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Tag der Pflege: Verbesserungen für das Studium und mehr Kompetenz

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Keine Arzt-Assistenten: Warum Pfleger mehr Kompetenzen fordern

Die Formulierung "Anerkennung der Pflege" wurde bis jetzt mit "mehr Geld" gleichgesetzt. Wenn Pflegekräfte das ansprechen, dann meinen sie aber, dass sie mehr Anerkennung für ihren Beruf und mehr medizinische Kompetenz zugesprochen haben wollen.

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Von
  • Claudia Grimmer

Die Rufe der Pflegekräfte und die wirklich akuten Probleme der Berufsbranche drangen erst in der Corona-Pandemie so richtig ins Bewusstsein der Bevölkerung. Pflegekräfte wollen mehr Interprofessionalität, sprich, sie wollen mehr Zuständigkeitsbereiche in ihrer Arbeit abdecken. Sie wollen mehr Kompetenzen, die im Moment noch in der Verantwortung der Ärzte liegen.

Pflegekräfte wollen mehr Verantwortung

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, sagt: "In Deutschland ist der Zuständigkeitsbereich von Pflegekräften so begrenzt wie sonst nirgendwo in Europa." Er bemängelt, dass Pflegekräfte oft als "Assistenten der Ärzte" degradiert würden. Ein Beispiel dafür ist die Wundversorgung: Examinierte Pflegekräfte müssen sich das Okay des jeweiligen Arztes einholen, wenn sie einen Verband oder ein Pflaster wechseln wollen, obwohl sie durch ihre Ausbildung gut einschätzen können, ob es nötig ist oder nicht. Doch ohne eine Verordnung eines Mediziners darf die Pflegekraft nicht handeln.

Wenn Pflegekräfte auf die Barrikaden gehen, dann auch deshalb, weil ihr medizinisches Wissen aus der Ausbildung gar nicht voll in den Einrichtungen ausgeschöpft werde. Wenn es darum geht, ihr Arbeitsgebiet zu verbessern, fordern Pflegekräfte deshalb mehr Interprofessionalität. Und so formuliert es die Vereinigung der Pflegenden (VdPB) in Bayern:

"In einigen Bereichen verfügen Pflegefachkräfte bereits heute über die Kompetenz zur eigenständigen Ausübung der Heilkunde. Die Versorgung chronischer Wunden kann hier exemplarisch genannt werden. In der Folge ist die Forderung nach einer vollständigen Übertragung der Entscheidungsbefugnis nur folgerichtig." VdPB

Damit müsse dann auch die Möglichkeit verbunden sein, selbstständig Verordnungen und Rezepte auszustellen und diese Leistung gegenüber den Kostenträgern abzurechnen, teilt der VdPB mit. Weitere Beispiele seien hier die Verordnung von Hilfsmitteln und Inkontinenzprodukten oder beispielsweise auch die Versorgung chronisch Kranker. Vor allem die Patientinnen und Patienten würden laut VdPB von dieser Entwicklung profitieren.

Bayerns Gesundheitsminister will Pflegekräfte unterstützen

Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hat das Thema in seinem Reformplan Pflege aufgenommen. Er fordert darin neben einer steuerlichen Begünstigung von Nacht- und Wochenenddiensten vor allem eine Neupositionierung der Pflegekräfte: "Um den Pflegeberuf als sektorenübergreifenden Gesundheitsfachberuf zu positionieren und den Beschäftigten attraktive Aufgabengebiete zu öffnen, soll ihnen im Arbeitsalltag ein Aufgabenspektrum eröffnet werden, das den erworbenen Kompetenzen gerecht wird." Hierzu gehört Holetschek zufolge "auch die Möglichkeit der selbständigen Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten".

Die Bayerische Landesärztekammer wollte sich zu diesem Vorschlag zunächst nicht äußern und gab dem BR keine Stellungnahme dazu.

Akademisierte Pflegekräfte können Ärzten Arbeit abnehmen

Unterstützt wird Holetschek in seinen Reformplänen von der Stiftung Münch, die Forschung über die Zukunft der Pflege betreibt. In verschiedenen Studien wird aufgezeigt, dass Deutschland vom Ausland lernen könne und müsse – etwa von Schweden, dessen Gesundheitszentren die ländlichen Bereiche medizinisch und therapeutisch gut versorgen können.

Wichtiger Bestandteil ist dabei die Arbeit sogenannter Advanced Practice Nurses, also akademisierter Pflegeexperten. Da vor allem Landärzte fehlen, sollen studierte Kräfte einen guten Teil der Arbeit von Medizinern abfangen können. In den USA oder auch in Kanada gibt es sie seit Jahrzehnten. Sie ersetzen dabei nicht den Arzt, aber sie ermöglichen durch ihr Studium eine gute Pflege von Patienten und können auch medizinische Aufgaben übernehmen.

"Durch die Übernahme heilkundlicher Tätigkeiten befähigter, akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen können viele Lücken im Behandlungsprozess und strapaziöse Arztbesuche vermieden werden", heißt es von der Vereinigung der Pflegenden in Bayern.

Neben der pflegefachlichen Leistung könnten diese Pflegefachkräfte vor allem aber auch im Bereich der Prävention und Patientenberatung einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation und -qualität der Menschen beitragen, so die VdPB. Ganzheitliche Versorgung im häuslichen Bereich sei eine Investition in die Gesunderhaltung der Menschen. "Je gesünder die Menschen sind, umso weniger Kosten fallen für das Solidarsystem an," erklärt die Vereinigung der Pflegenden in Bayern.

Pflegekräfte in anderen Ländern haben höheren Stellenwert

Deutschland hat einen extremen Fachkräftemangel im Bereich der Pflege. Deshalb werden Mitarbeiter aus dem Ausland angeworben. Doch deren Eingliederung in den Klinikalltag ist oft nicht einfach, denn in anderen Ländern hat die Pflegefachkraft oft einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Viele stellen hier fest, dass sie nicht einmal die Hälfte ihres ursprünglichen Aufgabenspektrums ausführen können. Das wirke sich oft demotivierend aus.

In Großbritannien, Schweden oder Kanada sind überwiegend akademische Pflegekräfte im Einsatz - mit größeren Aufgaben- und Verantwortungsbereichen. Regelmäßige Weiterbildung ist dort gang und gäbe. Das ist wichtig, denn es gibt ständig neue Erkenntnisse darüber, wie gepflegt, wie beispielsweise mit dementen Patienten umgegangen werden sollte. Die Pflegekräfte auf den neuesten wissenschaftlichen Stand zu bringen, ist in den aufgeführten Staaten oberstes Ziel.

Mit der "Konzertierten Aktion Pflege" und einem 111-Punkte-Plan zur Verbesserung der Pflegeausbildung und -qualifikation will Deutschlands Regierung dem Fachkräftemangel beikommen. Doch seit Jahren bleibt der wirkliche Erfolg aus.

Pflegekräftevertretung in Deutschland

In Deutschland gibt es seit 2019 eine Bundespflegekammer. Sie ist Ansprechpartner für die Politik und von Institutionen des Gesundheits- und Pflegewesens. Ihre Aufgabe ist es, die Positionen der Pflegekräfte politisch zu vertreten und eine Harmonisierung beispielsweise bei Aus- und Weiterbildung in allen Bundesländern herzustellen. Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und auch Schleswig-Holstein haben noch eigene Landespflegekammern.

In Bayern gibt es zwar Bestrebungen, beispielsweise der Freien Wähler, eine solche Landespflegekammer einzurichten, doch die CSU spricht sich seit Jahren dagegen aus. Sie plädiert für eine Interessenvertretung der Pflegenden ohne Zwangsmitgliedschaft, die eine Kammer voraussetzt. Doch egal wie die berufsständische Vertretung auch aussehen möge, sie wird von den Pflegekräften jetzt eingefordert.

Die Vereinigung der Pflegenden in Bayern gilt zwar bereits als Vertretung der Pflegekräfte, doch gerade einmal 2.200 Berufsangehörige sind darin Mitglied. Ihr Stand ist nicht gefestigt, einzelne Parteien im Freistaat erkennen die Vereinigung als berufsständische Vertretung nicht an.

Zahlen über den regionalen Einsatz von Pflegekräften fehlen

Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischen Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, äußerte bereits 2017: "Bislang haben wir keinen richtigen Überblick über die Zahl der Pflegenden in Bayern."

Die VdPB hat nun auf eigene Kosten eine Pflegepersonalbedarfsstudie (Monitoring) erstellen lassen, um überhaupt einen genauen Überblick zu bekommen, in welcher Region in Bayern welcher genaue Bedarf an Pflegekräften da ist und wie viele Pflegekräfte im Freistaat in welchen Einrichtungen beschäftigt sind und in Zukunft benötigt werden.

Der Freistaat wurde dabei in 18 Versorgungsgebiete eingeteilt, sechs davon wurden als kritisch bewertet. Betroffen sind die Regionen Donau-Iller, Augsburg, Main-Rhön, Donau-Wald, München und Südostbayern. Dringend erforderlich sei deshalb nun auch eine verpflichtende Registrierung für beruflich Pflegende in Bayern, denn auch die gibt es nicht im Freistaat. Völlig unklar bleibt auch weiterhin, wie viele überhaupt einmal den Beruf erlernt haben und jetzt ausgestiegen sind.

Bayern hat kein eigenes Weiterbildungsgesetz für Pflegende

Auch das stört viele Pflegenden sehr: Ihre Weiterbildung ist nicht in einem eigenen Gesetz in Bayern geregelt. Wie ihr berufliches Fortkommen aussehen kann oder soll, ist in der "Verordnung zur Ausführung des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes und Weiterbildung in der Pflege und Hebammenkunde" geregelt. Neben den Ausführungen, wie beispielsweise Menschen im Alter betreut werden sollen, wird lediglich in Unterparagraphen die Weiterbildung eines so wichtigen Bereiches wie Pflege festgeschrieben.

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