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Es ist eine ganz miese Masche. Allein in Bayern ergaunerten Betrüger in diesem Jahr damit neun Millionen Euro. Womit? Mit Liebesbetrug im Internet. Genannt: Romance Scamming. Wer sind die Täter und wie kann man den Betrug erkennen?

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Online-Heiratsschwindler: So arbeiten Liebes-Betrüger im Netz

Sie spielen ihren Opfern die große Liebe vor und betrügen sie dann um Millionen. Die Fälle von Romance Scamming nehmen zu. Doch wer sind diese Liebes-Betrüger im Internet?

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Von
  • Rebekka Preuß

"Ich fühlte mich seelisch vergewaltigt", so beschreibt Helga Grotheer ihre Gefühle, wenn sie zurückdenkt, an den Moment, als sie realisierte, dass ihre "Internet-Liebe" ein Betrüger ist. Elf Jahre ist das her. Inzwischen ist Helga Grotheer vom Opfer zur "Jägerin" geworden. Sie spürt Scammer (engl. für "Betrüger") im Netz auf, sammelt ihre Daten, kooperiert mit der Polizei und hat so schon zu 50 Verhaftungen beigetragen.

Immer mehr Fälle von "Romance Scamming": Neun Millionen Euro Beute

Liebes-Betrug im Internet – auch Romance Scamming genannt – ist eine Betrugsmasche, die immer mehr zunimmt. Beim Bayerischen Landeskriminalamt wird Romance Scamming seit Juli 2019 schwerpunktmäßig erfasst. So sind für den Zeitraum 01.01.2020 bis 30.11.2020 bereits 550 Anzeigen bei der Polizei eingegangen. Die Täter erbeuteten neun Millionen Euro. Was durchschnittlich pro vollendeter Tat einer transferierten Summe von rund 20.000 Euro entspricht.

"Wir sehen Schäden pro Opfer im fünf- und auch sechsstelligen Bereich", sagt Josef Golder, Leiter des Kommissariats für Vermögens- und Wirtschaftsdelikte bei der Kriminalpolizei Ingolstadt. "Und wir haben heuer bei uns schon im Frühsommer eine starke Zunahme festgestellt. Praktisch im Wochentakt sind neue Fälle reingekommen. Im Vergleich zu den Vorjahren ist es auch bei uns eine deutliche Zunahme", so Golder weiter.

Täter nutzen emotionale Abhängigkeit ihrer Opfer aus

Aber wer überweist Hunderte oder Tausende Euro an einen unbekannten Liebhaber im Internet? Wie gehen die Täter vor?

Die Chats im Internet beginnen harmlos. Die Kontakte werden auch nicht nur auf Dating-Plattformen geknüpft. Die Täter schreiben potenzielle Opfer ebenso auf sozialen und beruflichen Netzwerken an.

"Die Täter stellen sich meistens als gut situiert und attraktiv dar", beschreibt es Josef Golder. "Häufig geben sie sich als Ingenieur auf einer Öl-Plattform aus, als Arzt, als Pilot oder als US-Soldat im Auslandseinsatz. Ganz typisch ist es auch, dass sich der Täter selbst als Opfer darstellt. Er erregt Mitleid. Er erzählt, seine Frau sei bei einem Autounfall gestorben oder an einer schweren Krankheit. So gewinnt er das Vertrauen." Bis die ersten Geld-Forderungen kommen, können Wochen und Monate vergehen, so Josef Golder. Der Täter beschwört mittlerweile seine Liebe zum Opfer. Er kündigt seinen Besuch in Deutschland an. Doch dann gibt es ein Problem. Einen Schicksalsschlag - und er bittet sein Opfer um Hilfe. "Hier sind der Phantasie der Täter keine Grenze gesetzt. Es fängt an bei kleinen Beträgen für Essen oder ein Hotel, da sie angeblich ausgeraubt wurden. Dann braucht er Geld für ein Flugticket, für Zollgebühren, für ein Anti-Terror-Zertifikat, für ein Anti-Geldwäsche-Zertifikat und so weiter", sagt Josef Golder.

Die Täter arbeiten mit Deep-Fakes und gefälschten Dokumenten

Aber warum fallen Menschen auf diese Masche herein?

Nachdem Helga Grotheer Opfer eines Romance Scammers wurde, gründete sie das Internetforum "RomanceScambaiter". Gemeinsam mit anderen Betroffenen warnt sie hier vor falschen Profilen. So veröffentlicht sie zum Beispiel die Profil-Fotos von Männern und Frauen, die die Täter im Netz klauen, um damit ihre Betrugs-Profile anzulegen.

"Also, es kann wirklich jeder Opfer werden. Es gibt da keine Unterschiede", sagt Helga Grotheer. "Wir haben sogar eine Polizistin, die gesagt hat: Mensch, ich habe immer gesagt, ich kenne mich mit dem Thema aus, mir würde das nie passieren und auch ihr ist es passiert. Man ist irgendwann emotional gefangen. Man ist ja auch richtig verliebt. Dann machen die ganz langsam Gehirnwäsche und irgendwann kann man gar nicht mehr richtig denken. Man denkt nur noch: Oh, ich muss ihm helfen."

Für Video-Telefonate bearbeiten die Täter ihre gestohlenen Profil-Fotos mit Deep-Fakes, so dass es selbst hier dem Opfer nicht auffällt, dass sein Gegenüber gar nicht echt ist. Ebenso fälschen sie Dokumente – zum Beispiel von den Vereinten Nationen, von der US-Army oder von der englischen Regierung – um ihre erfundenen Schicksalsschläge zu belegen.

Täter missbrauchen ihre Opfer als Geldwäscher

Ein weiterer Trick der Täter ist es, ihrem Opfern zunächst selbst Geld zu überweisen, bevor sie dann von ihm Geld fordern.

"Das macht den Sinn, dass beim Opfer Vertrauen aufgebaut wird", erklärt Josef Golder von der Kriminalpolizei Ingolstadt. "Wenn mir jemand 10.000 Euro überweist, dann ist er doch vertrauenswürdig? Tatsächlich stammt das Geld von anderen Romance-Scam-Opfern, die in gutem Glauben, das Geld auf dieses deutsche Konto überweisen. Wenn die Empfängerin oder der Empfänger das Geld dann an seine Internet-Liebe im Ausland überweist, könnte sie/er sich der leichtfertigen Geldwäsche strafbar machen."

"So stellen wir auch fest", erklärt Josef Golder weiter, "dass manche Fälle nur bekannt werden über Kontobewegungen - über Geldwäsche-Verdachtsanzeigen, die Banken erstatten. So kommen wir auf Geschädigte, die selber keine Anzeige erstattet haben. Insofern ist die Vermutung schon naheliegend und auch belegbar, dass es hier eine erhebliche Dunkelziffer gibt.

Scham und Not der Opfer sind groß

Viele Opfer schweigen und erstatten keine Anzeige, weil sie sich schämen, sagt Helga Grotheer. Die Täter wüssten durch die monatelangen Chats ganz genau, was bei den Opfern zu holen sei, weiß auch Josef Golder: "Es ist auch so, dass manche Opfer Kredite aufnehmen und dass sie sogar ihre Immobilie belasten, um an Geld zu kommen, das sie dann dem Täter zukommen lassen."

Die Täter sitzen häufig in West-Afrika

Die Täter sitzen zum großen Teil in West-Afrika. Sie sind den Ermittlern auch als sogenannte "Nigeria-Connection" bekannt. Aber es gebe auch immer wieder Täter hier in Deutschland, sagt Ermittler Josef Golder. Sie seien gut organisiert, arbeiteten bandenmäßig. Die Hintermänner in West-Afrika seien nur schwer greifbar. Sobald Opfer Geld ins Ausland überwiesen hätten, sei dieses auch meistens weg. Aber es gebe auch Mittäter in Deutschland, die ihr Konto für Geldtransfers zur Verfügung stellen. Hier ließen sich durchaus Erfolge bei der Ermittlung erzielen und auch Geld zurückholen, so Josef Golder. Am besten sei es, wenn Opfer ihre Anzeigen schnell erstatteten. Meistens habe man nur zwei Tage Zeit, bis das Geld weiter ins Ausland gehe. Eine Anzeige wegen Betrugs sollten Opfer aber in jedem Fall bei der Polizei machen.

Wie kann man sich vor Liebes-Betrug schützen?

Die häufigsten Opfer von Liebes-Betrug im Internet sind Frauen zwischen 40 und 60 Jahren. Aber auch Männer und junge Leute unter 30 fallen auf die vorgetäuschte Liebe im Netz herein, sagt Josef Golder von der Kriminalpolizei Ingolstadt. Wer sich zum Beispiel nicht sicher ist, ob sein Chat-Partner "echt" ist, sollte das Profil-Foto über die Rückwärts-Bilder-Suche im Internet checken, rät Polizist Josef Golder. Oder es an ein Internetforum wie die RomanceScambaiter von Helga Grotheer schicken. Sie und ihre Mitstreiterinnen überprüfen die Bilder.

Helga Grotheer kam "ihrem" Betrüger vor elf Jahren übrigens nur durch einen Zufall auf die Schliche. Als sie ihm eine E-Mail schrieb, tippte sie seine Adresse nicht in das Eingabefeld im E-Mail-Account, sondern ins Google-Suchfeld. Plötzlich bekam sie Einträge zum Thema Romance-Scam mit dem Foto ihres Liebsten angezeigt. Der angebliche Ingenieur wollte zu diesem Zeitpunkt 7.000 Euro von ihr, um Baumaschinen in Afrika durch den Zoll zu bekommen. Helga Grotheer hat nicht gezahlt. Und genau das rät auch die Polizei: Sei die Liebe auch noch so groß – überweisen Sie niemals Geld an Menschen, die sie noch nie persönlich getroffen haben.

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