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Pflegeheim Langenzenn: Mitarbeiter beklagen Hygienemängel | BR24

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Zu Beginn der Corona-Pandemie war ein Seniorenheim in Langenzenn (Lkr. Fürth) durch viele Infektions- und Todesfälle in die Schlagzeilen geraten. Nun haben sich Mitarbeiter an den BR gewandt und berichten von Hygienemängeln.

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Pflegeheim Langenzenn: Mitarbeiter beklagen Hygienemängel

Die Zahlen sind erschütternd: Im AWO-Seniorenheim in Langenzenn starben 26 Bewohner, die sich mit dem Corona-Virus infiziert hatten. Jetzt kommt heraus: Im Heim sind offenbar Hygienestandards nicht eingehalten worden.

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Das Corona-Virus hat im Langenzenner Seniorenheim viele Opfer gefordert. Mehr als die Hälfte der 113 Bewohnerinnen und Bewohner hatte sich während der ersten Corona-Welle infiziert. 26 von ihnen starben. Auch bei 43 Mitarbeitern wurde das Virus nachgewiesen. Mitarbeiter berichten dem Bayerischen Rundfunk nun von groben Mängeln im Umgang mit der Schutzausrüstung, die ja eigentlich vor Corona schützen soll.

BR-Informanten: Schutzkleidung wurde nicht gewechselt

Eine Mitarbeiterin des AWO-Seniorenheims erzählt, ihr sei eine Schutzausrüstung in die Hand gedrückt worden mit dem Hinweis, dass sie zu wechseln sei, wenn sie in ein anderes Stockwerk geht. Auf dem Stockwerk, wo infizierte und nicht-infizierte Bewohner zugleich versorgt wurden, hätten die Mitarbeiter die Schutzkleidung nicht gewechselt.

"Mundschutz wurde eigentlich den ganzen Tag über getragen. Es gab anfangs keine Brillen und keine Schutzvisiere, egal, wie stark die Patienten gehustet haben oder die Bewohner." Mitarbeiterin AWO-Seniorenheim Langenzenn

Keine Einweisung in Gebrauch von Schutzkleidung

Die Mitarbeiter berichten weiter, dass es von der Heimleitung weder eine klare Einweisung in den Gebrauch der Schutzausrüstung noch ein Hygienekonzept für Pfleger gegeben habe. Auch sollen Hilfskräfte, die keine medizinische Ausbildung haben, weder eine Einweisung, noch eine Schulung erhalten haben. Infizierte Bewohner seien zum Teil mit Nicht-Infizierten in einem Zimmer untergebracht gewesen. Viele waren mit der Situation überfordert, sagen die Informanten dem BR.

"Jeder oder jede auf der Station hat letztlich das gemacht, wie er oder sie das gerade für richtig gehalten hat. Wann Handschuhe gewechselt werden sollten. So was musste man sich alles erfragen, und das wurde auch durchaus sehr unterschiedlich und willkürlich gehandhabt." Mitarbeiter im AWO-Seniorenheim Langenzenn

AWO-Geschäftsführer: 24 Leiharbeiter hielten Betrieb aufrecht

Träger des Langenzenner Seniorenheims ist der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Neustadt Aisch-Bad Windsheim. Geschäftsführer Robert Schneider entgegnet, die Vorwürfe der Mitarbeiter seien nicht nachvollziehbar. Er räumt aber ein, dass die Situation seit Ende März 2020 extrem belastend war. Viele Pflegekräfte hätten plötzlich in Quarantäne gemusst. Innerhalb eines Tages habe er 24 Leiharbeiter engagieren müssen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. "Insofern hat es bei uns sicherlich an der Organisation damals Fehler gegeben, weil halt einfach kein eigenes Personal mehr im Haus war", so Schneider im BR-Interview.

Pflege-Experte Fussek: Probleme in Pflegeheimen sind hausgemacht

Waren also die Leiharbeiter schuld? So einfach darf es sich ein Heim nicht machen, sagt Pflege-Experte Claus Fussek aus München. Er meint: Ein Großteil der Probleme in vielen Pflegeheimen ist hausgemacht. Es gebe Heime, die offen mit Problemen umgingen und aktiv Hilfe holten. Aber es gebe eben auch andere. "In vielen Häusern wird das wie vor Corona auch kaschiert, geleugnet, schöngeredet und halt ignoriert in der Hoffnung, es wird schon irgendwie nichts passieren", so Fussek.

Fussek: Viele Heime erfüllen nicht mal Basis-Hygiene wie regelmäßiges Händewaschen

Pflege-Experte Claus Fussek räumt ein, dass sich kein Pflegeheim auf die Corona-Pandemie vorbereiten konnte. Allerdings sei schon vor Corona in vielen Heimen nicht mal die Basis-Hygiene eingehalten worden, ob beim Tragen von Schutzmasken oder beim einfachen Händewaschen. Das berichteten ihm viele Pflegekräfte aus ganz Deutschland. Wenn es Versäumnisse gebe, dann sei es gut und richtig, dass die Vorfälle von der Staatsanwaltschaft überprüft würden, wie etwa in Würzburg, Schliersee oder Wolfsburg.

Gesundheitsamt klärte nach Beschwerde über Gebrauch von Schutzkleidung auf

In Langenzenn hingegen gibt es keine Ermittlungen. Geschäftsführer Robert Schneider hielte das auch "vollkommen daneben", sagte er im BR-Interview. Er könne keinem der Mitarbeiter einen Vorwurf machen. Im Übrigen habe es auch keine Beschwerden der Mitarbeiter gegeben, dass sie beim Gebrauch von Schutzkleidung nicht richtig angeleitet worden seien. Die BR-Informanten widersprechen dem. Sie hätten die Heimleitung sehr wohl auf Missstände aufmerksam gemacht. Auch das Landratsamt Fürth berichtet von einem entsprechenden Anruf am 15. April 2020. Daraufhin hätten Gesundheitsamt und Heimaufsicht die Mitarbeiter noch einmal über den korrekten Gebrauch von Schutzausrüstung aufgeklärt.

In der Vergangenheit kleine Hygienemängel in Pflegeheim Langenzenn

Auch in der Vergangenheit stellte die Heimaufsicht Hygienemängel im Seniorenheim Langenzenn fest. Dabei habe es sich aber lediglich um kleinere Beanstandungen gehandelt wie Staub auf den Spinden der Personalumkleide oder Flusen auf dem Boden der Pflegeoase, so das Landratsamt. Im Prüfbericht bemängelte die Heimaufsicht unter anderem auch, dass das Personal seine Dienstkleidung zu Hause wusch. Dadurch könnten Keime verschleppt werden. Im Moment gibt es im Langenzenner Seniorenheim keine Bewohner mehr, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben.

© BR/Karin Goeckel

Die Zahlen sind erschütternd: Im AWO-Seniorenheim in Langenzenn starben 26 Bewohner, die sich mit dem Corona-Virus infiziert hatten. Jetzt kommt heraus: Im Heim sind offenbar Hygienestandards nicht eingehalten worden.

💡 Hinweis in eigener Sache

In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Mitarbeiter hätten dem BR anonym berichtet. Das war missverständlich ausgedrückt. Richtig ist: Die BR-Informanten sind den Autoren namentlich und persönlich bekannt, wollen aber anonym bleiben. (Erklärt von Karin Goeckel, BR24 Mittelfranken)

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