BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Parteitag in der Wohnküche: Die Online-Premiere der Grünen | BR24

© BR

Ein Parteitag der anderen Art. Die Grünen haben heute über Corona und die Folgen beraten und weil ja gerade die Corona-

4
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Parteitag in der Wohnküche: Die Online-Premiere der Grünen

Es war der erste Parteitag dieser Art in Deutschland: Die Grünen haben über Corona und die Folgen beraten - und weil Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln gelten, haben sie das erstmals online gemacht. Zu Besuch bei einer Delegierten in München.

4
Per Mail sharen
Von
  • Peter Kveton
  • BR24 Redaktion

Wir sind in Saskia Weishaupts Wohnküche, mitten in München. Ursprünglich kommt die Politologin aus Hannover, sie ist 26 Jahre alt, arbeitet bei einem grünen Abgeordneten im Landtag.

Wegen Corona: Erster grüner Online-Parteitag

Weishaupt ist Sprecherin der Grünen Jugend Bayern und Delegierte zum Länderrat, dem kleinen Parteitag der Grünen auf Bundesebene. Und der findet – dank der Corona-Schutzmaßnahmen – erstmals in der deutschen Parteiengeschichte online statt.

Das heißt, keine Zusammenkunft in einer Halle oder einem Saal. Jeder kann von zu Hause aus an dem Parteitag teilnehmen - vorausgesetzt die Technik stimmt, so Weishaupt: "Also ich glaube, das A und O ist eine funktionierende Internetverbindung. Tatsächlich ist da WLAN am Besten. Ich glaube, mit mobilen Daten wäre das sehr schwierig umzusetzen und am besten natürlich auch ein Laptop, PC oder Tablet, was auch immer. Eine Kamera ist gar nicht notwendig unbedingt. Das braucht man gar nicht, weil wir ja sowieso alle die Kamera ausschalten."

Anmeldung über die Mitglieds-ID

Rund hundert Delegierte gibt es, ein knappes Dutzend davon kommt aus Bayern. Wie stellt die Parteizentrale eigentlich fest, dass sich tatsächlich auch nur die Delegierten daran beteiligen? Weishaupt erklärt: "Wenn man Mitglied wird bei den Grünen, dann bekommt man einen Brief mit den Zugangsdaten zum grünen Netzwerk und dort kann man sich dann anmelden und darüber läuft das alles. Die haben dann eine Mitglieder-ID und wissen, welche Person ich bin und wissen dann auch, ob ich Delegierte bin oder auch nicht."

Zwischen 12.30 Uhr und 13.30 Uhr fand die Online-Akkreditierung statt – Wartezeiten gab es keine. Um 14 Uhr soll der Parteitag beginnen.

Probeabstimmung: Button gewinnt vor den Hausschuhen

Letzte Vorbereitungen laufen, die Parteigeschäftsstelle in Berlin ist schon online, eine erste Probeabstimmung findet statt:

"98 Stimmen wurden abgegeben, das ist sehr gut, weil wir damit schon gleich beschlussfähig sein werden. In Hausschuhen sind 35 zum Länderrat gekommen, im Schlafanzug 11 und mit Button 52. Damit hat der Button gewonnen, hat sogar das Quorum erreicht, herzlichen Glückwunsch." Wahlvorstand der Probeabstimmung

Inhaltlich steht ein Leitantrag der Parteispitze zur Corona-Krise im Mittelpunkt, aber alle sind gespannt, wie das mit dem Online-Parteitag so läuft.

Technisch funktioniert alles, aber an der Stimmung hapert's

Denn wenn die Krise länger dauert, werden auch die anderen Parteien auf diese Form von Parteitages zurückgreifen müssen. Aber so eine echte Parteitagsstimmung will auch bei Saskia Weishaupt nicht aufkommen:

"Tatsächlich, das fehlt so ein bisschen, so Applaus und so die Stimmung miteinander auch vielleicht die Vernetzung. Weil, es ist ja doch etwas Besonderes ist, wenn man von Bayern beispielsweise nach Berlin fährt und dann noch Leute aus Nordrhein-Westfalen trifft und mit denen reden kann und fragen kann, was da gerade so läuft." Saskia Weishaupt

Die Delegierten werden aufgefordert, einmal kurz die Kameras einzuschalten – prompt erscheinen mehrere Dutzend Delegierter in Briefmarkengröße auf dem Bildschirm. Die Redner zu den Anträgen werden ausgelost, sollen dann eben auch per Video zu sehen. Alles scheint zu klappen: "Vielleicht eines schon mal: Alle Leute, die Probleme haben – Pause – jetzt hören wir sie nicht mehr, jetzt haben wir ein technisches Problem. Also jetzt klappt's. Ich habe noch fünf technische Hinweise..."

Auch das ist neu: Begrüßung per Videobotschaft

Endlich geht es los, Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner begrüßt per Videobotschaft die Delegierten:

"Ganz herzlich willkommen zum Grünen Parteitag. Es fühlt sich an wie Parteitag und doch ist es anders: Statt in eure Gesichter zu sehen, schaue ich in eine Kamera, statt gegen eine anbrandende Geräuschkulisse anzureden ist völlige Ruhe."

Saskia Weishaupt baut inzwischen den Laptop ihres Freundes auf. In München findet nämlich gleichzeitig ein Basisforum zum in München ausgehandeltem Koalitionsvertrag mit der SPD statt, selbstverständlich auch digital. Und auch den möchte sie nicht verpassen.

© BR

An diesem Wochenende beraten die Grünen auf ihrem ersten bundesweiten Online-Parteitag über Folgen der Corona- Krise. Die Parteiführung will Corona- Staatshilfen an Umweltauflagen binden. Parteichef Habeck fordert Klimaauflagen für die Autoindustrie.

Derweil machen sich die Grünen auf ihrem virtuellen Parteitag an die inhaltliche Arbeit. Dabei fordern sie unter anderem eine Kopplung der Corona-Konjunkturhilfen mit Umwelt- und Klimaschutz-Maßnahmen. Co-Parteichef Robert Habeck sagt: "Wir reichen den Unternehmen die Hand zur Rettung, aber wenn sie sie ergreifen, besiegeln wir damit einen Pakt für Nachhaltigkeit." Ein Leitantrag für die Delegiertenversammlung sieht ein Sofortprogramm im Umfang von 100 Milliarden Euro vor, das durch neue Schulden finanziert werden soll.

Baerbock für mehr Überprüfung der Einschränkungen

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Göring-Eckardt, beklagt zudem den wachsenden Hass in der Gesellschaft. Die Corona-Krise könne nicht überdecken, dass die Hetze weitergehe. Katrin Göring-Eckardt bezieht sich dabei auf den Angriff auf ein ZDF-Kamera-Team gestern in Berlin. Sie ruft außerdem dazu auf, jeden Tag neu zu überprüfen, ob die Grundrechts-Einschränkungen gerechtfertigt seien. Und sie macht sich in ihrer Rede vor allem für Familien und Pflegebedürftige stark. In Kitas müsse es mindestens einmal pro Woche Corona-Tests geben. Außerdem bräuchten Pflegekräfte Schutzkleidung.

Technisch bleibt der Parteitag eine Herausforderung: Mal ist die Kamera der Redner aus und mal das Mikrofon, mal ist nur die Stirn zu sehen, manche sind nicht auffindbar, als sie eigentlich sprechen sollen. Eine Premiere mit Hindernissen also. Von politischen Debatten lassen sich die Delegierten aber nicht abhalten. Das also ist wie beim "echten" Parteitag.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!