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Pfandleihhäuser sind in der Corona-Krise Anlaufstelle für viele Menschen in Geldnot.

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Pfandhäuser und Corona: Schnelles Geld in der Krise

Bares gegen Eigentum – das die Eigentümer aber nicht verkaufen, sondern wieder auslösen können: Pfandleihhäuser sind Orte des schnellen Geldes. Das beschert ihnen Zulauf in der Krise. Aber auch das Pfandgeschäft verändert sich durch Corona.

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Von
  • Judith Dauwalter
  • Florian Deglmann

In neontürkis und lila gestrichen stechen eine Einfahrt und die zugehörige Lagerhalle heraus, mitten im trist-grauen Industriegebiet zwischen Nürnberg und Fürth. "Kfz-Pfandleihhaus" und "Bares auf die Haube", verkünden die Schilder am Tor der Nummer 89. Der Parkplatz dahinter steht voller Fahrzeuge: mehrere unspektakuläre Kleinwagen neben einer luxuriösen Stretchlimousine. Außerdem: ein großer amerikanischer Pickup und verschiedene Wohnmobile.

Coronaleihen und Kummerkästen

Die kuriose Ansammlung ergänzt ein Midibagger, eine echte "Coronaleihe". Ein lokaler Garten- und Landschaftsbauer hat ihn hier abgestellt und dafür ein paar tausend Euro mitgenommen. Denn die Krise bringt ihn in finanzielle Not: Er kann seine Aufträge nicht abschließen, weil die Lieferketten aus Osteuropa unterbrochen sind. So fehlen ihm Terrassen- und Pflastersteine. Diese Geschichte erzählt Pamela Pomerance, Teilhaberin des Nürnberger Kfz-Pfandleihhauses.

"Man bekommt im Leihhaus schon relativ viel mit, was aktuell die großen und kleinen Probleme der Menschen sind. Es muss bei uns niemand erzählen, wofür er das Geld benötigt. Aber viele Leute haben doch einen Redebedarf. Manchmal ist man auch ein bisschen der Kummerkasten." Pamela Pomerance, Teilhaberin Kfz-Pfandleihhaus Nürnberg

Auf die Idee, Autos zu beleihen, sei ihr Vater 1994 als erster in Deutschland gekommen, erzählt Pamela Pomerance. Den Stellplatz neben dem Bagger belegt gerade ein kastenförmiger Anhänger, wie die anderen Fahrzeuge beklebt mit einer Pfandnummer. Im Inneren ist er ausgebaut mit Dusche und WC, ein kleines Badezimmer als Anbau eines Schausteller-Wohnwagens. Auch das ein Leihbeispiel aus einer corona-gebeutelten Berufsgruppe.

Leihhäuser selbst von Corona-Krise betroffen

Nach Abgabe im Pfandhaus haben die Eigentümer drei Monate Zeit, um ihr Fahrzeug wieder abzuholen: Gegen das ausgezahlte Pfand plus ein Prozent monatlicher Zins und Gebühren zwischen einem und 100 Euro. Eine Verlängerung ist möglich – was aber auch danach nicht ausgelöst wird, geht am Ende in die Versteigerung. Wie zum Beispiel die Musikanlage eines Alleinunterhalters in der 3.000 Quadratmeter großen Lagerhalle des Kfz-Leihhauses.

"Jetzt ist die Musikanlage im Verkauf, weil auf der Auktion wollte sie keiner. Die Abnehmerschaft für Musikanlagen ist momentan verschwindend gering. Von daher hoffen wir, dass die Unterhaltungsbranche bald wieder anzieht." Pamela Pomerance, Teilhaberin Kfz-Pfandleihhaus Nürnberg

Auch für die Pfandleihhäuser selbst hat die Krise also nicht nur positive Auswirkungen. Um ein Drittel sei das Geschäft im ersten Quartal dieses Jahres eingebrochen, im Vergleich zu den Vorjahren, berichtet Pamela Pomerance. Von Dezember bis Februar waren sie in Bayern selbst vom Lockdown betroffen und mussten, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, für ihre Kunden schließen. Außerdem sei in pandemiebedingter Geldnot für viele nicht unbedingt das Leihhaus der Rettungsanker der Wahl.

"Die Menschen beleihen Sachen, wenn sie einen Horizont haben. Wenn sie wissen, dass sie ihre finanziellen Themen vielleicht nicht innerhalb von drei Monaten auf Vordermann bringen können, dann geht der Trend eher dazu, die Sachen zu verkaufen. Wenn man sich von ihnen trennen kann." Pamela Pomerance, Teilhaberin Kfz-Pfandleihhaus Nürnberg

Mehr Kunden bei Online-Auktionen

Ortswechsel – vom Stadtrand in die Nürnberger Innenstadt. Den Unschlittplatz beherrschen Fachwerkhäuser, verzierte Fassaden und holpriges Pflaster. Ein massiver Sandsteinbau beheimatet das Nürnberger Leihhaus, mit rund 400 Jahren das deutschlandweit älteste seiner Art.

Von seinem Schreibtisch im ersten Stock überblickt Geschäftsführer Wolfgang Jeske den mittelalterlichen Platz. An seinem Computer-Bildschirm herrscht die Gegenwart: Hier bereitet er die nächste Online-Auktion vor: "Wir haben Auktionen bisher nur physisch, vor Ort durchgeführt. Dadurch, dass wir jetzt diese räumlichen Begrenzungen haben, was die Personenanzahl angeht, haben wir das dann auch online durchgeführt. Und das führt natürlich schon zu einer Erweiterung des Publikums."

Kurzfristige Geldsorgen

Im Kerngeschäft funktioniert Online allerdings nicht. Jeskes Mitarbeiter Peter Kalina sitzt an seinem Schreibtisch in der Leihstube, ausgestattet mit Karatwaagen für Edelsteine, Säuren zur Goldprüfung und großen Bildschirmen. Auf der Internetseite des Leihhauses zeigt er den "Schätzmeister": Kunden können hier Fotos und Informationen ihrer Wertgegenstände hochladen und diese schätzen lassen. Anschließend können sie sie als Pfand nach Nürnberg schicken und bekommen das Darlehen dann überwiesen.

"Das wollen die Kunden im Grunde genommen nicht. Weil die wollen sich nicht registrieren online. Sie wollen direkt Ware gegen Geld, also gegen Darlehen. Das soll dann direkt auch möglichst zeitnah passieren, nicht mit dem Verzug über den Versandweg. Also das funktioniert nicht." Wolfgang Jeske, Geschäftsführer Leihhaus Nürnberg

Denn viele Kunden plagen eben sehr kurzfristige finanzielle Sorgen. So erzählen die Nürnberger Pfandleiher zum Beispiel von Menschen, die am Monatsende ihre Wertsachen beleihen, um davon die Stromrechnung zu begleichen und Lebensmittel zu kaufen. Die gibt es natürlich gerade in Krisenzeiten. In jeder Hinsicht betrifft und verändert Corona damit auch die Orte des schnellen Geldes.

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Pfandleihhaus in Nürnberg

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Pfandleihhaus in Nürnberg

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Pfandleihhaus in Nürnberg

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Pfandleihhaus in Nürnberg

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