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Pendlerschicksal: Wochenlang nicht mehr nach Hause fahren | BR24

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Nur ausländische Arbeitnehmer, die als "systemrelevant" eingestuft wurden und alle 48 Stunden einen Negativtest vorlegen, dürfen nach Deutschland pendeln. Die anderen dürfen nicht mehr zur Arbeit - außer, sie sind kurzfristig noch hergezogen.

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Pendlerschicksal: Wochenlang nicht mehr nach Hause fahren

Nur ausländische Arbeitnehmer, die als "systemrelevant" eingestuft wurden und alle 48 Stunden einen Negativtest vorlegen, dürfen nach Deutschland pendeln. Die anderen dürfen nicht mehr zur Arbeit - außer, sie sind kurzfristig noch hergezogen.

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Von
  • Renate Roßberger

Seit 14. Februar gibt es Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Tschechien. Ausländische Pendler, die hier arbeiten, dürfen nur noch dann hin- und herfahren, wenn die Behörden sie als "systemrelevant" eingestuft haben und sie alle 48 Stunden einen negativen Coronatest vorlegen. Die anderen dürfen nicht mehr zur Arbeit, außer sie sind kurzfristig noch nach Deutschland gezogen. Doch wie erleben es Pendler, die nun plötzlich nicht mehr heim fahren dürfen?

Nur ein paar Stunden zum Überlegen, Packen und Umziehen

Daniela Vachalova, Industriearbeiterin beim mittelständischen Elektronikunternehmen Elotec in Furth im Wald, war am 13. Februar gerade beim alle 48 Stunden fälligen Coronatest in der Teststation Cham, als ihr Chef anrief. Er bat sie, kurzfristig in eine angemietete Ferienwohnung zu ziehen, noch am gleichen Tag, einem Samstag, bevor Mitternacht die Grenzkontrollen begannen. Die 21-Jährige fuhr schnell zurück nach Tschechien, packte das Nötigste, erledigte noch die wichtigsten Arbeiten auf ihrem kleinen Bauernhof, den sie nebenher betreibt:

"Um den Hof muss sich jetzt meine Mama kümmern. Die ist schon 61 Jahre alt und sie ist jetzt ganz alleine drüben. Das ist wirklich schwierig." Daniela Vachalova, tschechische Pendlerin

Vater und Tochter können derzeit nicht mehr am Hof helfen

Auch Danielas Vater arbeitet in Deutschland und musste kurzfristig umziehen. Auch er hat einen Arbeitsplatz in Deutschland, den er nicht aufgeben will. Danielas Freund lebt und arbeitet weiterhin in Tschechien, hat aber als Fernfahrer höchstens am Wochenende Zeit, auf dem Bauernhof auszuhelfen. Danielas Mutter ist schon jetzt überfordert. Die Arbeit auf dem Hof wird ihr zuviel.

Pendler fühlen sich als Sündenböcke: hier und daheim

Daniela Vachlova und auch ihre Kollegin Katarina Cerna leben schon zum zweiten Mal kurzfristig in einer deutschen Ferienwohnung. Schon im Frühjahr 2020, in der ersten Coronawelle, waren sie jeweils drei bis vier Wochen lang hier. Damals ließ aber die tschechische Regierung die Pendler quasi nicht mehr heim. Tschechien hatte niedrige Infektionszahlen und Angst, dass die Pendler das Virus heimbringen könnten. Wer weiter in Deutschland arbeiten wollte, musste umziehen.

Jetzt ist es umgekehrt: Deutschland hat Angst vor den hohen Infektionszahlen in Tschechien. Die Inzidenz dort liegt aktuell bei 619 - mehr als zehnmal so viel wie in Deutschland. Ausbaden müssen es die Pendler, die sich als "Sündenböcke" fühlen:

"Erste Welle, zweite Welle – wir waren immer Schuld." Katarina Cerna, tschechische Pendlerin

"Fast immer, wenn was ist, wird es gleich auf die Pendler geschoben", sagt Daniela Vachalova. Die tschechischen Pendler sitzen zwischen allen Stühlen. Zuhause werden sie beneidet, weil die deutschen Löhne oft doppelt so hoch sind wie die tschechischen. Das schafft Abstand. Jetzt in Coronazeiten sehen viele Pendler ihre Landsleute aus deutscher Sicht und verstehen nicht, warum sie sich nicht an die Corona-Kontaktbeschränkungen halten:

"Das ist in Tschechien nicht so wie in Deutschland. Die gehen einfach raus, haben keine Angst und machen, was sie wollen." Daniela Vachalova

Wie lange die Pendler in Deutschland wohnen müssen, ist unklar. Daniela Vachalova stellt sich auf mindestens "bis Ostern" ein und hofft, dass sie so lange durchhält. Denn sie darf die ganze Zeit nicht mehr heimfahren. Katarina Cerna, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten umgezogen ist und es deshalb leichter findet, glaubt sogar, dass es Monate dauern wird. Regelmäßig alle 48 Stunden testen lassen müssen sie sich übrigens nicht mehr - höchstens freiwillig, weil sie jetzt in Deutschland leben und vorerst nicht mehr in das Hochrisikogebiet Tschechien zurückkehren.

Arbeitgeber zahlen die Unterkunft, um Pendler hier zu halten

Für viele Arbeitgeber sind die tschechischen Pendler unverzichtbar. Franz Fischer, Geschäftsführender Gesellschafter des Elektronikunternehmens Elotec in Furth im Wald, konnte nur für einen kleinen Teil seiner über 60 tschechischen Arbeitskräfte erreichen, dass sie als "systemrelevant" eingestuft werden, also weiter täglich hin-und herpendeln dürfen. Rund 20 Tschechen, die nicht systemrelevant sind, konnte er zum kurzfristigen Umziehen bewegen. Er versteht aber auch, dass nicht alle wochenlang von zuhause fern bleiben können. Firmenchef Franz Fischer: "Wenn ich zuhause kleine Kinder oder Familie habe oder kranke Eltern, dann geht es eben nicht bei allen."

Situation ist für Firmen finanziell sehr belastend

Das Unternehmen zahlt den tschechischen Arbeitskräften, die zuhause bleiben, weiter ihren Lohn. Denn sie für Kurzarbeit anzumelden, sei nicht möglich, weil die Daheimgebliebenen weniger als 10 Prozent der Gesamtbelegschaft aus 250 Beschäftigten ausmachen.

Finanziell ist die Lage also belastend für den Mittelständler, der außerdem die angemieteten Pensionszimmer und Ferienwohnungen der Mitarbeiter bezahlt. Aber ohne die tschechischen Pendler schafft das Unternehmen die Arbeit nicht. Die Auftragslage ist gut und man müsste dann Kundenaufträge absagen - Kunden, die dann womöglich auf Dauer abspringen könnten, fürchtet Franz Fischer.

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