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Getrud Lilge mit ihrer Schwester Maria Wohlfromm (im Rollstuhl) und Pflegekraft Katja Ruther (rechts).

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Personalmangel in Pflegeheimen führt zu Schließungen

Personalmangel in Pflegeheimen führt zu Schließungen

Zu wenige Menschen in Bayern wollen in der Pflege arbeiten, auch weil der Beruf so anstrengend ist. Was passiert, wenn es dauerhaft zu wenig Pflegefachkräfte gibt, ist in zwei Heimen in Nordbayern nun Realität geworden: Die Heime schließen.

Die Betten sind abgezogen und die Zimmer sind größtenteils leer. Die meisten Bewohner sind schon ausgezogen: In Stegaurach im Landkreis Bamberg schließt ein Pflegeheim für behinderte Menschen, weil Personal fehlt. Auch in Michelau im Landkreis Lichtenfels musste in diesem Monat ein Seniorenheim schließen.

Freie Stellen konnten nicht besetzt werden

In dem kleinen Pflegeheim der Lebenshilfe in Stegaurach waren drei Stellen in den vergangenen Jahren nicht besetzt. Durch Corona habe sich die Situation noch weiter verschärft, weil immer wieder Mitarbeiter ausgefallen seien oder gekündigt hätten, so die Heimleiterin Dorothea Langer. "Wenn die Mitarbeiter andauernd für erkrankte Mitarbeiter einspringen müssen, macht das einen riesigen Stress", so Langer.

Zwei Jahre habe die Heimleitung versucht, neue Pflegefachkräfte zu finden, aber ohne Erfolg. Es gebe zu wenig Pfleger, die diesen Beruf unter diesen Rahmenbedingungen noch gerne ausführen, so Günther Hofmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe Bamberg. Ohne das entsprechende Personal könne die Versorgung der Bewohner nicht mehr geleistet werden, sagt Hofmann. Neben der körperlichen Pflege werden die behinderten Menschen in dem Heim auch mit Logopädie, Musik- und Ergotherapie betreut. Nun muss das Heim zum Monatsende endgültig schließen.

Bewohner wurden in andere Heime verlegt

Jan Matthes arbeitet seit zwölf Jahren in dem Heim in Stegaurach. Er ist sozialer Betreuer und kümmert sich unter anderem um das Freizeitprogramm der behinderten Menschen. Neben dem gemeinsamen Singen und Spaziergängen gibt es immer wieder auch andere Unternehmungen.

Matthes hatte gehofft, dass die Heimschließung noch verhindert werden kann. Die Bewohner sind ihm ans Herz gewachsen und man merkt ihm an, dass ihm die Schließung nahe geht. Auch die behinderten Menschen habe die Nachricht sehr belastet, so Matthes. "Wir haben für unsere Bewohner neue Heimplätze gesucht", erzählt er. Es werde nun sehr einsam in dem Heim.

Schwierige Situation für Angehörige

Auch die 69-jährige Maria Wohlfromm musste umziehen. Sie befindet sich im Endstadium der Demenz und hat Trisomie 21. Für ihre 67-jährige Schwester Gertrud Lilge war die Suche nach einem neuen Heimplatz anstrengend. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Schwester "ihren letzten Weg" in dem Heim in Stegaurach gehen kann, sagt sie.

Die Situation sei für die ganze Familie sehr emotional gewesen. Inzwischen hat Gertrud Lilge für ihre Schwester einen neuen Heimplatz gefunden. Sie ist wenige Kilometer entfernt in Bischberg in einem Seniorenheim untergekommen. Zwischen einem Seniorenwohnheim und einem Behindertenwohnheim gebe es viele Unterschiede, so Lilge. "Die Pfleger müssen sich erst auf die Menschen mit Behinderung einstellen." Sie seien aber sehr bemüht und fragten viel nach, erzählt sie.

Pflegeberuf muss attraktiver werden

Maria Wohlfromm wird in dem Seniorenwohnheim gut betreut. Hier habe man momentan genügend Mitarbeiter, weil auch viel Werbung gemacht werde, so die Pflegedienstleitung Alexandra Davis. Trotzdem ist sie der Meinung, dass der Beruf für Neueinsteiger attraktiver gemacht werden müsse. Weil der Job generell sehr anstrengend ist, werde sich das Problem, Pflegepersonal zu finden, in Zukunft weiter verschärfen, sagen Experten.

Tobias Utters von der Caritas Bayern etwa bemängelt, dass es immer noch keine kostenfreie und vergütete Pflegeausbildung gibt. Außerdem sei es immer noch zu kompliziert, ausländische Fachkräfte anzuwerben: "Der Anerkennungsprozess der Berufsabschlüsse, die im Ausland erworben wurden, muss dringend beschleunigt werden. Aber es braucht natürlich auch eine Ausbildung in den Fachsprachen."

Andernfalls, so glaubt Utters, dürfte in den nächsten Jahren das Angebot an pflegerischen Dienstleistungen weiter abnehmen. Dafür sorge auch der demographische Wandel: Denn mit immer mehr Älteren und Pflegebedürftigen wächst auch die Personalknappheit.

Eine Studie zum Pflegepersonalbedarf in Bayern zeigte im Jahr 2020, dass bereits damals 74 Prozent der Versorgungseinrichtungen unter Fachkräftemangel litten. Aufgrund der zusätzlichen Überlastung in der Coronakrise haben in den letzten beiden Jahren aber viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduziert, die Lage hat sich auch dadurch weiter verschärft.

Bayerns Pflegebeauftragter fürchtet immer mehr Schließungen

Peter Bauer, der Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, befürchtet, dass weitere Heime schließen werden oder weniger Plätze anbieten, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Der Pflegebeauftragte fordert, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von nicht fachgerechten Arbeiten entlastet werden und die Bürokratie reduziert werde.

Außerdem müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sichergestellt werden. Er wünscht sich, dass über dieses Thema in der Öffentlichkeit mehr diskutiert wird. Zusätzlich sollte über Social Media gezielt Werbung gemacht werden, um auf den Beruf aufmerksam zu machen, findet der Pflegebeauftragte. Denn seit der Zivildienst abgeschafft wurde, hätten sich weniger junge Menschen für den Beruf in der Pflege entschieden.

Auch der gelernte Erzieher Jan Matthes hat über seinen Zivildienst die Begeisterung für die Arbeit mit behinderten Menschen entdeckt. Er wird Anfang Dezember in einem anderen Heim in Bamberg weiterarbeiten. Für die pflegebedürftigen Menschen in Stegaurach ist ein Umzug in ein neues Heim nicht so einfach: Sie verlieren ihre gewohnte Umgebung und ihr Zuhause.

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