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Symbolbild: Frau hält Kind an der Hand

    Pflegeeltern fordern mehr Anerkennung für ihre Arbeit

    In Deutschland steigt die Anzahl der Inobhutnahmen von Kindern durch die Jugendämter seit Jahren an. Händeringend werden Pflegeeltern gesucht, die bereit sind, ein Kind bei sich aufzunehmen. Doch es wird auch mehr Anerkennung für sie gefordert.

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    Eva FrischEva FrischAlf MeierAlf Meier

    Vera Mayer entscheidet über Kinderschicksale. Sie arbeitet beim Jugendamt Regensburg und sucht Pflegeeltern für Kinder, die nicht mehr in ihren Familien bleiben können. In ihrer Stadt sind das über die Jahre immer mehr geworden. "Durch die Nähe nach Osteuropa haben wir eine ganz große Drogenszene in Regensburg und von daher haben wir auch viele in Inobhutnahmen, weil wir viele drogensüchtige Eltern in Regensburg haben", berichtet sie.

    Die Zahlen bewegen sich seit Jahren auf hohem Niveau. Doch die Anzahl der Pflegeeltern geht zurück.

    45.444 Kinder mussten allein im Jahr 2020 von den Jugendämtern in Obhut genommen werden. Zwei Drittel von ihnen wegen einer Kindeswohlgefährdung. Ihre Zahl stieg seit 1996 um mehr als 60 Prozent. Ein Drittel der Kinder bekommt dann ein neues Zuhause in einer Pflegefamilie, in einem Heim oder einer betreuten Wohngruppe.

    Pflegefamilie will Kindern neue Chancen geben

    Für Familie Merz aus dem Oberallgäu sind Pflegekinder eine Bereicherung. Gisela und Alexander Merz haben in den letzten 20 Jahren 19 Pflegekinder aufgenommen. Viele nur für wenige Wochen, einige für Jahre. Mit viel sozialem Engagement geben sie den Kindern eine neue Chance. Finanziell kommt die Familie gut über die Runden. Das Jugendamt gibt 1.000 Euro dazu. Davon sind 650 Euro für den täglichen Bedarf gedacht: Essen, Wohnen, Kleidung, Sportverein etc. Der Rest, 350 Euro, ist für die Erziehungsleistung. Deshalb wird das Kindergeld sogar noch reduziert.

    "Wenn du natürlich da mal hochrechnest: 30 Tage bei 350 Euro, und das haben da sind wir bei 11,60 Euro am Tag," so Alexander Merz. "Oder wenn ich dann nur sage: 24 Stunden-Dienst. Ja, dann sind wir irgendwann mal bei 48 Cent in der Stunde, von fürstlich oder von sehr gut kann da jetzt nicht wirklich die Rede sein."

    Pflegeeltern fordern mehr Anerkennung

    Alexander Merz arbeitet ehrenamtlich für die Pflegeelternorganisation "Pfad für Kinder". Um die Aufnahme von Pflegekindern "attraktiver" zu machen fordert der "Pfad" mehr Anerkennung der Leistung von Pflegefamilien. So müsse der Staat mehr Geld für die Altersversorgung bereitstellen.

    Bemängelt wird auch, dass Pflegeeltern kein Elterngeld bekommen. Vom Bundessozialministerium gab es dazu keine Stellungnahme. Auch die Bayerische Sozialministerin kann wenig Hoffnung auf baldige Besserung machen: "Es ist natürlich schon ein großes Paket, das wir hier aufmachen würden, wenn wir prinzipiell bei Pflegeeltern hier Anerkennung für Rentenzeiten oder sonstige Dinge auf den Weg bringen wollen, da müssen wir uns mit den Bundesländern erst einmal abstimmen", sagt Carolina Trautner, die bayerische Sozialministerin.

    Kinderschutzbund: Kein Kind darf verloren gehen

    Der Deutsche Kinderschutzbund fordert, dass die Bereitschaft zur Aufnahme von Pflegekindern finanziell gefördert werden muss. "Wir brauchen Geld im sozialen Bereich, damit kein Kind verloren geht", sagt Alexandra Schreiner-Hirsch vom Deutschen Kinderschutzbund. "Das darf einfach nicht passieren, in einem reichen Land wie Deutschland zu sagen es gibt Kinder, die hungern. Es gibt Kinder, die psychisch vernachlässigt oder eben körperlich misshandelt werden. Das darf nicht sein, da müssen wir hinschauen und dafür muss Geld da sein."

    Eltern überfordert - Kinder vernachlässigt

    Überforderung der Eltern, körperliche und psychische Misshandlungen, sexueller Missbrauch, aber vor allem Vernachlässigung der Kinder sind die Gründe für die Herausnahme von Kindern aus ihren Familien durch das Jugendamt. Diese Kinder bekommen oftmals nichts zu essen, werden nicht gepflegt oder gewickelt:

    "Wenn man ein Baby hat, das weiß man, da ist man oft gar nicht schnell genug mit dem Fläschchen machen, weil die so Hunger kriegen, so schreien," sagt Vera Mayer vom Jugendamt Regensburg. "Und das ist natürlich für einen Säugling, der jetzt unterversorgt ist, weil die Eltern einfach nicht die Kraft, nicht die Zeit oder durch ihre eigene Erkrankung des nicht leisten können, das löst Todesängste aus beim Säugling."

    Die Corona-Krise könnte die Lage weiter verschärfen. Im Sommer zeichnete sich bereits ab, dass es 2021 mehr hilfsbedürftige Kinder geben könnte. Pflegeeltern sind also deshalb weiter dringend gesucht – ob verheiratet, unverheiratet, alleinerziehend oder in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft.

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