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Overtourism: Haben die Sehnsuchtsorte zu spät reagiert? | BR24

© Sylvia Bentele

Walchensee - so ruhig ist es hier in diesem Sommer nicht mehr

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    Overtourism: Haben die Sehnsuchtsorte zu spät reagiert?

    Schon im vergangenen Jahr haben die Hotspots beklagt, dass sie von Touristen überrannt werden. Corona hat, weil "Urlaub dahoam", den Overtourism verschärft. Haben die Sehnsuchtsorte zu spät reagiert? Betrachtungen von BR-Oberland-Reporter Lui Knoll.

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    Von
    • Lui Knoll

    "Overtourism" – was für ein grässliches Wort. Wenn ich an einem Samstag vor Corona in der Münchner Innenstadt in der Kaufingerstraße zum Shoppen gehe oder in Nürnberg in der Königstraße flaniere, dann gehöre ich zum Establishment – zu der Gruppe von Menschen, die die Wirtschaft ankurbeln und ihren Status mit den Papiertüten prestigeträchtiger Marken bis zu meinem Hybrid-Fahrzeug präsentieren.

    Wenn ich mit dem gleichen Fahrzeug am Wochenende einen Familienausflug an den Walchensee mache, werde ich zum "Overtourist", zum Problemfall für den Normal-Touristen, zur Bedrohung für die einheimische Bevölkerung. Was läuft da falsch, wenn das Verhalten, das ich normalerweise an den Tag lege, am Wochenende in den Bergen geächtet wird?

    Tourismus – Sehnsuchtsorte werden zu Problemorten

    Vor 20 Jahren war die Welt scheinbar noch in Ordnung. Der Normal-Tourist war mit Kniebundhose und "Sepperlhut" der "Preuße", der in den Bergen eine Portion Exotik, Abenteuer und unbekannter Lebensart getankt hat. Seit die Flieger nicht mehr nach Malle abheben, und sogar die Grenzen zu den Partyplätzen in Tirol dicht waren, werden immer mehr die Sehnsuchtsorte in den Bayerischen Alpen zu Problemorten. Oberstdorf, Schloss Neuschwanstein, die Zugspitze, der Walchensee, der Wendelstein und Berchtesgaden. Überall ähnliche Phänomene. Überfremdung, zu viele dicke Autos mit Kennzeichen aus großen deutschen Städten – und ratlose LokalpolitikerInnen, wie mit der neuen Wirklichkeit umzugehen ist.

    Walchensee – der letzte Rückzugsort für Natur

    Zwischen Urfeld und Einsiedel, Obernach und Sachenbach gibt es kein einziges Hotel. Die Restaurants und der Kiosk in Urfeld sind im Winterhalbjahr geschlossen, die wenigen Restaurants haben Saisonbetrieb, und sogar das Gasthaus in Einsiedl ist seit vergangenem Jahr zu. Was für ein Widerspruch. Wir haben geschlossen – wegen Überfüllung. Was treibt die Tagestouristen aus ihren unterdimensionierten Ein-Zimmer-Appartements am Wochenende in die Berge? Der letzte Zufluchtsort – ein Anachronismus: die Sehnsucht nach der Einsamkeit in den Bergen. Falsche Information – hier gibt es sie schon lange nicht mehr. Hier ist die Einsamkeit nur von Oktober bis März – bei Schneefall und Starkregen – am tiefsten See der Republik.

    Jeder hat ein Recht auf Natur

    Jeder darf sich auch in Corona-Zeiten noch einigermaßen frei bewegen. Trotzdem entstehen massive Probleme, wenn sich alle zur gleichen Zeit an die gleichen Orte bewegen. Und alle mit dem eigenen Auto. Der Bürgermeister von Krün, Thomas Schwarzenberger (CSU), sagt: "Wir heißen jeden Tagesgast willkommen, wenn er Respekt zeigt vor der Natur, vor dem Eigentum anderer Menschen und vor Regeln, die uns allen helfen, gut miteinander zu leben."

    Die Realität sieht anders aus. An den Ufern wird gegrillt, der Müll bleibt zurück, und an den Glasscherben zerbrochener Bierflaschen schneiden sich Kinder die Füße auf. Im 400-Seelen-Ort Walchensee werden am Wochenende so viele Autos geparkt, wie es rund um die Kaufingerstraße in München Parkplätze gibt. Die freien Flächen werden mit Balken gegen Wildparken geschützt.

    Gegen diese Form von Tourismus wird am Samstag im Nachbarort Wallgau demonstriert. Für über 90 Minuten ist die Bundesstraße 11 in Wallgau dicht. Die Organisatoren werben für eine bessere Besucherlenkung, Verleihstationen für Bikes und E-Bikes und einen Shuttle-Service für Räder. Andere Orte sollen folgen.

    © BR

    Auto an Auto entlang des Walchensees

    Lokalpolitik hat reagiert – zu spät?

    Der Kocheler Bürgermeister Thomas Holz hat das "Walchensee-Konzept" initiiert: öffentliche Toiletten (am Walchensee gibt es außer den blauen Dixi-Klos keine einzige öffentliche Toilette), mehr geregelte Parkflächen und Verstärkerbusse an den Wochenenden. Im Ort Walchensee selbst wollen sie keinen weiteren – auch keinen Ausweichparkplatz.

    Wirtschaftsminister Aiwanger will mit einer Warn-App die Besucher lenken und auf überfüllte Parkplätze hinweisen. Aber wohin will er sie lenken? Und auch die Leute, die nur hier über ihre Navis vorbeigelenkt werden, bilden den Stau, der am Wochenende über Google-Apps die Blechlawine von Kochel bis Urfeld mitbestimmt.

    Demos sind wichtig – Konsequenzen sind wichtiger

    Als in den 1970er -Jahren die Hoteliers von Garmisch-Partenkirchen den Bau der Autobahn A95 bis an die Ortsgrenze verhindert haben, haben sie eines richtig erkannt: Ein Auto ist nicht das Verkehrsmittel, um einen Sehnsuchtsort verkehrsmäßig zu erschließen. Leider hat die Konsequenz gefehlt, die manche Tourismusorte in den Alpen vorleben. Parkplätze und öffentliche Verkehrsmittel vor die touristischen Highlights zu setzen. Oberstdorf im Allgäu und Zermatt in der Schweiz sind nur zwei Beispiele dafür, wie man es organisieren kann. Der Walchensee wäre ein lohnenswerter Ort, um solche Konzepte auch in Oberbayern zu testen.

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