Die Hände eines jungen Menschen halten die Hände eines alten Menschen, der auf einen Rollator angewiesen ist.
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Seit diesem Semester können Studierende in Pflegeberufen ein Stipendium des Freistaats in Höhe von 600 Euro pro Monat beantragen.

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Pflegestudium - Attraktiver durch neues Stipendium?

Mit Hilfe einer Förderung will Bayern mehr Studierende für das Pflegestudium gewinnen. Ab dem zweiten Semester können sich Studenten bewerben – es gibt 600 Euro monatlich für bis zu drei Jahre. Viele finden aber: Das kann nur ein erster Schritt sein.

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Chiara und Annina studieren Pflege an der Hochschule München - und begrüßen das neue Stipendium.

Im Innenhof der Hochschule München liegen schon bunte Herbstblätter. Das neue Semester geht los. Chiara und ihre Kommilitonin Annina, die Pflege studieren, schauen auf dem Handy ihren Stundenplan durch. Für sie stehen nicht nur neue Fächer auf dem Programm. Noch eine andere Neuerung gibt es: Seit diesem Semester können sie ein Stipendium des Freistaats beantragen – in Höhe von 600 Euro pro Monat. Ab dem zweiten Semester kann man sich bewerben, gewährt wird es für bis zu drei Jahre.

Bei Studierenden kommt das Stipendium gut an

Die Förderung ist nicht an Altersgrenzen oder bestimmte Noten geknüpft. Bewerben kann sich jeder, der schon in Vollzeit einen sogenannten "primärqualifizierenden Pflegestudiengang" in Bayern studiert. Die Studierenden verpflichten sich, nach dem Studium für mindestens drei Jahre im Freistaat zu arbeiten – etwa in einem Krankenhaus, einem Pflegeheim, in der Psychiatrie oder bei einem Pflegedienst.

Bisher haben sich laut Landesamt für Pflege rund 40 Studierende auf das Stipendium beworben. Auch Chiara gehört dazu und ist dankbar, dass es diese Unterstützung gibt. "Das Ziel ist nicht, sich in finanzielle Nöte zu stürzen, weil man das unbedingt machen möchte, sondern man macht das mit Herz, weil man für die Pflege gemacht ist."

Eigentlich müsse der Bund das Pflegestudium attraktiver gestalten, so Bayerns Gesundheitsminister Holetschek.
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Eigentlich müsse der Bund das Pflegestudium attraktiver gestalten, so Bayerns Gesundheitsminister Holetschek.

Video: Holetschek über das Pflegestudium-Stipendium

Ein Konflikt, der seit Langem schwelt

Das Stipendium soll das Studium attraktiver machen – und einen Konflikt entschärfen, der seit Langem schwelt. Denn die Studierenden bekommen kein Geld, im Gegensatz zur klassischen Pflege-Ausbildung, in der es eine Ausbildungsvergütung gibt. Und selbst bei den vielen verpflichtenden Praktika, etwa im Altenheim oder im Krankenhaus, wird sehr unterschiedlich bezahlt – wenn überhaupt.

Anspruch auf eine ordentliche Vergütung haben die jungen Akademikerinnen und Akademiker nicht. Und das, obwohl sie in den Praktika wegen des Pflegemangels oft eingesetzt werden wie eine Vollzeitkraft. Viele Studierende schreckt das ab. "Ich glaube, dass der finanzielle Aspekt der Grund ist, warum es nicht so attraktiv ist", sagt etwa Studentin Annina.

Bayern will Studium attraktiver machen

Vor zwei Jahren wurde auf sogenannte "primärqualifizierende Pflegestudiengänge" umgestellt. Anders als beim Vorgängermodell, dem dualen System, liegen seitdem sowohl Theorie als auch Praxis in der Hand der Hochschulen. Doch mit der Umstellung brachen in Bayern und in ganz Deutschland die Studierendenzahlen ein, auch wegen der fehlenden Vergütung.

Der Bund sei seiner Verpflichtung nicht nachgekommen, das Studium attraktiver zu machen, sagt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek. "Wir sind ja nicht der Ausfallsbürge des Bundes. Aber der Freistaat geht voran, setzt selber Mittel ein, weil wir glauben, dass es notwendig ist, weil es jetzt schneller gehen muss."

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Hochschulen fordern bundesweite Verbesserungen

Holetschek hofft, dass das Studium durch das Stipendium attraktiver wird. Insgesamt sind für das Programm etwa 12 Millionen Euro vorgesehen. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung heißt es auf BR-Anfrage: "Wenn es durch gezielte Stipendien besser gelingt, Studierende für dieses Studium zu gewinnen, ist eine solche Initiative eines Landes zu begrüßen." Viele Pflege-Professoren fordern eine bundesweite Regelung – auch, damit Einrichtungen Geld bekommen, um Studierende in den Praxisphasen zu schulen.

Studierende hoffen auf mehr

Die Hochschulen begrüßen das Stipendium. Auch Chiara und Annina halten es für einen guten ersten Schritt. Aber sie hoffen auf mehr, damit sich die Fixkosten auch verlässlich decken lassen. "Gerade Wohnungen in München sind super teuer, die öffentlichen Verkehrsmittel werden auch immer teurer, und wir haben einfach wenig Möglichkeiten, nebenbei arbeiten gehen zu können", findet Chiara. Das Studium sei sehr eng getaktet, Nebenjobs sind auch wegen der Schichtarbeit kaum möglich.

Was viele Studierende ärgert: Bekommen sie Praktikumsgeld, wird das voll auf die Förderung angerechnet. Das kritisiert auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, der das Stipendium sonst lobt. Bei einem ähnlichen Stipendium für Medizin-Studierende ist das nicht der Fall. Auch Bafög, schreibt das Landesamt für Pflege, ist vorrangig in Anspruch zu nehmen und wird angerechnet.

Professorin Astrid Herold-Majumdar von der Hochschule München begrüßt das Stipendium prinzipiell, befürchtet aber: Es könnte ein falsches Signal an die Einrichtungen senden. "Eigentlich unterstützt es die, die nicht bereit sind, das Praktikum zu vergüten, die sich sagen: Na ja, die Studierenden kriegen jetzt ein Stipendium." Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek sagt, man werde evaluieren und bei Bedarf nachschärfen – vielleicht auch bei der Anrechnung von Praktikumsgeld.

Wirkt das Stipendium?

Ob die Förderung das Studium wirklich attraktiver macht, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Details wurden erst über den Sommer bekannt – für viele Studienanfänger zu spät. Langfristig, glauben aber viele Pflegeprofessoren, wird es Wirkung zeigen. "Es besteht Konsens, dass uns dies für die Bewerbersituation im kommenden Jahr helfen wird", schreibt etwa Professor Jürgen Härlein von der Evangelischen Hochschule Nürnberg auf BR-Anfrage.

Verlässliche Immatrikulationszahlen liegen derzeit noch nicht vor, so das Bayerische Wissenschaftsministerium. In Nürnberg liegen sie auf einem ähnlichen Niveau wie letztes Jahr. An anderen Hochschulen, etwa Regensburg und Kempten, hat sich die Nachfrage etwas gesteigert. In Deggendorf spricht man von einem "sehr großen Zuwachs", es könne aber noch viel besser werden.

Professorin: Es braucht Kulturwandel in der Pflege

Es braucht aber mehr als Geld, um Studium und Berufsbild attraktiver zu machen, sagt Professorin Herold-Majumdar. Mitunter würden Studierende in den Praxiseinsätzen immer noch als Exoten betrachtetet und teilweise ablehnend aufgenommen.

Nötig sei ein Wandel in der Kultur. "Wie wir mit Nachwuchskräften umgehen, wie wir auch mit der jungen Generation umgehen, die vielleicht noch einmal ganz andere Vorstellungen von Pflege hat – nicht nur vom Selbstverständnis her. Weil sie sich mit neuen Erkenntnissen beschäftigen, bringen sie ja neue Impulse in die Pflege. Wenn man die alle abblockt, werden sie frustriert."

Auch studierte Pflege-Experten wollen praktisch arbeiten

Wer Pflege studiert, will meist nicht im akademischen Elfenbeinturm bleiben, sagt die Professorin. Die Absolventen wollen ans Krankenbett, ins Pflegeheim, auf Station. Das kommt auch den Patienten zugute, sagt Professor Christian Rester von der Technischen Hochschule Deggendorf. Denn Erkenntnisse aus der Wissenschaft kämen so rasch in der Praxis an.

Für viele Fragen gebe es jede Menge Evidenz aus der Pflegewissenschaft, so Rester, und nennt Beispiele: "Angst vor einer Operation, wieder auf die Beine zu kommen nach einer Operation, einen echt heilenden Wundverband zu bekommen, Zuversicht trotz Todesnöten erleben zu dürfen, Würde in äußerst schwerwiegenden menschlichen Belastungsproben erleben zu dürfen, oder ganz einfach einen richtig guten Kurzzeitpflegeplatz für eine Auszeit zu bekommen."

Viele Einsatzmöglichkeiten

Einsatzmöglichkeiten für studierte Pflege-Experten gibt es viele: Sie könnten zum Beispiel Krankenhäusern helfen, sich besser auf Menschen mit Demenz einzustellen oder neue Leitlinien entwickeln, wie man im Pflegeheim Stürzen oder Wundliegen vorbeugt. Als Case-Manager könnten sie Menschen mit vielen komplexen Erkrankungen gleichzeitig beraten. Und weil sie wissenschaftliches Arbeiten gewohnt sind und neue Studien lesen, könnten sie auch andere Pflegekräfte schulen.

Doch nach dem Studium fehlt es oft an spezialisierten Stellen – und entsprechender Bezahlung. Christa Mohr, Professorin an der OTH Regensburg, plädiert dafür, solche neuen Rollen zu entwickeln und eine gesetzliche Fachkraftquote dafür einzuführen. In Deutschland steckt die Akademisierung der Pflege noch in den Kinderschuhen, im Gegensatz zu Ländern wie den Niederlanden, Großbritannien oder Schweden. Experten fordern eine Akademisierungsquote von mindestens zehn Prozent. Doch davon ist man in Deutschland noch weit entfernt: Derzeit liegt sie bei unter einem Prozent.