BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

"Papstbruder" Georg Ratzinger in Regensburg gestorben | BR24

© dpa

Joseph und Georg Ratzinger

1
Per Mail sharen

    "Papstbruder" Georg Ratzinger in Regensburg gestorben

    Die Stadt Regensburg verliert eine ihrer bekanntesten Persönlichkeiten: Der frühere Chorleiter der Domspatzen, Georg Ratzinger, ist mit 96 Jahren gestorben. Sein Bruder, der emeritierte Papst Benedikt XVI., konnte ihn Mitte Juni noch einmal besuchen.

    1
    Per Mail sharen

    Der Kirchenmusiker und ältere Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, ist am Mittwoch in Regensburg gestorben, wie die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) vom Bistum Regensburg erfuhr. Er wurde 96 Jahre alt und war der letzte enge Familienangehörige des früheren Kirchenoberhaupts.

    "Herr Domkapellmeister" war Georg Ratzinger für die Regensburger, so sprachen ihn viele auch nach seiner Zeit als Chorleiter der Regensburger Domspatzen an. Als sein Bruder Joseph Ratzinger Papst wurde, kam auch noch der Titel "Papstbruder" dazu. Die Hochachtung für seine musikalischen Leistungen bekam einen Dämpfer, als der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen öffentlich wurde. Er selbst räumte Ohrfeigen ein. Von sexuellem Missbrauch habe er jedoch nie etwas zu hören bekommen.

    Unzertrennliche Brüder

    Georg Ratzinger wurde 1924 nahe Altötting geboren, drei Jahre vor seinem Bruder Joseph Ratzinger. 1951 wurden beide zu Priestern geweiht. Im Traunsteiner Knabenseminar, das sie zuvor besucht hatten, wurden die jeweiligen Stärken der Brüder öffensichtlich: Joseph hieß mit Spitznamen "Bücherratz", Georg war der "Orgelratz". Georg Ratzinger drängte ins kirchenmusikalische Fach, sein jüngerer Bruder Joseph Ratzinger schlug die wissenschaftliche Laufbahn ein.

    1964 übernimmt Georg Ratzinger die Domspatzen

    Georg Ratzinger war der erste der beiden Brüder, den es nach Regensburg verschlug. Er wurde 1964 Domkapellmeister am Regensburger Dom und Chorleiter der Regensburger Domspatzen. Den ältesten Knabenchor der Welt führte er zu künstlerischen Höhen mit internationalen Reisen und Einspielungen großer Werke der Chormusik.

    Georg Ratzinger gab Ohrfeigen zu

    Als Perfektionisten beschreiben ihn ehemalige Domspatzen, in Chorproben bisweilen auch cholerisch. 2010 musste Georg Ratzinger einräumen, bis Ende der 1970er Jahre in den Proben wiederholt Ohrfeigen verteilt zu haben. 2017 bescheinigte ihm der Abschlussbericht über Missbrauch und Gewalt bei den Domspatzen, Ratzinger müsse sich vor allem vorwerfen lassen, dass er weggeschaut habe und trotz Kenntnis von Gewaltvorfällen nicht eingeschritten sei, erklärte Sonderermittler Ulrich Weber.

    Die Domspatzen würdigten Georg Ratzingers Lebenswerk dennoch weiterhin, sangen beispielsweise vor seinem Haus in der Regensburger Altstadt für ihn, wenn er Geburtstag hatte. Dabei zeigte er sich so, wie ihn ehemalige Domspatzen außerhab der Chorproben beschrieben: Menschlich zugewandt, freundlich und interessiert. Auch ein gewisser Schalk blitzte immer wieder bei ihm durch.

    © picture alliance/Stefano Spaziani

    Georg Ratzinger 2008 in Rom

    Joseph Ratzinger folgt Ruf an die Universität Regensburg

    Joseph Ratzinger folgte seinem älteren Bruder Georg 1969 in die Oberpfalz, als er den Ruf an die Universität Regensburg annahm. Hier lehrte er als Professor Dogmatik und Dogmengeschichte. Diese gemeinsamen Regensburger Jahre bis 1977, bevor Joseph Ratzinger erst in München, dann in Rom zu Höherem berufen wurde, bewertet Joseph Ratzingers Biograf und Vertrauter Peter Seewald als glücklichste Zeit im Leben des späteren Papstes: "Regensburg war bayerisch. Regensburg war Heimat. Joseph würde in Ruhe an seinem theologischen Werk arbeiten können. Er würde für sich und seine Schwester ein Haus bauen. Die Familie war wieder zusammen und Georg hätte nach den fünf schweren Jahren als musikalischer Leiter der Domspatzen endlich Unterstützung zur Seite."

    Georg Ratzinger bei Papstwahl kreidebleich

    Als Georg Ratzinger am 19. April 2005 vor dem Fernseher saß und hörte, wie nach dem "Habemus Papam" der Name "Joseph Ratzinger" über den Petersplatz schallte, soll er kreidebleich in seinem Stuhl zusammengesackt sein, weil ihm klar wurde, dass es von diesem Moment an kaum noch ein Privatleben mit seinem Bruder geben würde. Gleichzeitig rückte auch Georg, damals längst im Ruhestand, wieder ins öffentliche Interesse. Die beiden hatten sich ihren Lebensabend anders vorgestellt.

    Dennoch verbrachten sie weiterhin Zeit miteinander, der Kontakt blieb eng. Zweimal im Jahr, nach Weihnachten und im Sommer, flog Georg, solange es möglich war, für ein paar Wochen nach Rom. Dort waren für ihn am Altersruhesitz seines Bruders im Kloster "Mater Ecclesia" Räume reserviert. Ansonsten telefonierten die beiden mehrmals die Woche. Knapp acht Jahre nach jenem Schockmoment vor dem Fernseher, als Benedikt als erster Papst der Neuzeit zurücktrat, war Georg es, der dies mit dem vielzitierten Satz "Das Alter drückt" erklärte.

    "Georg und Joseph sind unzertrennlich", schreibt der Autor Peter Seewald in seiner jüngst erschienenen Biografie "Benedikt XVI. – Ein Leben". "Wir gehörten halt einfach zusammen", zitiert der Autor und Ratzinger-Vertraute Seewald darin den emeritierten Papst.

    Georg Ratzinger rechnete nicht mehr mit Besuch seines Bruders

    Dass die beiden Brüder immer mehr abbauten, ist kein Geheimnis. Georg hatte 2018 der Deutschen Presse-Agentur gesagt, er bete jeden Tag "um eine gute Todesstunde für meinen Bruder und mich". Humorvoll fügte er hinzu: "Wie wir halt sind, wir alten Dackel." Immer wieder sagte Georg Ratzinger: "Nach Deutschland wird mein Bruder wohl nicht mehr reisen, auch nicht nach Regensburg."

    Mit seinem überraschenden Besuch am Krankenbett belehrte ihn Joseph Ratzinger vor wenigen Tagen eines Besseren. Am 18. Juni war Benedikt XVI. aus Rom zu einem fünftägigen Besuch seines Bruders nach Regensburg gereist, nachdem sich dessen Gesundheitszustand in den Tagen zuvor verschlechtert hatte. Täglich verbrachten die beiden Geschwister jeweils mehrere Stunden miteinander.

    Am heutigen Mittwoch ist Georg Ratzinger im Alter von 96 Jahren gestorben.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!