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Pflegemangel und Fallpauschale: Kein Geld für kranke Kinder | BR24

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Kein Geld für kranke Kinder

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    Pflegemangel und Fallpauschale: Kein Geld für kranke Kinder

    Münchner Kinderärzte schlagen Alarm. Im Haunerschen Kinderspital, einer der renommiertesten Kinderkliniken in Bayern, kämpfen sie um das Leben und die Gesundheit der kleinen Patienten. Doch immer wieder müssen kranke Kinder abgewiesen werden.

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    Schwere Operationen müssen verschoben werden. Kein Personal. Zu wenig Geld. Das Haunerschen Kinderspital in München ist ein sogenannter Maximalversorger. 16 Intensivpflegeplätze gibt es hier. Doch rund die Hälfte dieser Plätze ist mit Plastikhüllen abgedeckt und wird nicht genutzt.

    München: Für Krankenpfleger nicht bezahlbar?

    Dr. Florian Hoffmann von der Haunerschen Kinderklinik München erklärt: "Das liegt vor allem daran, dass wir ganz einfach kein Pflegepersonal mehr finden, dass in München, in einer Stadt, wo das Leben und auch das Wohnen so teuer ist, leider für Krankenpflegepersonal einfach nicht mehr der Ort ist, wo die Leute ihre Ausbildung machen und dann bleiben. Und dieser Strudel wird weiter abwärtsgehen, der Job wird immer unattraktiver und es werden immer weniger Leute machen und wir sind in der Abwärtsspirale und wir schreien seit langem Hilfe, aber so richtig erhört hat uns noch niemand."

    Teure Technik, aber kein Pflegepersonal

    Obwohl teure Technik vorhanden ist, gibt es zu wenige Menschen, die diese Technik bedienen und die kranken Kinder versorgen und betreuen können. Ein Albtraum für Eltern und Ärzte. Täglich muss neu entschieden werden, wer aufgenommen werden kann und wer nicht.

    Dr. Florian Hoffmann fällt dies schwer: "Abweisen von Patienten fühlt sich immer schlimm an. Natürlich ist es immer ganz, ganz schwierig, wenn Eltern anrufen und klar ist, dass das Kind kommen muss; wenn externe Kliniken anrufen und sagen, wir wissen nicht mehr weiter und wir können die Kinder nicht nehmen. Es bleibt immer so ein Gefühl des Nicht-Geholfen-Habens."

    Immer öfter müssen Kinder weit entfernt untergebracht werden

    Für die Eltern bedeutet das, dass immer mehr Kinder im weiteren Umkreis untergebracht werden müssen - zum Beispiel im 80 Kilometer entfernten Garmisch Partenkirchen. Dr. Clemens Stockklausner vom Klinikum Garmisch-Partenkirchen erklärt: "Speziell in den Wintermonaten fährt praktisch jeden Tag ein Krankenwagen von München nach Garmisch-Partenkirchen, weil schlichtweg die Bettenkapazität in München nicht ausreicht."

    Hoher Zeit- und Personaleinsatz wird nicht bezahlt

    Dazu kommt, dass die Besonderheiten der Kindermedizin im Bezahlsystem der Kliniken, den sogenannten Fallpauschalen, nicht genügend berücksichtigt werden. Kinder brauchen viel mehr Betreuung als Erwachsene. Doch der höhere Zeit- und Personaleinsatz, den die Kindermedizin erfordert, ist dort meist nicht vorgesehen. Die aufwändige Versorgung kranker Kinder ist nicht im System eingepreist.

    Professor Christoph Klein von der Haunerschen Kinderklinik in München weiß: "Jene Prozesse, die man sehr schlank gestalten kann, die man takten kann, wo man Effizienzen steigern kann, wo apparative Medizin zum Einsatz kommt, die werden bevorzugt. Und Prozesse, die das Gespräch mit dem Patienten suchen, mit dem Kind, welches sich nicht durchtakten lässt, weil es ja ein Kind ist, also all diese Prozesse werden strukturell benachteiligt."

    Kinderabteilungen chronisch unterfinanziert

    Kinderabteilungen schreiben praktisch immer rote Zahlen, sind Bittsteller und – wirtschaftlich gesehen – ein problematisches Anhängsel. Eltern und Kinder müssen all das ausbaden. Gewinnoptimierung auf dem Rücken kranker Kinder? Professor Christoph Klein beschreibt das Problem so: "Die Kindermedizin ist letztendlich immer in der Defensive und immer im Rechtfertigungsdruck, denn wenn wir die Medizin primär nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen - und natürlich müssen (…) die Finanzvorstände Sorge tragen, dass am Schluss des Jahres keine großen Verluste auf dem Papier stehen - das bedeutet natürlich eine gewisse Schieflage, an der die Kinder leiden."

    Kinderärzte in Sorge um die Zukunft

    Der Kinderarzt Dr. Florian Hoffmann muss den Mangel tagtäglich verwalten. Die Situation belastet ihn und seine Kollegen. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft: "Wenn die Basis nicht mehr stimmt und wir die Basisversorgung unserer Kinder nicht mehr garantieren können, dann muss ich sagen, dann zweifle ich wirklich ganz dramatisch am System. Denn wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und sonst geht es uns wirklich gut."