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Coronavirus - Impfung

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    Ohne Impfung kein Präsenzunterricht? Ein Pro & Contra

    Alle Lehrer in Bayern sollen ein Impfangebot erhalten, bevor sie nach Ostern wieder in die Klassenzimmer zurückkehren. Das hat der Lehrerverband BLLV von Ministerpräsident Söder gefordert. Verständlich oder nicht?

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    Von
    • Fabian Mader
    • Heike Simon-Gerleit

    Pro

    Rund drei Millionen Impfdosen liegen in Deutschland auf Halde. Das heißt: Drei Millionen Menschen sind nicht geimpft, obwohl sie es längst sein könnten. Warum? Weil es in Deutschland anscheinend wichtiger ist, dass sich niemand vordrängelt, anstatt Leben zu retten. So geht's nicht weiter. Wir müssen die Impfbürokratie lockern und da ist es sinnvoll, gerade die Gruppe der Lehrerinnen und Lehrer vorzuziehen.

    Und das aus mehreren Gründen. Die meisten von uns versuchen derzeit, Kontakte zu vermeiden. Beim Einkaufen haben viele ein schlechtes Gefühl, wenn jemand ins selbe Regal greift. Lehrende können sich das nicht aussuchen. Im Präsenzunterricht - und um den geht es - stehen sie mehrere Stunden am Tag in einem geschlossenen Raum. Sie sprechen teilweise mit mehreren hundert Kindern. Sie wechseln zwischen Klassen hin und her, tragen das Virus also möglicherweise weiter. Dabei sind viele Pädagoginnen und Pädagogen über 60, also bereits in einem Alter, in dem Corona regelmäßig gefährlich wird.

    Da sagt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband zu Recht: Präsenzunterricht gibt es nach Ostern nur noch gegen ein Impfangebot - und nicht auf eigenes Risiko. Es gäbe auch noch einen ganz praktischen Grund, der für eine geimpfte Lehrerschaft spricht: Der Staat könnte deren Arbeitgeber - also die Schulen - anweisen, alle Pädagoginnen und Pädagogen zur Impfung zu motivieren. Irgendwie müssen die Millionen Impfdosen, die auf Halde liegen, ja wegkommen.

    Autor: Fabian Mader

    Contra

    "Jetzt reicht’s", so titelt also der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband den aktuellen Brandbrief an Ministerpräsident Söder, unterschrieben von der Vorsitzenden Simone Fleischmann.

    Ja, Frau Fleischmann, "Jetzt reicht’s" - und zwar mit Ihrer stetigen und unverhältnismäßigen Klage, Sie und ihre 66.000 Mitglieder seien die Hauptopfer und meist gefährdeten Menschen in dieser uns alle betreffenden Pandemie. Sind Sie nicht. Wir alle sitzen im selben Boot. Das ist das Wesen einer Pandemie.

    Wenn Sie jetzt Ihrem Dienstherren damit drohen, dass Sie nach den Osterferien nur dann "einen Fuß in die Schule setzen" – so heißt es wörtlich in Ihrem Brief, wenn die gesamte Lehrerschaft im Vorfeld ein Impfangebot erhalten hat, dann überschreiten Sie eine Grenze. Sie schaden dem Ansehen der Lehrerinnen und Lehrer, sie schaden den Kindern, den Jugendlichen, die Ihnen vertrauen und es gemeinsam mit Ihnen endlich wieder tun wollen: In die Schule gehen. Sie schaden Müttern und Vätern, die am Ende ihrer Kräfte sind. Mit der massiven Überbelastung ihrer Kollegenschaft, von der Sie schreiben, sind sie also nicht alleine.

    Ja, jetzt reicht‘s! Sie überschreiten eine Grenze. Als großenteils verbeamtete Pädagogen und Pädagoginnen Ihrem Dienstherren gegenüber und auch den vielen Bürgerinnen und Bürger in diesem Land gegenüber, die zufällig keine Lehrer sind, die an der Supermarktkasse arbeiten, die als Heizungsinstallateure unterwegs sind, das kleine Stadtkino betreiben, die in Kurzarbeit sind - und Steuern zahlen u.a. für die Schulbildung ihrer Kinder.

    Dass der Bayerische Bildungsminister ein kluges Konzept schuldig bleibt, dass digitales Lehren und Lernen bei uns in den Babyschuhen steckt, all das ist beklagenswert und zu diskutieren - aber es rechtfertigt in keiner Weise Ihre Drohung und ihr "Lehrer first" - Denken. Wir alle wollen und sollten geimpft werden – oder zumindest die meisten von uns. Wenn die Lage es nicht hergibt – und das ist bitter und traurig genug, sollten sich zumindest die Staatsdiener und – dienerinnen im Sinne des Allgemeinwohls verhalten und helfen, statt zu drohen. Ja, jetzt reicht’s.

    Autorin: Heike Simon

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