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Pflege in Senioren-WGs: Eingesperrt im eigenen Bett | BR24

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Eingesperrte Bewohner oder Angehörige, die "auf Spur" gebracht werden: Statt selbstbestimmt zu leben, werden Senioren in betreuten WGs zum Opfer. Denn die Heimaufsicht kann kaum etwas tun. Nun senden die Prüfer einen Hilferuf ans Pflege-Ministerium.

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Pflege in Senioren-WGs: Eingesperrt im eigenen Bett

Eingesperrte Bewohner oder Angehörige, die "auf Spur" gebracht werden: Statt selbstbestimmt zu leben, werden Senioren in betreuten WGs oft zum Opfer. Die Heimaufsicht kann kaum etwas tun. Nun senden Prüfer einen Hilferuf ans Pflege-Ministerium.

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"Der Verfall meiner Schwiegermutter war extrem, dort hätte sie es keine zwei Monate mehr ausgehalten", sagt Werner Zeigler (Name v. d. Redaktion geändert). Weil sich nirgendwo ein Pflegeplatz fand, hatte die Familie entschieden, die Schwiegermutter in einer betreuten Senioren-Wohngemeinschaft unterzubringen.

Warum der Heimaufsicht die Hände gebunden sind

Dort sei sie mehrfach kollabiert, weil sie zu wenig zu trinken bekam. Ärzte hätten sie wieder aufpäppeln müssen. Bei einem Besuch habe das Gebiss der Frau gefehlt. Im Mund hatte es offenbar ein anderer Bewohner. Denn in dessen Zimmer wurde das Gebiss letztlich gefunden. Gereinigt worden seien die Gebisse der Bewohner mit ein und derselben Zahnbürste.

Das Gebiss sei von einem dementen Bewohner entwendet worden, erklärte der Betreiber der WG. Und zum Thema Trinken: Man habe Infusionen gegeben, um das Problem zu lösen und Trink-Protokolle erstellt. Für Werner Zeigler keine zufriedenstellende Antwort. Der Heimaufsicht, die er in seiner Verzweiflung kontaktierte, waren jedoch die Hände gebunden. Die Möglichkeiten der Behörden sind gering, da solche ambulant betreuten Wohngemeinschaften quasi als private Räume gelten. Und für die gelten so gut wie keine Vorschriften, etwa hinsichtlich der Fachkräfte oder des Platzangebots. Zumindest im Vergleich zu regulären Heimen.

Ambulant betreute WGs als Geschäftsmodell

In den WGs entscheidet auf dem Papier ein Gremium, meist bestehend aus Angehörigen oder gesetzlichen Vertretern, über alle Angelegenheiten des Zusammenlebens und die Wahl des Pflegedienstleisters. In manchen Häusern funktioniert das vorbildlich. Vielfach sieht die Realität jedoch anders aus.

Denn Pflegedienste haben die Senioren-WG als Geschäftsmodell entdeckt. In einem Schreiben des Landratsamts Augsburg, das dem BR vorliegt, beklagt die Heimaufsicht, dass die meisten Initiatoren solcher WGs ambulante Pflegedienste seien. Die Selbstbestimmung der Bewohner werde damit praktisch ausgehebelt.

Kritische Angehörige werden "auf Spur" gebracht

Der Grund: Die Pflegedienstleister sind Vermieter, übernehmen aber zugleich die Pflege der Bewohner. Rechtlich dürften die Bewohner zwar auch einen anderen Pflege-Anbieter wählen. Auf diese Idee würde aber niemand kommen: Weil jeder Angst habe, dass der Pflegedienst, der ja Initiator der Senioren-WG ist, dann den Mietvertrag kündigt. Selbst wenn ein solcher Rauswurf rechtlich schwierig sei: Schon die Drohung genüge, um jeden kritischen Angehörigen "auf Spur" zu bringen.

Eingesperrt im eigenen Bett

Ambulant betreute Senioren-WGs seien bundesweit "ein Riesen-Markt", sagt der Pflege-Experte Claus Fussek: "Die Anbieter wissen ja auch, dass sie nicht kontrolliert werden. Man mietet eine Wohnung, tut ein paar Alte rein, beschäftigt möglichst billige Pflegekräfte, womöglich aus dem Ausland. Es sind eigentlich rechtsfreie Räume."

Gewalt gegen Bewohner, Vernachlässigung, zu wenig zu Essen und Einsamkeit seien Folgen, so Fussek. Laut der Heimaufsicht des Landratsamts Augsburg sind Bettgitter ohne Genehmigung hochgezogen worden. Die Bewohner seien damit in ihrem Bett gefangen gewesen. Ein Bewohner sei in einem Fünf-Quadratmeter-Raum untergebracht worden. Das sind 2 Meter mal 2,5 Meter. Im stationären Bereich seien 12 bis 14 Quadratmeter vorgesehen.

Landratsamt fordert mehr Kontrollmöglichkeiten

In einer anderen WG hätten Bewohner das Haus ohne Hilfe nicht mehr verlassen können. Denn auch für die Barrierefreiheit oder den Brandschutz gelten prinzipiell dieselben Vorgaben wie in einem privaten Einfamilienhaus. Mit dem Unterschied, dass eben in betreuten WGs bettlägerige, demente oder gehbehinderte Menschen untergebracht sind.

Das Landratsamt Augsburg hat sich deshalb an das bayerische Ministerium für Gesundheit und Pflege gewandt, mit der "dringenden Bitte", den Prüfern der Heimaufsicht mehr Befugnisse zu geben, um auch ambulant betreute Wohngemeinschaften besser kontrollieren zu können.

Außerdem lud Landrat Martin Sailer (CSU) am Mittag zu einem Runden Tisch mit Angehörigen, Ärzten und ehemalige Pflegekräften. Sein Fazit nach dem Treffen: Man werde die Anregungen der Angehörigen "an die zuständigen Stellen weitergeben“. Doch auch die Bewohner und deren Angehörigen seien weiter gefordert, so Sailer, da es sich im konkreten Fall nicht um ein Heim, sondern eben um eine privat geführte, betreute Wohnform handle. Sailer: "Da haben wir als Heimaufsicht nur begrenzte Zugriffsmöglichkeiten, um auf mögliche Missstände, die an uns herangetragen werden, zu reagieren.“

Die Angehörigen zogen nach dem Gespräch ein positives Fazit, man sei auf offene Ohren gestoßen. Näher wollten sie sich nicht öffentlich äußern. Auch die Staatssekretärin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner, nahm an dem Gespräch teil.

Werner Zeigler hat nicht weggeschaut. Er hat seine Schwiegermutter in einem Heim untergebracht, in dem es ihr gut gehe.

© BR / Andreas Herz

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