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Organspende: Gilt bald die Widerspruchslösung? | BR24

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Deutschland hat zu wenig Spenderorgane. Deshalb stimmt der Bundestag im Januar über einen Kurswechsel ab. Die Widerspruchslösung soll mehr Menschen zu Spendern machen. Ethiker befürchten jedoch mehr Verunsicherung.

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Organspende: Gilt bald die Widerspruchslösung?

Deutschland hat zu wenig Spenderorgane. Deshalb stimmt der Bundestag im Januar über einen Kurswechsel ab. Die Widerspruchslösung soll mehr Menschen zu Spendern machen. Ethiker befürchten jedoch mehr Verunsicherung.

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In der Neuro-Kopf-Intensivstation am Klinikum Rechts der Isar in München ist nichts zu spüren von der hektischen Betriebsamkeit einer Uniklinik. Die überwiegend älteren Patienten liegen meist bewegungslos in ihren Betten, die Augen geschlossen, der Mund weit offen, viele werden künstlich beatmet.

Organspender sind die Ausnahme

Oberarzt Jürgen Schneider ist Transplantationsbeauftragter der Klinik. Und Intensivmediziner. Schneider behandelt hier Menschen mit Schlaganfällen, Gehirnblutungen und schweren Kopfverletzungen. Er betont: Er und seine Kollegen im Rechts der Isar tun alles medizinisch Mögliche, um das Leben der Patienten zu retten.

"Der Gehirntod ist ein schicksalhafter Verlauf, dass trotz aller Maßnahmen das Gehirn so einen Schaden hat, dass es komplett abstirbt." Jürgen Schneider, Intensivmediziner

Nur wenn der Hirntod eintritt und von zwei Ärzten diagnostiziert worden ist, kommt ein Patient als Organspender in Frage. Und selbst dann gibt es Gründe, die dagegen sprechen.

"2018 hatten wir 21 Hirntodfeststellungen und davon sind sieben Patienten rausgefallen, weil sie zu krank waren, um Spender zu werden. Es blieben 14 übrig, davon hatten wir sieben Ablehnungen und sieben Spenden.“ Jürgen Schneider, Transplantationsbeauftragter Klinikum Rechts der Isar

In Umfragen sagen die meisten Ja zur Organspende

Sieben Organspenden innerhalb eines Jahres in einer Klinik mit mehr als 1.000 Betten. In Umfragen sagen mehr als 80 Prozent der Menschen, dass sie Organspende befürworten. 36 Prozent geben an, einen Spenderausweis zu haben. Intensivarzt Jürgen Schneider kann das nicht bestätigen. "Hier in der klinischen Praxis ist es allenfalls einer pro Jahr oder mal zwei. Also zehn, vielleicht 20 Prozent, die einen Organspendeausweis haben.“

Ablehnung der Angehörigen nimmt offenbar zu

Liegt kein Spenderausweis vor, müssen die Angehörigen entscheiden. Und die sagen oft Nein. Der Organspendebeauftragte Jürgen Schneider beobachtet, dass die Ablehnungsrate eher zunimmt: "Im Durchschnitt der letzten Jahre haben wir ungefähr 50 Prozent Ablehnungen.“

Jedes Jahr sterben mehr als 900 Menschen, die vergeblich auf ein Herz, eine Niere, Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse gewartet haben. "Ich fühle mich als Anwalt der Menschen, die ein Organ brauchen", sagt Jürgen Schneider. "Für die Menschen beginnt ein neues Leben und das ist meine Motivation.“

Ein neues Leben dank Spenderorganen

Sandra Zumpfe, Anfang 40, lila Brille, buntes Tattoo am linken Unterarm, hat von einer Verstorbenen ein gespendetes Herz und von ihrem Mann als Lebendspende eine Niere bekommen.

"Ich war 33 als ich die Diagnose gekriegt habe: Ohne neues Herz geht's nicht mehr. Jetzt hab ich ein super Leben und ich engagiere mich für andere Leute. Das ist doch ein Geschenk.“ Sandra Zumpfe, Transplantierte

Ein Geschenk, das die meisten Menschen annehmen würden. Das Geben fällt schwerer. In Spanien kommen mehr als 40 Spender auf eine Million Einwohner. In Österreich sind es 25. Deutschland ist mit zehn Spendern pro eine Million Einwohnern Schlusslicht in Europa. "Anscheinend müssen die Menschen gezwungen werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen", sagt Sandra Zumpfe, die sich im Bundesverband der Organtransplantierten engagiert.

Sandra Zumpfe wirbt für mehr Organspenden, bloggt aus ihrem von Schicksalsschlägen und Glücksmomenten geprägten Alltag und versucht als Patientenvertreterin, in politischen Gremien Einfluss zu nehmen. Viele hat sie schon überzeugt, wie zum Beispiel ihren Chef, Freunde, Familienmitglieder und auch Fremde am Infostand. Und doch reicht es nicht. "Wenn wir nicht wollen, dass immer mehr Menschen qualvoll auf der Warteliste sterben, dann müssen wir diese Widerspruchslösung in Angriff nehmen“, fordert Sandra Zumpfe.

Organspende: Zwei Gesetzesentwürfe im Bundestag

Bei der Widerspruchslösung ist jeder ein Organspender, es sei denn er widerspricht. So ist es in fast allen europäischen Ländern geregelt. Ob Deutschland nachzieht, entscheidet im Januar der Bundestag. Abgeordnete verschiedener Fraktionen haben einen Gesetzesentwurf für eine Widerspruchslösung eingebracht, unter ihnen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach.

Ein weiterer Gesetzesentwurf, den Abgeordnete um die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock eingebracht haben, sieht die Abfrage der Spendenbereitschaft bei Ärzten und Behörden vor.

Widerspruchslösung: Deutscher Ethikrat ist sich uneinig

Das Thema Widerspruchslösung ist hochumstritten – auch im Deutschen Ethikrat. Das Gremium hat kein einheitliches Votum zustande gebracht, jeder spricht für sich. Die stellvertretende Vorsitzende, Professorin Claudia Wiesemann, zählt zu den Gegnern der Widerspruchslösung.

"Nicht die Spendewilligkeit der Bevölkerung ist das Problem. Das Problem ist die mangelnde Bereitschaft der Krankenhäuser, am Organspendesystem teilzunehmen.“ Professorin Claudia Wiesemann, Deutscher Ethikrat

Das sei vielleicht einmal so gewesen, räumt der Organspendebeauftragte vom Klinikum Rechts der Isar ein. Jürgen Schneider hat die Krankendaten überprüft und festgestellt: Im Rechts der Isar fällt keiner mehr durchs Raster. "Die Patienten, die dem Hirntod nahe sind, werden mir schon gemeldet.“

Darf Schweigen eine Zustimmung zur Organspende sein?

Schweigen als Zustimmung - für die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann bleibt das eine Bankrotterklärung der moralischen Verantwortung. Für einen Intensivarzt sei es wichtig zu wissen, dass sich jemand ganz bewusst für eine Organspende entschieden habe. "Das würde mich in einer solchen Situation entlasten. Die Widerspruchslösung tut das nicht.“

Der Transplantationsbeauftragte Jürgen Schneider und die Transplantierte Sandra Zumpfe hoffen dennoch auf eine Gesetzesänderung, die die Menschen zur Entscheidung zwingt.