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Party als Corona-Herd? Berchtesgadener Landrat kontra Söder | BR24

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Im Kreis Berchtesgadener Land in Bayern dürfen die Menschen die Wohnung nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Schulen, Kitas oder Freizeiteinrichtungen und Restaurants müssen schließen.

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Party als Corona-Herd? Berchtesgadener Landrat kontra Söder

Schulen und Kitas zu, Kinos geschlossen, Touristen müssen abreisen: Das Berchtesgadener Land ist faktisch im Lockdown. Ministerpräsident Söder macht eine Party für die hohen Corona-Zahlen verantwortlich. Dem widerspricht der Landrat jedoch vehement.

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Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder legte sich schnell fest. Bereits Stunden bevor das Berchtesgadener Land, Deutschlands aktuell größter Corona-Hotspot, bei einer Pressekonferenz über den starken Anstieg der Inzidenz informierte, hatte der CSU-Chef am Montag die Ursache parat: "Ausgangspunkt war auch wieder eine entsprechende Party."

Seit Wochen schon machen Politiker - länder- und parteiübergreifend - immer wieder Feiern insbesondere junger Leute für steigende Corona-Zahlen verantwortlich.

Im Berchtesgadener Land widersprach Landrat Bernhard Kern seinem Ministerpräsidenten und Parteifreund Söder nun entschieden. Es sei "sicherlich nicht der Fall", dass eine einzelne Feier Auslöser der aktuellen Lage sei. Es lasse sich nicht feststellen, wo der starke Corona-Anstieg herkomme. "Wir haben ein diffuses Geschehen im gesamten Landkreis." Es gebe in vielen Einrichtungen im ganzen Landkreis Corona-Fälle oder Menschen, die in Quarantäne müssten. Kein Ort sei besonders betroffen, stellte Kern heute in Bad Reichenhall klar.

Auch Gesundheitsamts-Chef stellt klar: Partys nicht ursächlich

Ähnlich äußerte sich auch der Leiter des zuständigen Gesundheitsamtes, Wolfgang Krämer: Die Corona-Fälle seien auf den ganzen Landkreis verteilt. Das lasse sich nicht einem oder zwei Herden zuordnen. Feiern spielten eine Rolle dabei, dass eine Infektionskette aufrechterhalten werde. Dass Partys für den hohen Inzidenzwert ursächlich seien, könne er aber nicht bestätigen.

Er habe die Frage nach Partys als Ursache erwartet, sagte Krämer, "weil es sich schön lesen würde, wenn wir einen Schuldigen hätten, den wir irgendwo hinstellen können". Das sei nicht der Fall. Und Landrat Kern rief Journalisten, die auf Söders Aussage verwiesen, verärgert zu: "Sie kriegen Ihre Schlagzeile von mir nicht."

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Im Berchtesgadener Land widersprach Landrat Bernhard Kern seinem Ministerpräsidenten und Parteifreund Markus Söder entschieden. Es sei "sicherlich nicht der Fall", dass eine einzelne Feier Auslöser der aktuellen Lage sei.

Corona-Inzidenz leicht zurückgegangen

Seit Montag kamen laut Krämer 40 weitere Infizierte hinzu. Dennoch sei die Sieben-Tage-Inzidenz (Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen) von 252 auf 236 zurückgegangen.

Gegenwärtig seien 260 Menschen infiziert, 169 von ihnen hätten Symptome wie Husten oder Fieber, erläuterte der Gesundheitsamt-Chef. Stationär in Behandlung seien im Klinikum Bad Reichenhall derzeit zwei Verdachtsfälle und zwölf bestätigte Fälle auf Normalstation, zwei weitere Patienten würden auf der Intensivstation beatmet. Man sei gegenwärtig "weit davon entfernt", eine Kapazitätsgrenze zu erreichen.

Urlauber müssen heim - ohne Corona-Test

Laut der neuen Allgemeinverfügung des Landkreises dürfen im Berchtesgadener Land vorerst nur noch Geschäftsreisende übernachten - Urlauber müssen also abreisen. Nach Angaben des Landrats müssen die Hotels und Vermieter von Unterkünften selbst ihre Gäste auffordern, den Landkreis zu verlassen. Kern zeigte sich aber überzeugt, dass man sich auf die Vermieter "gut verlassen" könne. Einen Corona-Test für diese Urlauber gebe es seines Wissens nach nicht.

Das hatte zuvor auch schon der bayerische Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) nach einer Kabinettssitzung in München bestätigt: Es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich nach einem Aufenthalt in einem Risikogebiet zu überlegen, "wo er überall war", und sich dann auch "durchaus sicherheitshalber selber testen zu lassen".

Somit kehren nun zahlreiche Urlauber aus dem Berchtesgadener Land in ihre Heimatorte zurück, ohne zu wissen, ob sie sich möglicherweise infiziert haben. Landrat Kern kann zu ihrer ungefähren Anzahl nichts sagen, nach Schätzung der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH machen derzeit rund 2.500 Menschen Urlaub in der Region.

Schulen zu, Gottesdienste erlaubt - Landrat verteidigt Regeln

Kern verteidigte die Entscheidung, dass Gottesdienste in den nächsten beiden Wochen erlaubt bleiben, während Schulen und Kitas, Kinos, Bibliotheken und Fitnesscenter schließen mussten."Die Gottesdienste bleiben unberührt", sagte er. Die Hygienevorgaben würden jeweils in den Kirchen gewahrt.

Auch die traditionellen Besuche auf Friedhöfen rund um den Feiertag Allerheiligen werden demnach erlaubt sein: "Allerheiligen, Allerseelen findet alle Jahre statt - auch heuer 2020. Ich glaube, das sind wir unseren Verstorbenen schuldig", argumentierte der Landrat.

Schüler und Kindergartenkinder müssen daheim bleiben

Das Berchtesgadener Land ist der erst bayerische Landkreis seit den flächendeckenden Schulschließungen im Frühjahr, in dem vorübergehend wieder alle Schulen, Kindergärten, Krippen und Horte geschlossen sind. Lediglich eine Notbetreuung soll es noch geben - für Kinder von Eltern aus bestimmten Berufsgruppen und von Alleinerziehenden. Wer im Berchtesgadener Land wohnt, darf auch keine Einrichtung außerhalb des Landkreises besuchen. Dagegen ist die Teilnahme an Prüfungen außerhalb des Landkreises zulässig. Allerdings muss der jeweilige Prüfling von anderen Teilnehmern abgesondert werden sowie Hygiene- und Abstandsregeln strikt einhalten.

Der Landrat äußerte die Hoffnung, dass die Schulen und Kitas nach der zweiwöchigen Schließung und den anschließenden Herbstferien am 9. November wieder öffnen können. Voraussetzung dafür sei, dass die Infektionszahlen stark sinken.

Ausgangsbeschränkungen für zwei Wochen

Als "Lockdown" will Kern die drastischen Einschränkungen nicht verstanden wissen. "Aus meiner Sicht ist es kein Lockdown", betonte er. "Wir sind nicht eingeschränkt in unserer Bewegungsfreiheit, wir sind nicht eingeschränkt zum Einkaufen, wir sind nicht eingeschränkt, dass wir spazieren gehen."

Allerdings ist im Berchtesgadener Land nun für zwei Wochen eine neue Allgemeinverfügung mit scharfen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Kraft. Sie gilt bis einschließlich 2. November, 24 Uhr, und enthält unter anderem strenge Ausgangsbeschränkungen - die bayernweit ersten seit mehreren Monaten. Die eigene Wohnung darf nur noch "bei Vorliegen triftiger Gründe" verlassen werden - beispielsweise für den Weg zur Arbeit, für Einkäufe oder die Versorgung von Tieren. Auch Sport und Bewegung im Freien sind erlaubt, aber nur allein, mit Angehörigen des eigenen Haushalts oder einer Person aus einem anderen Haushalt.

Die Polizei soll die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen kontrollieren. Betroffene müssten den Beamten die "triftigen Gründe" glaubhaft machen, heißt es in der Allgemeinverfügung.

Restaurants, Freizeit- und Kultureinrichtungen sind dicht

Sämtliche Veranstaltungen - mit der erwähnten Ausnahme von Gottesdiensten - werden verboten. Geschäfte des Einzelhandels und Dienstleistungsbetriebe dürfen geöffnet bleiben. Freizeit-, Sport und Kultureinrichtungen müssen dagegen für zwei Wochen geschlossen werden. Busreisen und Märkte (mit Ausnahme von Wochenmärkten) sind verboten.

Restaurants bleiben den Angaben zufolge geschlossen - ebenso Biergärten. Speisen zum Mitnehmen können bis 20 Uhr angeboten werden. Hotels dürfen nur noch Geschäftsreisende aufnehmen. Die rund 2.500 Gäste, die gerade Urlaub in der Region machen, müssen also abreisen.

Maskenpflicht auf belebten Plätzen

An Bahnhöfen und Bushaltestationen gilt eine Maskenpflicht. Darüber hinaus muss ein Mund-Nasen-Schutz in Bad Reichenhall, Freilassing, Berchtesgaden und Schönau am Königssee zwischen 6 und 23 Uhr auch auf bestimmten belebten öffentlichen Plätzen und Straßen getragen werden.

In Kliniken, Alten- und Pflegeheimen gibt es strikte Besuchsverbote. Die Begleitung Sterbender durch enge Angehörige bleibt aber zulässig.

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Berchtesgaden nach dem Lockdown

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