden müssen, die mechanische Unterstützungssysteme brauchen, die noch in der Notaufnahme eingebaut werden müssen. Also im Moment ist das System erheblich unter Druck." Michael Beyer, Uniklinikum Augsburg

Das ist nicht nur in Augsburg so. Am LMU-Klinikum in München können aufgrund Personalmangels ebenfalls freie Betten nicht belegt werden, sagt Alfred Holderied, kommissarischer Pflegedirektor am Klinikum. Das sei bereits vor der Corona-Pandemie regelmäßig der Fall gewesen.

Mangelware: Bezahlbarer Wohnraum für Pflegekräfte

Vor allem wegen der besonderen Konkurrenzsituation im Raum München. Die insgesamt teuren Lebenshaltungskosten und vorrangig fehlender bezahlbarer Wohnraum erschweren laut Holderied eine erfolgreiche nachhaltige Personalakquise.

Die Corona-Pandemie habe auf die Personal-Situation am LMU-Klinikum dagegen wenig Einfluss gehabt, sagt Holderied: "Dass die Pflegekräfte in Folge der belastenden Versorgung von Covid-19-Patienten den Beruf verlassen, das können wir für die Mitarbeiter*innen im LMU-Klinikum nicht bestätigen. Wir konnten die Stationsbesetzungen stabil halten und verzeichnen keine höhere Personalfluktuation."

Pflegekräfte wollen mehr Gehalt - und mehr Wertschätzung

Klar ist: Das Gesundheitssystem insgesamt steht unter Druck, und vieles hängt an den Pflegekräften. Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, brauche es vor allem eins, glaubt Intensivkrankenschwester Seija Knorr-Köning aus München: mehr Gehalt und eine Arbeitszeitreduzierung. Und mehr Wertschätzung für ihren Beruf. Die Corona-Pandemie habe da wenig verändert – im Gegenteil:

"Ich glaub, diese Geschichte, dass es Applaus gab und man den Eindruck hatte, dass sich jetzt etwas verändert, und dass es dann 500 Euro Prämie gab, dass das wahrscheinlich mehr wehgetan hat als genutzt, weil es letztendlich so ein Abspeisen war." Seija Knorr-Köning, Intensivkrankenschwester

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