BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Pfaffenhofen: Auf dem Weg zur 100-Prozent-Ökostrom-Stadt | BR24

© BR

Pfaffenhofen an der Ilm könnte die erste deutsche Stadt werden, die ihren Strombedarf zu 100 Prozent mit Öko-Energie deckt und diesen vor Ort selbst erzeugt. Die Pläne dafür sind fertig - doch es gibt noch eine entscheidende Hürde.

5
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Pfaffenhofen: Auf dem Weg zur 100-Prozent-Ökostrom-Stadt

Pfaffenhofen an der Ilm könnte die erste deutsche Stadt werden, die ihren Strombedarf zu 100 Prozent mit Öko-Energie deckt und diesen vor Ort selbst erzeugt. Die Pläne dafür sind fertig - doch es gibt noch eine entscheidende Hürde.

5
Per Mail sharen
Teilen

100 Prozent saubere Energie für Pfaffenhofen an der Ilm - seit drei Jahren hat die 26.000 Einwohner-Stadt in Oberbayern dieses Ziel. Derzeit liegt der Anteil des Ökostroms bei 70 Prozent. Wollen die Stadtwerke ihre Kunden komplett mit grüner, vor Ort erzeugter Elektrizität versorgen, müssen sie ein Problem lösen, das alle Produzenten von Wind- und Sonnenkraft haben: Sie müssen auch dann Strom liefern können, wenn Flaute herrscht und keine Sonne scheint.

Pfaffenhofen braucht einen Stromspeicher

Doch wie soll man die unregelmäßig anfallende Energie speichern? Pfaffenhofen setzt dabei auf die sogenannte Power-to-Gas-Technologie. Diese ist für Professor Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH) das derzeit beste Speicherverfahren für erneuerbaren Strom.

"Es ist keine Hexerei, es ist ganz normaler deutscher Maschinenbau. Eine Technik, die es heute gibt und die jederzeit verfügbar ist.“ Michael Sterner, OTH Regensburg

Elektrolyse im Klärwerk

Die Stadtwerke wollen ihre Power-to-Gas Anlage direkt in ihrem Klärwerk bauen und dort bei der sogenannten Elektrolyse mit Windenergie aus Wasser zunächst grünen Wasserstoff und Sauerstoff erzeugen. In einem zweiten Schritt will man den Wasserstoff mit dem Klimakillergas CO2 reagieren lassen. CO2 gibt es im Klärwerk reichlich. Beide Moleküle reagieren zu Methan. Und weil bei dessen Verbrennung nur so viel CO2 freigesetzt wird, wie zuvor bei der Herstellung gebunden wurde, gilt es als klimaneutrales Gas. Damit kann man im Blockheizkraftwerk jederzeit Strom erzeugen, sogar dann, wenn zu wenig Wind weht. Für Pfaffenhofens ehrenamtlichen Umweltreferenten Andreas Herrschmann ist dieses Projekt der letzte entscheidende Schritt bei der lokalen Energiewende. Mit Vorbildcharakter: "Jede Kommune hat ein Klärwerk, könnte also unserem Beispiel folgen.", meint Herrschmann.

Ein ganz besonderer Biokatalysator

Power-to-Gas-Anlagen, die grünen Strom in klimaneutrales Gas verwandeln, gibt es schon länger. Der Autobauer Audi produziert beispielsweise im niedersächsischen Werlte damit grünen Treibstoff für seine Gtron-Modelle. Die haben so eine bessere Klimabilanz als jedes Elektroauto.

3,5 Milliarden alte Lebewesen sollen Zukunft der Energieversorgung ermöglichen

Das Besondere an der Anlage in Pfaffenhofen wäre ihre technische Konzeption. Die Stadtwerke arbeiten dabei mit Electrochaea zusammen, einem kleinen Start-up aus Planegg bei München. Die Firma mit derzeit nur 23 Mitarbeitern hat einen weltweit geltenden Patentschutz auf Archaeen. Das sind ganz besondere Mikroorganismen, erzählt Doris Hafenbradl, im Vorstand von Electrochaea für den Bereich Technologie verantwortlich.

"Diese Archaeen sind die ältesten Lebewesen auf der Erde. Sie sind zwar mehr als 3,5 Milliarden Jahre alt, wurden aber überhaupt erst vor 30 Jahren entdeckt." Doris Hafenbradl, Vorstand Electrochaea

Archaeen können unendlich viel grünes Gas erzeugen

Werden diese uralten Mikroorganismen mit grünem Wasserstoff und CO2 gefüttert, produzieren sie zumindest theoretisch unendlich viel klimaneutrales Gas. Ist das die Lösung für das Speicherproblem von Wind- und Sonnenenergie? Michael Kröner, Geschäftsführer von "Munich Venture Partner" hat mehrere Millionen Euro in das Start-up investiert. Seiner Überzeugung nach kann es die Energiebranche weltweit verändern.

"Wir hätten nicht das Geld unserer Kunden investiert, wenn wir nicht dran glauben würden." Michael Kröner, Geschäftsführer Munich Venture Partner

Das Start-up betreibt schon zwei industrielle Pilotanlagen in Dänemark und in der Schweiz. Jetzt soll im oberbayerischen Pfaffenhofen die erste auf deutschem Boden entstehen und beweisen, dass die ältesten Lebewesen der Erde zur Lösung eines der aktuellsten Probleme der Welt einen wichtigen Beitrag leisten können.

Politik gewährt keine Unterstützung

Weil aber die Stadtwerke alle Abgaben und Steuern auf den bei der Elektrolyse eingesetzten Ökostrom zahlen müssen, würden sie damit jedes Jahr 270.000 Euro Verlust machen. Für das kleine Pfaffenhofen eine zu hohe Summe. Doch alle Anträge auf Steuerbefreiung, Förderung oder Zuschüsse haben Bund und Land bisher abgelehnt. Die Novellierung der EEG-Umlage ist erst im Jahr 2021 geplant.

Wann das wegweisende Klimaschutzprojekt für ganz Deutschland starten kann, ist damit weiter unklar.