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Organmangel: Warum gibt es so wenig Spender? | BR24

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Bei der Organspende gehört Deutschland international zu den Schlusslichtern. Auch 2019 waren es weniger als 1000 Spender. Aber fast zehnmal so viele Patienten stehen auf der Warteliste für ein Organ. Warum gibt es zu wenig Spender?

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Organmangel: Warum gibt es so wenig Spender?

Bei der Organspende gehört Deutschland international zu den Schlusslichtern. Auch 2019 waren es weniger als 1.000 Spender. Aber fast zehnmal so viele Patienten stehen auf der Warteliste für ein Organ. Warum gibt es zu wenig Spender?

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Ängste, Zweifel und Vorurteile gegen Organspende - Sandra Zumpfe kennt sie alle. Als Bloggerin, in politischen Gremien, im Freundeskreis und an Infoständen wirbt sie für mehr Organspenden. Da erzählen ihr die Menschen dann, warum sie zögern.

"Die Angst, zu früh in den Tod geschickt zu werden, ist ganz groß." Sandra Zumpfe, Organtransplantierte

Charmant und leidenschaftlich versucht die 41-Jährige Wissenslücken zu füllen und Ängste zu nehmen.

Neues Leben nach Transplantation

Würden alle so denken wie die Zweifler, Sandra Zumpfe wäre seit sieben Jahren nicht mehr am Leben. Das Herz einer toten Spenderin war ihre Rettung. Von ihrem Mann bekam Sandra Zumpfe zusätzlich eine Niere. Die Lebendspende erlöste sie von der Dialyse. Und jetzt führt sie ein fast normales Leben, kann Treppen steigen und zur Not zum Bus sprinten, um ihn noch zu erwischen.

Die neuen Organe haben aus Sandra Zumpfe keine gesunde Frau gemacht. Sie muss 15 Tabletten am Tag schlucken, damit ihr Körper die Organe nicht abstößt. Das aber macht sie anfällig für Infektionen. Als Erzieherin kann die Münchnerin nicht mehr arbeiten. Aber sie lebt mit Genuss, trägt gerne bunt und geht unter Menschen.

Organspende: Entscheidung fällt vielen schwer

"So lange ich atme, habe ich Hoffnung" ließ sich die Organtransplantierte auf ihren linken Unterarm tätowieren. Ihre Hoffnung ist, dass der Gesetzgeber mehr Menschen zwingt, sich für oder gegen Organspende zu entscheiden.

"Weil, ich glaube, die die dagegen sind, sind gar nicht so viele. Aber die, die es ignorieren sind zu viele." Sandra Zumpfe, Organtransplantierte

Die Hemmschwelle, einen Organspendeausweis zu unterschreiben, sei offenbar für viele Menschen hoch.

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In Deutschland werden Organspender dringend gesucht! Wir haben Argumente für und gegen die Organspende gesammelt.

Nur die wenigsten haben einen Spenderausweis

Die Organspende in Deutschland basiert auf größtmöglicher Freiwilligkeit. Keiner wird gezwungen, sich mit dem Thema zu befassen. Dieses System macht es leicht, kein Organspender zu werden. Und so landet er oft im Altpapier: Der Organspendeausweis, den die gesetzlichen und privaten Krankenkassen flächendeckend an alle Mitglieder ab 16 Jahren verschicken.

In Umfragen sind fast alle für Organspende. Mehr als ein Drittel gibt an, einen Spenderausweis zu haben. In den Intensivstationen aber stellt sich heraus, kaum ein Patient hat ihn wirklich.

"Hier in der klinischen Praxis, ich mach das seit über zehn Jahren, sind es allenfalls einer pro Jahr, manchmal zwei." Dr. Jürgen Schneider, Transplantationsbeauftragter, Klinikum rechts der Isar

Hirntod ist auch in Großklinik ein seltenes Ereignis

Oberarzt Jürgen Schneider ist Transplantationsbeauftragter am Klinikum rechts der Isar in München. Seine Aufgabe ist es, Patienten zu erkennen, die den Hirntod erleiden könnten und damit für eine Organspende überhaupt in Frage kommen. Das sind in der über 1000-Betten-Klinik gerade mal um die 20 Patienten im Jahr.

Schneider beobachtet: Spenderausweise haben eher junge Leute, doch die älteren sind es, die mit größerer Wahrscheinlichkeit zum Spender werden.

"Vor 30 Jahren noch waren Organspender Patienten mit Auto- oder Motorradunfall. Heute sind es eher Patienten mit Hirnblutungen, die im höheren Lebensalter auftreten." Dr. Jürgen Schneider, Transplantationsbeauftragter, Klinikum rechts der Isar

Angehörige sagen oft nein zur Organspende

Tritt bei einem Patienten der Hirntod ein und es liegt kein Spenderausweis vor, müssen trauernde Angehörige die schwierige Entscheidung fällen. Eine Bürde, bei der die Hälfte nein sagt, ist die Erfahrung des Intensivmediziners. Im Klinikum Rechts der Isar habe 21 Hirntod-Feststellungen im Jahr 2018 gegeben. Davon kamen 14 tatsächlich als Spender in Frage – doch in sieben Fällen erteilten die Angehörigen ihre Zustimmung nicht und verwiesen auf den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen.

"Neulich hatten wir erst wieder den Fall, wo eine Ehefrau gesagt hat, ich bin schon für Organspende, aber ich glaube, er wollte es nicht. Dann haben wir uns dagegen entschieden, weil es gilt am Ende, wie der Patient entschieden hätte." Dr. Jürgen Schneider, Transplantationsbeauftragter, Klinikum rechts der Isar

Weil sich so viele zu Lebzeiten nicht entscheiden, steht jetzt der Systemwechsel im Raum. Wer nicht ausdrücklich widerspricht, gilt als Spender – so ist es in den meisten europäischen Staaten geregelt. Und alle haben viel mehr Organspenden.

Brauchen wir die Widerspruchslösung?

Das Thema Widerspruchslösung ist strittig, die Studienlage nicht eindeutig. Einige Experten bezweifeln, dass mehr Druck auf die Bürger wirklich mehr Spenden bringt.

Die Medizinethikerin Dr. Claudia Wiesemann hat sich im Deutschen Ethikrat gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Sie glaubt nicht, dass mangelnde Spendenbereitschaft der Bevölkerung der Grund ist, warum es zu wenig Organspenden gibt.

"Das Problem ist die mangelnde Bereitschaft der Krankenhäuser, am Organspendesystem teilzunehmen." Dr. Claudia Wiesemann, stellvertretende Vorsitzende Deutscher Ethikrat

Die Krankenhäuser und die Folgen des Manipulationsskandals

Ein Grund sei der Manipulationsskandal in einer Reihe von Transplantationszentren in Deutschland. Nach 2010 war unter anderem bekannt geworden, dass Ärzte Patienten auf dem Papier kränker erschienen ließen als sie waren, um sie auf der Warteliste nach vorne zu bringen und ihre Chancen auf ein Spenderorgan zu erhöhen.

Der Manipulationsskandal ließ die schon immer überschaubaren deutschen Spenderzahlen abrutschen. Von gut 1.300 im Jahr 2007 auf unter 800 zehn Jahre danach.

"Der Organspendeskandal hat zu einem deutlichen Vertrauensverlust geführt, interessanterweise vor allem bei den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen." Dr. Claudia Wiesemann, stellvertretende Vorsitzende Deutscher Ethikrat

Die Kliniken sind gesetzlich verpflichtet, Organspender zu melden. Wird das von den Krankenhäusern unterlaufen? Sicher nicht, stellt Siegfried Hasenbein von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft klar. Aber, räumt er ein, Skepsis habe es in der Vergangenheit schon gegeben.

"Nach meiner Auffassung hat sich dieses Misstrauen weitgehend beruhigt, wenn auch noch nicht vollständig." Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer Bayerische Krankenhausgesellschaft

Organspende Herausforderung für Kliniken und Personal

Eine Organspende bedeutet für jede Klinik und das Personal dort einen erhöhten Aufwand: Schwierige Gespräche mit den Angehörigen, die Vorbereitung eines hirntoten Spenders für die Organentnahme, ein OP muss bereitgestellt werden, Personal, das dem Explantationsteam assistiert.

Für Anästhesisten, Pflegekräfte, Ärzte ist die Situation eine besondere Herausforderung.

"Natürlich ist das schon auch eine emotionale Situation. Insbesondere, wenn man zum Beispiel Organe von einem Kind entnimmt. Da muss ich mir schon sehr vor Augen führen, dass auch dieses Kind tot ist und dass auch nichts, nichts mehr kommen würde, selbst man die Entnahme nicht durchführen würde." Dr. Hanno Nieß, Chirurg LMU Klinikum München

Den Beteiligten an der Explantation hilft das Wissen, dass sie mit den Spenderorganen anderen Patienten das Leben retten können. Es ist ihre Motivation. Wichtig ist dem Explanteur Hanno Nieß, dass alle der Organspende zustimmen, auch die Angehörigen, damit es nicht zu einem Dissenz am Totenbett kommt.

"Weil natürlich bin ultimativ ich derjenige, der dann die Fakten schafft, und der sich dann auch dafür verantworten muss." Dr. Hanno Nieß, Chirurg LMU Klinikum München

Bessere Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser

Große Belastungen, hoher Einsatz, erheblicher Aufwand. Seit einer Gesetzesänderung voriges Jahr sind Organspenden für die Krankenhäuser zumindest kein Minusgeschäft mehr. Auch mehr Personal gibt es dafür.

Die besseren Rahmenbedingungen wirken sich positiv aus, betont der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Dadurch habe sich die Beteiligung der Kliniken stark verbessert, versichert Hasenbein, auch wenn es unter vielen engagierten Kliniken noch zögerliche gebe. Die versuche man, zu motivieren und unterstützen.

"Die müssen bislang nicht mit Sanktionen rechnen. Weil man ja nicht weiß, ob ein Krankenhaus, das zwei drei Jahre keinen Spender meldet, wirklich welche hatte." Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer Bayerische Krankenhausgesellschaft

Fallen Organspender in Krankenhäusern durchs Raster?

Kann es sein, dass in Krankenhäuser immer noch Organspender unbemerkt bleiben?

Der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft kann es nicht ausschließen. Das werde nicht systematisch untersucht, Zahlen kenne er nicht, sagt Siegfried Hasenbein.

Im Klinikum rechts der Isar in München hat Oberarzt Jürgen Schneider die Krankendaten überprüft und festgestellt: Dort fällt kein Organspender mehr durchs Raster.

"Also die Patienten, die dem Hirntod nahe sind, werden mir schon gemeldet." Dr. Jürgen Schneider, Transplantationsbeauftragter, Klinikum rechts der Isar

Das einzige Steigerungspotential, das der Intensivmediziner im Rechts der Isar sieht, ist: dass mehr Menschen der Organspende zustimmen.

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