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Pflegekräftemangel: Intensivpflege steuert auf Notstand zu | BR24

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Immer mehr Fachkräfte in der Intensivpflege in Krankenhäusern geben ihren Beruf auf. Hauptgrund: Die hohe Arbeitsbelastung. Die Fachgesellschaft für Intensivmedizin warnt bereits, die Patientenversorgung sei in Gefahr.

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Pflegekräftemangel: Intensivpflege steuert auf Notstand zu

Immer mehr Fachkräfte in der Intensivpflege geben ihren Beruf auf. Hauptgrund: Die hohe Arbeitsbelastung. Viele Krankenhäuser müssen Betten sperren. Die Fachgesellschaft für Intensivmedizin warnt, die Patientenversorgung sei in Gefahr.

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Die Intensivstation gehört zu den sensibelsten Bereichen einer Klinik. Ausgerechnet hier spitzt sich die Personalsituation zu.

Nach einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin plant ein Drittel der Pflegekräfte auf Intensivstationen wegen der hohen Arbeitsbelastung in den nächsten fünf Jahren aus dem Beruf auszuscheiden. Ein weiteres Drittel will die Arbeitszeit reduzieren.

Angespannte Personalsituation auf der Intensivstation

Die Neuro-Intensivstation des Uniklinikums Erlangen ist voll besetzt. 90 Prozent der Patienten werden künstlich beatmet, haben in der Regel eine schwere Kopfoperation hinter sich.

"Die Patienten werden multimorbider. Sie sind wesentlich kränker. Wir kümmern uns auch immer mehr um noch ältere Patienten, um sie länger am Leben zu erhalten. Wir können immer mehr machen und (haben) dadurch auch mehr Belastung." Markus Prinz, Stationsleiter Neuro-Intensivstation Erlangen

119 Intensivpflegekräfte arbeiten hier auf der Station. Die überwiegende Zahl in Teilzeit. Vielen ist die Belastung zu groß, der Dreischichtbetrieb zu anstrengend. Personalmangel führt dazu, dass die Station nicht alle Betten belegen kann.

Personalmangel: Krankenhäuser müssen Betten sperren

Schon jetzt müssten zwei Drittel aller Krankenhäuser Intensivbetten sperren, weil kein Personal für die Pflege da sei, heißt es aus der Fachgesellschaft für Intensivmedizin.

Um die Pflegekräfte zu entlasten, gilt seit Jahresanfang ein neuer Personalschlüssel in sensiblen Klinikbereichen wie der Intensivpflege. So soll sich in der Tagschicht auf einer Intensivstation eine Pflegekraft nur noch um 2,5 Patienten kümmern müssen. Das bringt Entlastung für das Personal, aber löst das Problem nicht.

Pflegeverband: Fallpauschalen abschaffen

Der Vereinigung der Pflegenden in Bayern reicht das aber nicht. Helfen würde ein Systemwechsel – weg von den Fallpauschalen bei der Abrechnung mit den Krankenkassen und hin zu weniger Dokumentationspflichten, fordert der Verband. Die seit 2003 geltenden Fallpauschalen führten dazu, dass zu viele Pflegekräfte sich um Abrechnungen statt um Patienten kümmern müssten.

Die verstärkte Digitalisierung in der Pflege, die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorangetrieben wird, ist nach Ansicht des Pflegenden-Verbands der falsche Weg.

💡 Hintergrund: Pflegenotstand und Volksbegehren

Die Zahlen

... passen nicht recht zusammen. Einerseits wird unsere Gesellschaft immer älter: Ab 2060 wird jede(r) dritte Deutsche jenseits der 65 sein. Schon heute gibt es deutlich mehr Hochbetagte über 80 Jahren, und die Zahl pflegebedürftiger Menschen ist allein von 2013 bis Ende 2015 bundesweit um neun Prozent gewachsen. Doch spürbar mehr Pflegekräfte (2016: 1,7 Millionen) gibt es nur bei den Teilzeitbeschäftigten. Von den zuletzt neu eingerichteten 13.000 Vollstellen konnte bisher nur ein Bruchteil besetzt werden.

Dabei müssten allein in der Altenpflege in den kommenden 15 Jahren 175.000 zusätzliche Mitarbeitende eingestellt werden - und zwar Vollzeit. Sonst könnten sich Fälle wie der eines Ansbacher Seniorenheims, das wegen Personalmangel Insolvenz anmelden musste, in nächster Zeit häufen. Auf den Notfall- und Intensivstationen, wo der Personalnotstand schon heute groß ist, denkt aktuell jede(r) Dritte darüber nach, vorzeitig den Dienst zu quittieren. Häufigster Grund: Arbeitsüberlastung - womit sich eine Abwärtspirale in Gang zu setzen droht. Auch sonst kommen aus den Krankenhäusern - besonders aus Kinderkliniken und Spezialeinrichtungen - aber auch von den Kunden privater Pflegedienste alarmierende Nachrichten.

Die Politik

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will den Notstand durch vermehrte Anwerbung ausländischer Pflegekräfte lindern und hofft auf Arbeitserleichterung durch die Digitalisierung, etwa Pflegeroboter oder ein neues Patientendatenmanagement, wie es gerade im Münchner Klinikum Großhadern getestet wird. Zudem soll eine "Konzertierte Aktion Pflege" neue Azubis anlocken.

Das Volksbegehren

Vielen geht das nicht weit genug. In Bayern hat ein geplantes Volksbegehren gegen den Pflegenotstand im März mehr als 100.000 Unterschriften eingereicht. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) lehnte das Volksbegehren jedoch ab - er hält es für "rechtlich nicht zulässig". Darüber muss nun der Bayerische Verfassungsgerichtshof entscheiden.

(Erklärt von Michael Kubitza, BR24)

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Der Funkstreifzug

Von
  • Claudia Grimmer
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