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Ortsumgehungen und Straßen ohne Flächenverbrauch - geht das? | BR24

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Die Landschaft steht unter Druck - rund ein Drittel des Flächenverbrauchs verursacht der Verkehr, der immer mehr zunimmt. Landstraßen werden erweitert, Ortsumfahrungen gebaut. Jedes Mal geht damit ein Stück der umliegenden Landschaft verloren.

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Ortsumgehungen und Straßen ohne Flächenverbrauch - geht das?

Knapp zwölf Hektar Landschaft werden in Bayern täglich verbaut – allen Verpflichtungen zum Flächensparen zum Trotz. Ein Drittel davon allein für Straßen und Wege. Selbst einfache Landstraßen werden zu Trassen. Die Suche nach Alternativen ist mühsam.

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Am Eingang des Naturparks Westliche Wälder bei Augsburg kämpfen Bewohner seit zwei Jahren gegen die Ausbaupläne der Staatsstraße. Die Bäuerin Elisabeth Luderschmid und ihr Sohn Christoph markieren Eichen- und Lindenbäume mit Trauerflor.

"Weil die Bäume einfach so alt sind und wichtig sind für unser Dorfbild auch, zum Reinfahren alleine", erklärt die Bäuerin. "Deswegen haben wir die Gekennzeichnet, dass die Autofahrer mal sehen, was hier alles verschwindet."

Neue Straße zerschneidet Ausgleichs-Biotop

Für fünf Millionen Euro soll die Staatsstraße hier im Naturpark Westliche Wälder auf einem drei Kilometer langen Abschnitt ausgebaut werden; indem Kurven und Kuppen beseitigt werden. Besondere Pointe dabei ist, dass die neue Trasse auch ein Biotop durchschneidet, das die Stadt Gersthofen ihrerseits als Ausgleich für andere Bauvorhaben angelegt hat.

Der junge Biobauer Christoph Luderschmid, selbst Gemeinderat, ist sich mit den anderen Ratsmitgliedern in Gablingen einig: "Dieser Flächenverbrauch ist massiert, Bereich Tallagen, Weiden, Westliche Wälder. Völlig widerstrebend, wir wollen grüner werden."

24 Millionen Euro für 6,5 Kilometer Straße

Aber das stellt sich in der Realität als schwierig dar. Zwar wurde vom Straßenbauamt inzwischen auf einen besonders tiefen Geländeeinschnitt verzichtet. Ob die Vorschläge des Gemeinderats und der Bürger ansonsten einbezogen werden, ist aber fraglich. Ein paar Kilometer weiter lässt sich ein vergleichbarer Landschaftseingriff derzeit beobachten: Dort wird die Ortsumgehung von Adelsried gebaut, 24 Millionen Euro für sechseinhalb Kilometer.

Getreu der Linie, die der Landtagsabgeordnete der Region, Georg Winter, seit Jahrzehnten vorgibt: "Diese Ortsumfahrung von Welden nach Adelsried, auch mit überschaubarer Fahrbahnbreite, parallel an der Autobahn laufend, das ist eine notwendige Anbindung der Region, die hier gemacht wird."

Es gibt sogar einen eigenen Fonds, der diese Straßenprojekte außerhalb des bayerischen Straßenbedarfsplans fördert. Verhindert wurde eine derartige Umgehungsstraße wieder ein paar Kilometer weiter, in Buttenwiesen. Gernot Hartwig hatte hier eine Bürgerinitiative mobilisiert. Die klein strukturierte bäuerliche Landschaft auf den Hügeln über dem Dorf blieb erhalten.

Ich hab innen so das Gefühl, dass ich sage, das ist mehr wert als jede Straße und jeder Verkehr und da rentiert es sich, was zu tun. Mal neu zu denken, zu sagen: Wir wollen den Verkehr reduzieren und nicht noch eine Straße mehr bauen. Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten, das ist ja ein alter Spruch. Gernot Hartwig

Zuschüsse setzen fragwürdige Anreize

Aber wie wäre dieser Spirale zu entkommen? "Im Moment ist es bei den Zuschüssen so", erklärt Hartwig. "Je größer die Naturzerstörung, desto höher ist der Zuschuss. Umgekehrt muss es sein: je weniger Natur zerstört wird, desto mehr Zuschuss muss die Kommune bekommen."

Und, so glaubt der inzwischen für den Bund Naturschutz als Straßenbauexperte aktive frühere Lehrer: "Wir brauchen neue Gesetze, neue Zuschussmodelle, all das brauchen wir. Veränderung der Staatlichen Bauämter in Mobilitätsämter, dass sie zuständig werden für Nahverkehr. Die sagen, wir bauen eine Straße, weil wir sind gar nicht zuständig für den Nahverkehr."

Mobilität müsste als Ganzes in größeren Räumen gedacht werden. Derzeit verschwinden in Bayern täglich allein zwei Hektar Landschaft für neue Straßen, die dann auch wieder erhalten werden müssen. Seit langem fordert der Oberste Bayerische Rechnungshof mehr Geld für die Erhaltung der Staatsstraßen gegenüber dem weiteren Ausbau.

Offenkundig ist auch, dass die Planungen immer komplizierter werden, um die widerstreitenden Faktoren vom Wasserrecht über den Naturschutz bis zur Landwirtschaft irgendwie unter einen Hut zu zwingen.

Gerade die Landwirtschaft gehört zu den Hauptbetroffenen, ist sich Wilhelm Weirather bewusst, der Leiter des Staatlichen Bauamts in Krumbach:

"Wenn ich bloß an die Landwirtschaft denke, 95% unseres Grunderwerbs läuft über die Landwirtschaft. Dann ist des klar: mit jedem Meter Straße, den wir neu bauen, entziehen wir der Landwirtschaft Existenzgrundlage. Und vor diesem Hintergrund ist dieses hohe Staatsziel Flächen sparen sicher sinnvoll und auch notwendig."

Auch für den extremen Artenrückgang, beispielsweise bei Wiesenbrütern wie Rebhuhn, Feldlerche und Kiebitz, macht das Bundesamt für Naturschutz wesentlich den Ausbau von Verkehrsinfrastruktur verantwortlich. Bienenvolksbegehren und Klimaschutzdemos hätten schon ein Umdenken angestoßen, sagt Bauamtschef Wilhelm Weirather.

Bestand sanieren statt neu bauen

Nur so richtig sichtbar ist das bisher nicht. Beim geplanten Straßenausbau in den Westlichen Wäldern schlagen die Bürger jetzt ein Modellprojekt vor: Sanierung der Staatsstraße im Bestand, erklärt Gemeinderat und Naturschützer Albert Eding: "Wir schlagen vor, dass die bestehende Trasse nicht ausgebaut wird, sondern asphaltiert wird, vielleicht noch Bankette erneuern, aber mehr braucht es nicht. Wir wollen an diesem Modell zeigen, dass es funktioniert und dass alle Beteiligten damit gut leben können."

Diese Initiative wurde jetzt ans bayerische Bauministerium geschickt. Es wäre ein erster Schritt, um zu zeigen, dass nicht jedesmal größer gebaut werden muss und dass der Erhalt der Landschaft sogar Kosten spart, wenn Mobilität neu gedacht wird.

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