BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Pflegende Angehörige kämpfen für Entlastung | BR24

© BR

Wer zuhause Angehörige pflegt, ist oft stark belastet. Angehörige beklagen das komplizierte System. Sie fordern unbürokratische Hilfe und ein Ende des Gießkannenprinzips.

5
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Pflegende Angehörige kämpfen für Entlastung

Wer pflegt, ist oft stark belastet. Die Kasse zahlt zwar Hilfen, um pflegende Angehörige zu unterstützen - doch das System ist bürokratisch und schwer zu durchschauen. In einer Petition fordern Pflegende nun, das Budget neu zu verteilen.

5
Per Mail sharen

Kornelia Schmid muss funktionieren, jeden Tag. Ihr Mann braucht sie: beim Aufstehen, beim Anziehen, beim Essen, beim Toilettengang. Seit über 25 Jahren lebt er mit Multipler Sklerose.

Kornelia Schmid ist gesund, aber auf gewisse Art ist es auch ihre Erkrankung. Denn so gern die 60-jährige Ambergerin die Pflege übernimmt, sie ist oft rund um die Uhr im Einsatz. Nachts schläft sie nie durch, Abschalten ist schwer. Beim Spazierengehen nimmt Schmid immer das Handy mit: Wer weiß, wann ihr Mann anruft und sie schnell nach Hause muss.

"Ich wünsche mir oft einen starken Mann. Aber jetzt muss ich die starke Frau sein." Kornelia Schmid, pflegende Angehörige

Pflegende fordern gerechtere Verteilung des Entlastungsbudgets

Ob Kurz-Urlaub, Reha oder ein freier Nachmittag zwischendurch: Angehörige brauchen Pausen, das weiß Kornelia Schmid aus eigener Erfahrung. Um aufzuklären und sich mit anderen zu vernetzen, hat sie den Verein "Pflegende Angehörige" und eine der größten Facebook-Pflegegruppen gegründet. Dort gibt sie Tipps – etwa, dass es verschiedene Budgettöpfe von der Kasse gibt, um Auszeiten zu finanzieren und Pflegende zu entlasten. Doch die Vorgaben seien starr, das System bürokratisch, sagt Schmid.

In Berlin tüftelt die Politik gerade daran, diese Budgets einfacher zu machen. Dafür will Kornelia Schmid einen Vorschlag liefern. Gemeinsam mit Hendrik Dohmeyer, einem Angehörigen aus Bremen, hat sie eine Petition gestartet: "Schluss mit dem Gießkannenprinzip – für ein gerechtes Entlastungsbudget!" Darin schlagen beide ein Modell vor, das die Entlastung für Angehörige vereinheitlicht und daran anpasst, wie schwer der Pflegefall ist.

Bisheriges System viel zu kompliziert

Momentan ist es so: Wenn pflegende Angehörige krank sind, in den Urlaub fahren oder ein paar Stunden zum Friseur oder zum Chor wollen, gibt es dafür verschiedene Budgets von der Kasse. Mit einem kann man zum Beispiel Nachbarn oder Bekannte entlohnen, damit sie in der Pflege einspringen (Verhinderungspflege, bis zu 1.612 Euro im Jahr). Mit einem anderen lassen sich kurze Aufenthalte im Pflegeheim finanzieren (Kurzzeitpflege, ebenfalls bis zu 1.612 Euro im Jahr) und mit einem dritten Budget kann man Betreuung und Hilfe im Haushalt bezahlen (Entlastungsbetrag, 125 Euro im Monat).

"Ein Dickicht an Detailregeln"

Ein kompliziertes System: Drei Budgets - und für die eine Leistung gelten andere Voraussetzungen als für die andere. Manche kann man ineinander umwandeln, andere verfallen, wenn man sie nicht nutzt. Fast täglich werden in Schmids Facebook-Gruppe Fragen zu diesen Budgets gestellt. Was steht mir zu? Muss ich einen Antrag dafür stellen? Warum hat die Kasse weniger überwiesen als erwartet? Ein Dickicht an Detailregelungen, sagt Schmid. Häufig würden sogar Mitarbeiter von Kassen und Beratungsstellen falsche Auskünfte geben.

"Es ist ein einziger Pflegedschungel. Und wir wollen einfach, dass das Ganze flexibel handhabbar ist – dass wir das nutzen können, was wir auch brauchen, für den Bedarf, der gegeben ist." Kornelia Schmid, pflegende Angehörige

Vorschlag: Ein großes Budget statt drei kleine

Schmid und ihre Mitstreiter fordern, die drei Budgets zusammenzufassen – zu einem großen Entlastungsbudget. Das wäre weniger kompliziert, und Angehörige könnten das Geld flexibler einsetzen. Zum Beispiel könnten sie das gesamte Budget in die Kurzzeitpflege investieren (also einen zeitweisen Aufenthalt im Heim), nicht wie bisher nur einen Teil davon.

Alle bekommen dasselbe - dabei haben alle andere Bedürfnisse

Für Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege und Entlastungsbetrag steht immer der gleiche Betrag zur Verfügung. Heißt: Angehörige von leichten Pflegefällen haben gleich viel Budget wie die von schweren. Dieses "Gießkannenprinzip" ist ungerecht, finden die Initiatoren. Wer sich 24 Stunden am Tag um seinen Partner kümmert, brauche mehr Entlastung als jemand, der nur übers Wochenende seine Mutter betreut.

In ihrem Modell verteilen sie die Gelder um. So ähnlich wie beim Pflegegeld, wo es mehr finanzielle Unterstützung gibt, je schwerer der Pflegefall ist. Profitieren würden davon die höheren Pflegegrade – weniger Geld gibt es in einer niedrigeren Kategorie, in die die meisten Pflegebedürftigen fallen. Doch leichtere Pflegefälle würden die Hilfen ohnehin oft gar nicht ganz ausschöpfen, argumentiert Schmid: In vielen Fällen sei der Bedarf noch nicht da.

Diese Staffelung kommt nicht bei allen gut an. Das Bundesgesundheitsministerium hält mit einem Beispiel dagegen: Einige Leistungen sind auch dafür gedacht, wenn die Pflegeperson krank wird – und krank werden kann jeder, egal, wie leicht oder schwer die Erkrankung des Pflegebedürftigen ist. Auch der Sozialverband VdK, der das Entlastungsbudget prinzipiell für eine gute Idee hält, ist nicht ganz überzeugt: Die Pflege von demenzkranken Personen mit Pflegegrad 3 könne teilweise anstrengender sein als die von bettlägerigen Menschen mit Pflegegrad 5, sagt Pflege-Expertin Yvonne Knobloch.

Neues Budget soll zügig umgesetzt werden

Dass ein Entlastungsbudget geschaffen werden soll, steht auch im Koalitionsvertrag (S.96-97). So sollen verschiedene Leistungen zu einem jährlichen Budget zusammengefasst werden, das man flexibel nutzen kann. "Damit können wir erheblich zur Entbürokratisierung in der ambulanten Pflege beitragen, die häusliche Versorgung stärken und pflegende Angehörige entlasten." Letzten Dezember hat der Deutsche Bundestag die Regierung aufgefordert, das neue Budget "zügig" umzusetzen.

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, es liefen bereits "intensive Vorbereitungsarbeiten" für die Einführung eines Entlastungsbudgets. Die Petition habe man zur Kenntnis genommen und werde sie "ebenso wie andere vorliegende Vorschläge in die Überlegungen mit einfließen lassen." Wie das Budget genau aussehen soll, ist noch nicht bekannt.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!